Mehr Gleichberechtigung für die Mobilität der Zukunft

Die Publizistin Katja Diehl begleitet die Diskussion um eine Verkehrswende aus feministischer Sicht. In ihrem Beitrag zum Inklusionsbarometer Mobilität nimmt sie speziell die Perspektive von Frauen mit Beeinträchtigung ein. 

Weibliche Mobilität, aber noch mehr die von Gruppen, die mehrfach marginalisiert in Deutschland leben, wird immer noch als „das andere“ definiert, weil sich aktuell die gesamte Verkehrsplanung am männlichen Mobilitätsverhalten orientiert. Jetzt zucken wieder einige und neigen dazu, diesen Artikel nicht bis zum Ende zu lesen. Bitte bleiben! Denn das Gute an einer feministisch orientierten Verkehrswende ist, dass alle mitgedacht werden. So auch Männer. Gern erkläre ich, warum ich das so sehe.

Deutlich mehr Frauen als Männer nutzen öffentliche Verkehrsmittel, Fahrräder und gehen zu Fuß. Ein detaillierter Blick in die Umfrage des Inklusionsbarometers Mobilität zeigt allerdings, dass dies für Frauen mit Beeinträchtigung nicht der Fall ist. Nahezu alle abgefragten Möglichkeiten der Teilhabe an Mobilität werden von Frauen mit Beeinträchtigung am seltensten genutzt. Ein Grund dafür könnte sein, dass Frauen mit Beeinträchtigung häufiger in Teilzeit arbeiten und stärker durch Haushalts- und Familienaufgaben an ihr Zuhause gebunden sind als Männer. Wenn ein Haushalt ein Auto besitzt, wird dieses zumeist vom Mann benutzt. Die Pandemie hat erste Errungenschaften der Veränderung leider gleich wieder einverleibt. Frauen blieben zu Hause, um Kinder und pflegebedürftige Angehörige zu versorgen. Diese Arbeit und die damit verbundenen Wegzeiten sind unbezahlt und damit im Vergleich zur Erwerbsarbeit „unsichtbar“. Es gibt kaum Statistiken über diese Wege, da sie unter „Erledigungen“ und anderen schwammigen Begriffen zusammengefasst werden. Ein Schritt in die richtige Richtung wäre, die Verkehrsplanung um nicht bezahlte Wege zu erweitern, um Angebote zu schaffen, die attraktiv auch für diese Gruppen sind. Plus: In Deutschland leben 26 Millionen Menschen ohne Führerschein, weil sie zu jung für diesen sind oder als Erwachsene keinen haben. Eine große Gruppe, die dort, wo es keine Alternativen zum Auto gibt, komplett abhängig von anderen ist.

Wir brauchen für Gleichberechtigung Wegeketten statt „Stichverkehr“

Frauen machen mehr und kürzere Wege zu unterschiedlichen Zeiten, was der ÖPNV und das Fehlen von sicheren Radwegesystemen verunmöglicht. Der Ausdruck „Hauptverkehrszeit“ bezieht sich auf die klassischen Pendler*innenzeiten morgens zur Arbeit und nachmittags zurück. Damit ist die bezahlte Arbeit gemeint – nicht jedoch die unbezahlte, die bei Frauen zusätzliche Wege erzeugt. Untersuchungen der Weltbank zeigen, dass drei Viertel der für Verkehr bereitgestellten Mittel noch bis vor zehn Jahren in den Ausbau von Straßen floss. Erneutes Zeichen für die Vernachlässigung nicht motorisierter Mobilität. Was also heißt das für die „neue Mobilität“, die vor allem unabhängig vom privaten Auto machen will?

Junge Fru mit hochgesteckten dunklen Haaren und großer Brille
Katja Diehl ist Autorin, Podcasterin und Beraterin. Sie setzt sich für die Themen Mobilität der Zukunft, Verkehrswende und Diversität ein und meint: Jede*r sollte ein Leben ohne eigenes Auto führen können.
© Amac Garbe

Das Inklusionsbarometer Mobilität 2022 zeigt, dass sich Frauen im ÖPNV und generell nachts auf den Straßen unsicherer als Männer fühlen, besonders Frauen mit Beeinträchtigung.

