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Gutes Beispiel für digital-inklusive Bildung:
Waldschule Hatten

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Mehrere Gebäudeteile der Waldschule Hatten aus der Luft fotografiert. Auf einem Gebäudeteil ist eine Solaranlage angebracht.
Schulen gelten häufig als wenig dynamisch, wenn es darum geht, sich an gesellschaftliche Veränderungen anzupassen. Dass es auch anders geht, beweist die Waldschule Hatten, die eine Vorreiterrolle in Sachen digitaler Bildung eingenommen hat. Schulleiterin Silke Müller berichtet im Interview, wie die Schulreform gelungen ist, wie die Waldschule ihren digitalen Herzschlag koordiniert und warum auch Bedenkenträger im Kollegium wichtige Erfolgsfaktoren sind.

Was waren die wichtigsten Schritte auf dem Weg zu einer digitalen, inklusiven Schule?

Gestartet sind wir 2009 mit einem Laptop-Projekt des Landes Niedersachsen, bei dem alle Kinder ein eigenes Laptop bekommen haben. Es gab viele engagierte Kolleg*innen, die anschließend weitere Schritte gehen wollten. Ich habe mich damals in dieser Projektgruppe engagiert, weil ich Technologie und Entwicklung immer spannend fand. 

Schließlich hatten wir einige Projektklassen mit iPads. Dann kam ein entscheidender Moment, als die anderen Klassen plötzlich fragten: Die sind iPad-Klassen und wir nicht? Dann sind wir nix? Da habe ich gedacht: Moment mal, ein Gerät entscheidet über Selbstwertgefühl, kann das sein? Dann haben wir jetzt ein großes Problem. Wir haben daraufhin versucht uns zu strukturieren, zu evaluieren. Daraus entstand der Gedanke: Es muss doch in unserem Zeitalter normal sein, dass jede*r einen Zugang zur digitalen Welt hat. Uns war klar: Es kann nicht jede*r einfach sein eigenes Gerät mitbringen. Es geht immer um Struktur und Systematik. Das ist auch wichtig in Bezug auf Chancengleichheit. Wir haben uns dann dafür entschieden, dass alle Kinder, die zu uns kommen ab Jahrgang 7 ein elternfinanziertes Tablet brauchen. Ich habe damals gesagt, es scheitert nicht am Geld. Wenn jemand sich das nicht leisten kann, soll er mit uns sprechen. Interessanterweise war der Aufschrei aber nicht so groß, wie wir eigentlich gedacht hatten.
 
So entstand die Systematik. Tatsächlich hat die Entscheidung, die Schule grundlegend zu reformieren – und zwar dahingehend, dass plötzlich überall WLAN war und jede*r ein Gerät hatte – zur Ruhe geführt. Denn es gab eine Entscheidung, in welche Richtung es geht. Das fanden vielleicht nicht alle gut und der digitale Hype war vielen auch zu viel. Es hat sich trotzdem niemand versetzen lassen, sondern alle haben weitergemacht. Jeder Teilbereich der Schule wurde dann nach und nach digitalisiert. Jetzt ist es völlig normal, dass wir über IServ als Plattform sprechen, dass wir ein digitales Klassenbuch haben und dass die Kinder hier ständig mit den Geräten herumlaufen.

Wie haben Sie es geschafft, im Kollegium alle mitzunehmen?

Durch den Mehrwert, da wir aufgezeigt haben, welche Erleichterung das digitale Arbeiten bringt. Wir haben aber auch mit Dienst-Verpflichtungen gearbeitet und gesagt: Das gehört jetzt zum Profil dieser Schule und wir erwarten das. Bei den Fachbereichs-Konferenzen muss bei uns jede Fachkonferenz den Punkt „Neues aus der digitalen Welt“ haben. Es gibt also eine Art Selbstverpflichtung, über das Thema zu sprechen. Einige Fortbildungen sind auch tatsächlich verpflichtend. Jede*r soll zumindest wissen, wovon wir reden, wenn wir über künstliche Intelligenz und Robotik sprechen. Auch durch eine gewisse Art von Verpflichtung kriegst du die Kolleg*innen. Die machen möglicherweise nicht den besten digitalen Unterricht, sie sind auch nicht so innovativ, aber sie sind nicht abgehängt und nicht abgesprungen. 

Es gibt diejenigen, die Entwicklung treiben - das sind die Freiwilligen, die Bock haben und sagen: Lass uns das machen, das ist super. Die stecken vielleicht auch den einen oder anderen an. Dann hast du diejenigen, die eine gemütliche Bewahr-Haltung haben, die sorgen für die solide Abdeckung des Unterrichts. Das ist auch gut. Und dann hast du eben die Grundsatz-Bedenkenträger*innen. Die sind aber gar nicht so unwichtig, weil du durch einen gewissen Innovationsdrang auch schnell Dinge übersiehst. Dann gibt es manchmal Probleme, die man gar nicht mehr sehen kann oder nicht sehen will. Dann bedeutet das manchmal auch, vielleicht wieder drei Schritte zurückzugehen und zu fragen: Was haben wir übersehen? Wo sind wir falsch abgebogen, dass wir Kolleg*innen verloren haben, insbesondere bei einem großen Kollegium? Diese Bedenkenträger*innen an sich sind für Entwicklungsprozesse sehr wichtig, da sie spiegeln, dass du manchmal zu schnell bist, möglicherweise nicht tief genug arbeitest und Dinge übersiehst. Wenn wir die nicht hätten, würden wir viel mehr Fehler machen.
Silke Müller, eine Frau mit blonden Haaren, lächelt in die Kamera.

