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Eine Tafel, auf die eine Hand ein Frage- und Ausrufezeichen schreibt.

Inklusion in der Bildung: Fragen und Antworten

06.02.2019
Erfahrung
Ich würde mir gerne mal anschauen, wie inklusive Schulen tatsächlich arbeiten. Wo finde ich gute Beispiele? Wie gehe ich bei einem Besuch am besten vor?

Preisgekrönte Schulen des Jakob Muth-Preises oder des Deutschen Schulpreises sind einen Besuch wert. Etliche Portale der Länder (Bezirksregierungen, Schulämter, Inklusionsbeauftragte) und auch Kommunen, die häufig stolz auf ihre inklusiven Schulen sind und sie offensiv unterstützen (wie z.B. Oldenburg oder Bremen), haben aktuelle Informationen, die man dort gezielt erfragen kann. Ferner bieten Elternverbände wie z.B. „Mittendrin e.V.“ oder „Gemeinsam Leben gemeinsam Lernen“ Listen mit Schulen, die in Frage kommen können. Und auch die Zentren für Lehrerbildung kennen sich gut aus und können angefragt werden.

Wichtig ist zudem die Frage, WIE schaue ich mir die Schulen eigentlich an? Was sehe ich und was sehe ich nicht? Und wie kann ich gewährleisten, dass ich offen an die neuen Erfahrungen herangehe? Und dass ich wirklich erleben kann, wie es allen Beteiligten in der Schule geht? Bewährt haben sich kleine Hospitationsgruppen, die den Besuch gemeinsam vor- und nachbereiten, um später über die Erfahrungen in der eigenen Schule zu berichten.

Und noch etwas: Fragen Sie sich doch mal: WO entdecke ich eigentlich auch inklusive Momente an meiner eigenen Schule oder an der Schule meiner Kinder? Oder an der Nachbarschule? Und wie kann ich diese Situationen und Beispiele ausweiten, diese Momentbewegung unterstützen?

Gute Beispiele ansehen: So kann es gehen!

24.09.2018
Schulbegleitung Assistenz
Schulbegleitung, Schulassistenz, persönliche Assistenz, Pool-Lösung – was ist das überhaupt und wo liegen die Unterschiede / Vor- und Nachteile?

Schulbegleiter, Schulassistenten, Integrationshelfer, Inklusionsassistenten, Individualbegleiter üben alle den gleichen Beruf aus. Sie begleiten Schüler mit körperlichen, geistigen und (drohenden) seelischen Beeinträchtigungen auf der Grundlage der Eingliederungshilfe im Schulalltag. Ein Schulbesuch dieser Schüler wäre ohne den Einsatz von Schulbegleitern nicht oder nur eingeschränkt möglich. Aufgabe von Schulbegleitern ist es, dem Schüler den Schulbesuch zuerst einmal zu ermöglichen und dann zu erleichtern. Erleichtern bedeutet aber nicht, dass Schulbegleiter „ihren“ Schüler bei Dingen unterstützen, die dieser eigentlich allein könnte. Die Aufgaben von Schulbegleitern setzen da an, wo der Schüler durch seine Beeinträchtigung bedingt Unterstützung benötigt. Dazu gehören u. a. Unterstützungen im lebenspraktischen Bereich (Begleitung zur Toilette, Wickeln oder Hilfe beim An- und Ausziehen), Strukturierung des Schulalltags (der Tag selber, aber auch das Material) Unterstützung bei Konzentration, Motivation und Fokussierung der Aufmerksamkeit, Eingliederung in die Gruppe, Deeskalation und Reflektion bei Konflikten und Prävention und Schutz bei fremd und selbstgefährdenden Verhalten.

Seitdem jeder Schüler einen Rechtsanspruch auf den Schulbesuch einer Regelschule hat, steigt die Zahl der Schulbegleiter an. Gleichzeitig erweitern sich auch das Aufgabenfeld (s.o.) und die Betreuungsmodelle. Früher wurden Schulbegleiter im Rahmen ihres Zivildienstes oder des freiwilligen sozialen Jahres an Förderschulen in einer 1:1 Begleitung eingesetzt. D.h. ein Schulbegleiter unterstützte einen Schüler. Heute überwiegen weiterhin die 1:1 Begleitungen. Parallel dazu entwickeln sich aber auch weitere Modelle wie das 1:2 (auch Tandem genannt), 1:3 und das Klassenhelfermodell. Auch die Zahl der Pool- bzw. Budgetschulen nimmt zu.