Kennt männliche Mobilität die Bedeutung von „Sicherheit“?

Bei der Recherche zu meinem Buch #Autokorrektur habe ich festgestellt, wie viele Facetten der Wunsch nach Sicherheit umfasst. Sichere Haltestellen, sichere Wege, sichere öffentliche Räume. Und zwar nicht nur für Frauen, sondern auch für Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen, die sich nicht in das binäre System von Frau und Mann einordnen wollen oder anders lieben, als es die sogenannte „Norm“ tut. Sie alle sind in einer männlich, weiß und gesund geprägten Mehrheitsgesellschaft enorm sichtbar, weil sie „die anderen“ und damit der Gefahr von Übergriffen ausgesetzt sind. Warum kennen Angebote wie Google Maps zwar den schnellsten, aber nicht den sichersten Weg? Ich denke, nicht zuletzt deswegen, weil Männer sich nicht mit Priorität A mit der Sicherheit von Wegen beschäftigen müssen. Denn es sind die Frauen, die rein statistisch einem höheren Risiko ausgesetzt sind, Opfer von Verbrechen und Gewalt zu werden. Und natürlich geschieht dies auch im öffentlichen Raum und bei der Nutzung von Nahverkehrsangeboten. Fix the system – not the women (frei übersetzt: "Passt das System an - nicht die Frauen"). Dieser Spruch hat überall Bedeutung, auch in der Gestaltung eines zukunftsfähigen, barrierefreien, sicheren ÖPNV. In einigen Städten haben über 90 Prozent der Frauen sexuelle Belästigung in öffentlichen Verkehrsmitteln erlebt. Natürlich führt dies zu einer Einschränkung der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel und damit zu einer Einschränkung der Lebensqualität, des Zugangs zu Bildung, Kultur und Freizeitmöglichkeiten von Frauen. Vor allem dann, wenn kein Pkw im Haushalt vorhanden ist. Frauen bevorzugen eher Tür-zu-Tür- und Mitfahrdienste, um sicher zu Hause anzukommen. Denn gerade der Weg vom ÖPNV zur eigenen Haustür wird als unsicher und gefährlich wahrgenommen. So ersetzten Frauen in manchen US-Städten teure Taxifahrten durch Fahrten mit dem E-Scooter, weil sie sich auf diesen sicherer fühlten als zu Fuß. Enrique Peñalosa, der Bürgermeister von Bogotá, ist mit mir einer Meinung: „Ein entwickeltes Land ist kein Ort, an dem die Armen Autos haben. Es ist der Ort, an dem die Reichen die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen.“ Auch das vorliegende Inklusionsbarometer Mobilität 2022 zeigt deutlich, dass sich Frauen im ÖPNV und generell nachts auf den Straßen unsicherer als Männer fühlen. Besonders unsicher fühlen sich dabei Frauen mit Beeinträchtigung. Frauen bevorzugen statt Notrufknöpfe Personal, an das sie sich im Fall einer Belästigung direkt wenden können. Was nutzt die aufgezeichnete Belästigung, wenn sie geschehen und zunächst ungeahndet bleiben kann?

Fazit: Die Einbeziehung von Frauen in den Planungsprozess ist ein wichtiges Element

Mehr Frauen müssen in die Entscheidungsfindung und die Rekrutierung einbezogen werden, um einen Transportsektor zu schaffen, der für alle konzipiert ist. Gleiches gilt für die Sicherheit an Bahnhöfen, hier sollten Aufenthaltsräume bis nach der Einfahrt des letzten Zuges bewacht sein. Sicherheit sollte uns etwas wert sein, gerade, wenn wir gemeinsam die Verkehrswende stemmen möchten.

Illustration einer Frau mit Einkaufsroller, die Angst hat vor drei jungen Männern, die ihr im Weg stehen.

Das könnte Sie auch interessieren