Silke Müller

... ist Schulleiterin an der inklusiven Waldschule Hatten. Mit viel Engagement hat sie hier ein innovatives Schulkonzept vorangebracht, bei dem digitale Medien in alle Schulbereiche einfließen.

Heute würde ich einer Schule, die anfängt, raten: Sprecht mit dem Schulträger, dass sofort jemand kommen muss, der*die zumindest die Technik macht, der*die das Gerüst und das Fundament baut. Wir sind keine ITler*innen und das ist eigentlich auch nicht unsere Aufgabe. 

Silke Müller, Schulleiterin Waldschule Hatten

Wie ist das digitale Leben an der Waldschule Hatten organisiert?

Wir haben mittlerweile sieben Leute, die das Digital-Team bilden, und das bei 84 Kolleg*innen. Wir haben keine einzige Entlastungs-Stunde für Digitalisierung vom Land bekommen. Es gibt auch niemanden von außen, weil es noch keine ITler*innen von den Gemeinden gibt. Heute würde ich einer Schule, die anfängt, raten: Sprecht mit dem Schulträger, dass sofort jemand kommen muss, der*die zumindest die Technik macht, der*die das Gerüst und das Fundament baut. Wir sind keine ITler*innen und das ist eigentlich auch nicht unsere Aufgabe. Unser Digital-Team koordiniert unseren digitalen Herzschlag. Die haben sensible Daten und sensible Geräte, also haben sie eine eigene Räumlichkeit bekommen. Und dann hat jeder und jede einen eigenen Schwerpunkt gefunden. Es gibt also jemanden für die Administration, für IServ oder für die Geräte. Gleichzeitig haben wir Kolleg*innen, die Schulentwicklung betreiben und immer auf der Suche nach neuen, innovativen Methoden sind. Dann gibt es die Berater*innen und die Fachberater*innen. Eine Person für Digitalisierung und Inklusion und so weiter. Alle haben den Überblick über alles, aber jeder und jede ist für den eigenen Schwerpunkt ausgebildet. 

Woher hatten Sie und Ihre Kolleg*innen anfangs das nötige Knowhow?

Das war tatsächlich alles Trial-and-Error. Wir sind gegen unzählige Wände gelaufen, haben aber an einigen Stellen auch festgestellt: Das funktioniert! Das Problem ist: Es gibt nach wie vor keine richtige Didaktik in diesem Bereich. Es entstehen gerade erst die ersten Bücher über Digitalität.

Ich glaube, wir haben viele falsche Schritte gemacht, weil wir nicht von vornherein Universitäten eingebunden haben. Man hätte jederzeit Studierende oder Promovierende her holen können mit dem Auftrag, das zu begleiten, was wir tun. Man macht dann ein Forschungsvorhaben daraus und sagt: Sei einfach da und guck dir an, was wir hier tun. Mach es messbar. Das würde ich allen raten, die anfangen!

Mittlerweile hat die Methode, alles nach und nach zu digitalisieren, auch dazu geführt, dass Digitalisierung gar nicht mehr im Vordergrund unserer Schule steht. Interessanterweise haben wir mittlerweile andere Themen auf der Agenda, nämlich Nachhaltigkeit und anderes. Das heißt, plötzlich ist das Digitale normal geworden.

Wie haben Sie die Fortbildungen für die Kolleg*innen organisiert?

Wir haben ein Fortbildungs-Karussell entwickelt. Das heißt: Alle drei bis vier Wochen in der Mittagspause gibt ein Kollege oder eine Kollegin einen Input und stellt eine neue App vor. Das Gute ist in dem Bereich: Du schaust dir eine App an und nach zehn Minuten hast du eigentlich verstanden, um was es geht. Dann bekommst du noch ein bisschen Input, wie du das fachspezifisch nutzen kannst. Einige Kolleg*innen verpflichten wir, dahin zu gehen. Neue Kolleg*innen müssen zum Beispiel alle verpflichtend durch eine IServ-Fortbildung und durch Knöpfchenkunde fürs iPad, damit sie wissen, was sie mindestens können müssen. Zusätzlich gibt es die freiwilligen Angebote. In der Corona-Zeit haben wir die Fortbildungen digital über Zoom als Plattform gemacht. Es wurde aufgezeichnet, sodass automatisch YouTube-Links daraus erzeugt wurden. Das wiederum mündete in eine Plattform, die wir „Sofa“ genannt haben: Selbstorganisiertes Fortbildungsangebot der Waldschule Hatten. Da findet man ein Wiki zu verschiedenen Apps und Aufzeichnungen der Webinare. 