Das gängigste Modell, die 1:1 Betreuung, hat den Vorteil, dass sich ein Schulbegleiter nur um einen Schüler kümmern muss. Er kann sich ihm ganz widmen und muss sich nur auf ihn konzentrieren. Gleichzeitig können in diesen Vorteilen auch Gefahren liegen. Der Schulbegleiter muss aufpassen, dass sich sein Schüler nicht zu sehr auf ihn verlässt. Auch begleitete Schüler müssen (sofern möglich) z. B. lernen, um Hilfe zu fragen. Sie sollen soweit wie möglich selbständig und unabhängig werden. Sitzt aber permanent jemand neben ihm, ist die Verlockung natürlich groß, den einfachsten Weg zu gehen. Das 1:1 Modell bringt zwei weitere Nachteile mit sich. Es ist zum einen immer darauf zu achten, dass der Schüler durch die Schulbegleitung nicht stigmatisiert wird und die Akzeptanz des Schulbegleiters durch den Schüler kann in diesem Modell mit zunehmendem Alter des Schülers sinken. Gerade bei Schülern in der Pubertät ist zu beobachten, dass sie so sein wollen wie ihre Mitschüler. Sie wollen selbständig und unabhängig sein. Ein Schulbegleiter an der Seite begünstigt diesen Wunsch nicht unbedingt.

Die Gefahren der möglichen Stigmatisierung oder der mangelnden Akzeptanz sind in 1:2 / 1:3 Betreuung niedriger. Denn unterstützt ein Schulbegleiter zwei oder sogar drei Schüler, steigt sein Stellwert und damit die Akzeptanz in der Klasse. Hilfe anzunehmen wird „normaler“, wenn man nicht der einzige ist, der diese benötigt. Eingesetzt werden solche Begleitungen, wenn mehrere Schüler in einer Klasse Unterstützung benötigen, sie aber auch eine gewisse Selbständigkeit haben und so keine rundum Begleitung nötig ist. Befinden sich 2 oder 3 Schüler mit derartigen Bedarfen in der Klasse, bekommen sie einen gemeinsamen Schulbegleiter. Dies klingt erst einmal nach Mehrarbeit für den Schulbegleiter, ist es aber nicht, da die Schüler wie geschrieben keinen vollumfänglichen Unterstützungsbedarf haben. Für die Schüler ist dieses Modell von Vorteil, weil sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten lernen müssen, für sich selbst verantwortlich zu sein, nach Hilfe zu fragen und auch mal abzuwarten. Um allen zu betreuenden Schülern gerecht werden zu können, sind klare und regelmäßige Absprachen mit den Lehrern Voraussetzung für ein gutes Gelingen.

Ein Klassenhelfer wird in Klassen eingesetzt, die mehrere Schüler mit Unterstützungsbedarf besuchen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Schulbegleiter sind hier Voraussetzung. Schulbegleiter und Lehrer haben die Möglichkeit den Einsatz des Schulbegleiters flexibel zu handhaben. Sie können immer wieder aufs Neue entscheiden, welcher Schüler wann welche Unterstützung benötigt. Die Gefahr der Stigmatisierung und der mangelnden Akzeptanz sind gering.

Pool- und Budgetschulen liegt ein anderes Konzept zugrunde. Die Träger stellen der Schulen eine bestimmte Anzahl - d. h. einen Pool - an Schulbegleitern zur Verfügung. Diese werden normalerweise einer festen Klasse oder einem bestimmten Schüler zugeordnet. Schule und Schulbegleiter sind aber flexibel in der Einteilung. Ist z. B. bei einem Ausflug mehr Unterstützung nötig, können die Schulbegleiter flexibel zugeteilt werden. Neben der hohen Flexibilität ist ein entscheidender Vorteil, dass die Träger andere Arbeitsmöglichkeiten haben. Da meist nur ein Träger pro Schule die Schulbegleiter stellt, können z. B. Teamsitzungen und Mitarbeitersprechtage eingerichtet werden. Auch extra auf die Schulen zugeschnittene Fortbildungen können angeboten werden.

Zusammenfassend kann man festgehalten, es gibt verschiedene Modelle in der Schulbegleitung. Jedes Modell hat allgemein gesehen seine Vor- und Nachteile. Um das richtige Modell zu finden, muss individuell nach den Bedarfen jedes Schülers auch unter Berücksichtigung der Klasse und der Schulform entschieden werden.