Sofa haben wir in Auftrag gegeben, es hat rund 6.000 Euro gekostet. Wir haben dann mit der Gemeinde gesprochen, die wiederum die Förderrichtlinie vom Digitalpakt durchforstet hat. Da Lernplattformen förderfähig sind, haben wir das Geld erstattet bekommen. Das ist übrigens auch mein Grundsatz: Es gibt für alles Geld, du musst nur wissen, woher.

Was ist Ihre Rolle als Schulleitung in diesem Prozess?

Man muss sich als Schulleitung als Motor verstehen und die Kolleg*innen ein bisschen antreiben. Das heißt aber auch, dass der Begriff der Agilität sehr wichtig ist. Man muss links und rechts gucken und hin- und herspringen und sagen: Okay, den lade ich mal ein oder mit der spreche ich mal. Das ist zeitaufwendig. Das stößt auch nicht unbedingt auf Verständnis, weil viele, die nichts mit Schule zu tun haben, sagen: Du bist Beamte, was soll das? Aber es gibt viele von uns, die einfach Bock auf Entwicklung haben. Das gehört dazu, ohne das geht es nicht und das bezahlt dir keine*r. Für mich ist die größte Bezahlung der Erfolg an den Kindern. Das muss man sich irgendwie bewahren. Das Ziel ist, dass die Kinder eine gute Zukunft vor sich haben oder zumindest die bestmögliche, die wir ihnen eröffnen können.

Wie lief die Kommunikation mit dem Schulträger?

Scheinbar wird Schulleitungen in die Wiege gelegt: Du darfst dich nicht mit dem Schulträger verstehen. Es ist so eine Grundsatzregel: Jede*r schimpft immer auf jede*n, an vielen Stellen auch zu Recht. Ich aus meinem Praxis-Ansatz komme nicht aus der Verwaltung, und die Politik muss wieder andere Dinge im Auge haben. Das heißt, wir haben im Grundsatz automatisch Dissens. Aber wenn ich die Sache in den Fokus stelle und sage: Ich möchte für die Kinder was erreichen. Dann muss es die Aufgabe sein, Kompromisse zu finden. Und es ist auch gut, humorvoll mit den Themen umzugehen. Ich halte ganz viel von Austausch-Runden, wo man Dinge eben nicht zwischen Tür und Angel klärt, sondern zum Beispiel etwas essen geht oder gemeinsam einen Kaffee trinkt. Da bespricht man die Themen besser – insbesondere strittige Themen. Und das Ziel muss immer sein, im Konsens auseinander zu gehen.

Was würden Sie einer Schulleitung raten, die sich auf den Weg machen will?

Ich glaube, dass das Zauberwort für Schulentwicklung im Moment sowohl im inklusiven Bereich als auch im digitalen Bereich wirklich Vernetzung ist. Und zwar auf Augenhöhe, miteinander und füreinander. Sucht euch Partnerschulen, vernetzt euch miteinander, weil allein der Gang durch andere Schulhäuser so beflügelnd ist. Gemeinsam kämpfen wir doch für die gleichen Kinder. 

Wir machen nichts besser als andere. Aber wir kochen länger mit dem Wasser und wissen vielleicht an bestimmten Stellen, wann es überkocht oder wann es einfach mehr Gas braucht, um überhaupt warm zu werden. Diese Erfahrungen weiterzugeben – das ist schon sehr, sehr hilfreich.

Für den Start könnte man sich zum Beispiel ans Forum Bildung Digitalisierung oder an die Bitkom wenden und einfach sagen: Was gibt es schon in der Region? Könnt ihr uns Tipps geben? Man muss ja nicht immer quer durch Deutschland reisen. Mittlerweile gibt es auch gute Vernetzungsmöglichkeiten durch Videokonferenzen. Das haben wir alle durch Corona gelernt: Distanz lässt sich ziemlich schnell überwinden. Sich Netzwerken anzuschließen, ist im Moment tatsächlich der Schlüssel, um ganz schnell voranzukommen. Aber niemand wird uns einfach ein Konzept reichen und sagen: Hier – ihr müsst es jetzt nur noch machen! 
Lehrer Hauke Behrens sitzt an einem Tisch. Ihm Gegenüber und nur unscharf von hinten zu sehen ist eine weitere Person mit Laptop vor sich.

"Man muss nicht in allem perfekt sein"

Hauke Behrens ist Lehrer und didaktischer Leiter an der Waldschule Hatten. Da seine Schule zu den bundesweiten Vorreitern in Sachen digitale Bildung zählt, sind Tablets und Smartboards schon lange fester Bestandteil seines Schulalltags. Als didaktischer Leiter ist er dafür verantwortlich, das Digitalkonzept der Schule stetig weiterzuentwickeln und mit der inklusiven Ausrichtung der Schule zu verknüpfen.

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Anmerkung: Die Namen der Schüler*innen sind von der Redaktion geändert.