Wie der Name schon sagt, begleiten Schulbegleiter ihre Schüler während der Schulzeit. Viele Schüler benötigen ihren Schülerbegleiter nur für einen gewissen Zeitraum. Dies können einige Monate oder auch Jahre sein. Andere sind aufgrund ihrer Beeinträchtigung bis zu ihrem Schulabschluss auf einen Schulbegleiter angewiesen. Für einige dieser jungen Menschen ist ein selbständiges Leben ohne Begleitung nach dem Schulabschluss auf Grund Ihrer Beeinträchtigung nicht möglich. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten Unterstützung zu bekommen, abgestimmt auf die Bereiche, in denen Unterstützung nötig ist. So gibt es z. B. eine Arbeitsassistenz, eine Studienassistenz oder auch eine umfassendere persönliche Assistenz, die selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Im Falle einer persönlichen Assistenz wird abgestimmt, wann und in welchen Bereichen eine Assistenz nötig ist. Dies kann z. B.. in der Pflege, im Haushalt oder in der Freizeit sein.

20.09.2018
Sonderpädagogik Zusammenarbeit
Manche Schüler haben während des Unterrichts einen Sonderpädagogen zur Seite: Wie gehe ich als Lehrkraft damit um, dass Pädagogen und andere Fachkräfte mit gegebenenfalls anderen Ansichten zur Unterrichtsmethodik den Unterricht mitgestalten? Wie kann ich mich darauf vorbereiten?

Eine der großen Veränderungen – und nachhaltigste Verbesserung – in all den Jahren, in denen sich meine damalige Schule auf den Weg zur inklusiven Schule gemacht hat, war die Teamarbeit. Natürlich beansprucht ein Kind mit Behinderungen zusätzliche personelle Ressourcen – mehr Lehrerstunden, mehr Erzieherstunden oder manchmal auch die Mitarbeit eines Schulhelfers. Abgesehen vom Schulhelfer hat aber keiner dieser Erwachsenen ausschließlich die Aufgabe, das behinderte Kind ununterbrochen zu betreuen: Das gesamte Team ist zuständig für eine Lerngruppe und hat sich die vielfältigen Aufgaben untereinander aufzuteilen.

Jedes behinderte Kind bekommt so viel Einzelzuwendung, wie es braucht, aber es werden auch die nichtbehinderten Kinder in die Förderung und Versorgung einbezogen. Gewinnbringend ist das Zusammenwirken von Schulpädagogik und Sonderpädagogik, aber auch Sozialpädagogik. Es ist mehr ein „Alle machen alles“, und wenn eine sonderpädagogische Kompetenz erforderlich ist, steht auch der Sonderpädagoge für das Team zur Verfügung. Das betrifft den großen Bereich der Diagnostik und Beratung, aber natürlich auch die Spezialkenntnisse, wie sie z. B. bei der Vermittlung von Gebärdensprache notwendig sind oder auch beim Unterrichten von blinden Kindern gebraucht werden. Aber auch hier gilt: Damit der gemeinsame Unterricht gelingt, müssen auch die allgemeinen Schulpädagoginnen und Schulpädagogen und die Mitschülerinnen und Mitschüler befähigt werden, einen Teil dieser Spezialfertigkeiten zu erlernen.

Da führt dann auch kein Weg an der Gründung von „Schwerpunktschulen“ vorbei, also Regelschulen, in denen bevorzugt Kinder mit spezielleren Beeinträchtigungen gemeinsam mit nicht behinderten Kindern unterrichtet werden. Es wird auch in Zukunft darauf zu achten sein, dass kein Kind mit einer besonderen Behinderung (dazu gehören für mich die sinnesbeeinträchtigten Kinder, aber auch die Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen und Kinder mit geistigen Behinderungen) als einziges Kind in einer Schule bleibt. Es müssen auch immer unkomplizierte Kontaktmöglichkeiten mit Kindern mit vergleichbarer Behinderung gewährleistet werden. Aber auch im Kollegium muss das spezifischere Wissen zum allgemeinen „Organisationswissen“ werden. Das wird es nur, wenn sich mehrere Personen mit dem Spezialwissen rund um bestimmte Behinderungsarten beschäftigen und immer wieder neu austauschen. Das Wissen und die besonderen Kompetenzen werden immer mehr wachsen, wenn beides auch immer wieder im Alltag angewendet und genutzt werden muss.

20.09.2018
Eltern Angst
Eltern von Kindern mit oder ohne Beeinträchtigung haben oft Ängste und Vorbehalte, wenn es um die Schulwahl ihres Kindes geht. Welche Sorgen sind das und wie können sie abgebaut werden?

Vieles hängt davon ab, wie die jeweilige Schule im Einzugsgebiet wahrgenommen wird und welchen Ruf sie genießt. An meiner damaligen Schule wurde von den Eltern nicht mehr infrage gestellt, dass es eine Schule für alle ist. Viele Eltern, die für ihr behindertes Kind eine Schule suchten, kamen ganz gezielt zu uns und wollten, dass ihr Kind unsere Schule besucht. In meiner Tätigkeit im Beirat Inklusive Schule bin ich aber auch Eltern begegnet, die den Erhalt von Förderzentren – also Schulen für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf – vehement einforderten. Ich glaube, manche Eltern suchen den Schutzraum für ihr behindertes Kind.

Nachvollziehen kann ich die Angst betroffener Eltern, dass den bedürftigen Kindern der Nachteilsausgleich streitig gemacht werden könnte, bzw. dass die für die Lehrertätigkeit notwendigen „neuen“ sonderpädagogischen Kompetenzen noch nicht ausreichend in die Lehrerbildung integriert wurden. Inklusive Schulen öffnen ja ihre Türen weitgehend uneingeschränkt für alle Kinder und kein Kind sollte durch eine Statusdiagnostik etikettiert werden. Dennoch müssen wir im Prozess der Förderplanung klar feststellen, was das Kind braucht, um erfolgreich zu lernen bzw. um gefördert zu werden.

Meine Erfahrung in mehr als 20 Jahren mit schwerer behinderten Kindern hat mich aber überzeugt, dass auch geistig behinderte und schwer mehrfach behinderte Kinder in der Regel mit dem „normalen“ Schulleben zurechtkommen, wenn sowohl bei den Erwachsenen als auch bei den Kindern eine weitgehend vorurteilsfreie Haltung handlungsleitend ist. Und hierfür gilt: Ängste und Vorbehalte können am besten abgebaut werden, wenn wir miteinander im Gespräch bleiben und Begegnungen von ganz unterschiedlichen Kindern der Normalfall ist – und zwar bereits vor dem Eintritt in die Schule.

Erfahren Sie mehr zum Thema "Elternarbeit" an unserem Beispiel der Marie-Kahle-Gesamtschule Bonn

20.09.2018
Sensibilisieren
Ein Kind mit Beeinträchtigung kommt neu in die Gruppe bzw. in der neu zusammenkommenden Klasse ist eine Schülerin oder ein Schüler mit Beeinträchtigung. Wie thematisieren Sie dies gegenüber den anderen Kindern und Jugendlichen?

Wenn die Kinder mit sichtbaren Behinderungen oder Besonderheiten im Lernverhalten von Anfang an in einer Lerngruppe sind, ist die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls ohnehin Thema für alle. Kinder im Grundschulalter haben ja noch kein festes Bild, wer zu einer Schulklasse in der Regel gehört, sondern für sie ist es ja normal, dass alle die, die da sind, Mitschülerinnen und Mitschüler sind. Kinder dieser Altersstufe können auch gut nachvollziehen, dass Kinder unterschiedlich behandelt werden und dass das trotzdem gerecht sein kann. Der eine braucht eben mehr Hilfe und Unterstützung, vom anderen wird verlangt, dass er eine Aufgabe allein bewältigt. Unabhängigkeit ist ja durchaus auch ein Gewinn.

Schwieriger wird das oft bei den „nicht sichtbaren Behinderungen“. Gemeint sind hier die Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten aufgrund ihrer emotional-sozialen Entwicklung. Hier muss es den Erwachsenen gelingen, mit der Klasse, aber auch mit dem schwierigen Kind klare Regeln abzusprechen. Gleichzeitig muss auch immer wieder an einer guten zwischenmenschlichen Beziehung festgehalten werden. Das gelingt oft nur, wenn man auch offen über Probleme redet und wenn man andere Lernorte – weg von den klassischen Leistungsbereichen – in das Erfahrungsspektrum der Kinder einbezieht. Klassenfahrten bewirken hier manchmal Wunder. Kinder aus wenig förderlichen häuslichen Milieus genießen die klaren Strukturen während so einer Reise und können sich wenigstens für eine begrenzte Zeit unbeschwerter verhalten. Gerade diese Kinder müssen Gelegenheiten haben, in anderen Zusammenhängen ihre Stärken zu zeigen.