Mit ENABLE nachhaltig und inklusiv mobil

Wie lässt sich Mobilität im Sozialraum inklusiv gestalten? Und wie können digitale Ansätze dabei helfen? Diesen Fragen sind Wissenschaftler*innen der RWTH Aachen University mit Unterstützung der Aktion Mensch im Rahmen eines Forschungsprojektes nachgegangen. Entstanden ist ein innovatives Mobilitätskonzept namens ENABLE, von dem Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen profitieren.

Wie das Mobilitätskonzept ENABLE Innovation und Inklusion verbindet

Im Video erzählen Annalena Köhler und Torben Böddeker von der RWTH Aachen University, wie das ENABLE-Projekt gelaufen ist, was es so innovativ macht – und wie es mit dem inklusiven Mobilitätskonzept weitergehen soll.

Deutschland braucht eine Verkehrswende. Darin sind sich große Teile der Gesellschaft inzwischen einig. Wie eine zukunftsfähige Mobilität konkret aussehen kann, darüber gehen die Meinungen noch auseinander. Aber es sind viele Ideen im Raum, die heiß diskutiert und engagiert weiterentwickelt werden. So weit, so gut. Eine Sache fällt allerdings auf: Wesentliche Aspekte wie Nachhaltigkeit und Nutzer*innenfreundlichkeit werden oft nicht bedacht. Noch weniger eine Nutzer*innenfreundlichkeit, die die besonderen Anforderungen von Menschen mit Behinderung berücksichtigt. Genau hier setzt ENABLE an, ein Projekt, mit dem die Aktion Mensch die RWTH Aachen University beauftragt hat. „Unser Ziel war ein nachhaltiges und gleichzeitig inklusives Mobilitätskonzept für den Sozialraum, von dem Menschen mit und ohne Behinderung profitieren“, sagt Nadja Ullrich, die bei der Aktion Mensch für ENABLE zuständig ist. Dieses Konzept gibt es nun – entwickelt von Wissenschaftler*innen des Institutes für Psychologie und des Institutes für Kraftfahrzeuge der RWTH. Schon dieser multidisziplinäre Ansatz unterscheidet ENABLE von vergleichbaren Forschungsprojekten. Und auch die Herangehensweise ist ungewöhnlich: „Liebe das Problem, nicht die Lösung“ lautete die Maxime der Forscher*innen. Das heißt: Statt auf eine bestimmte Lösung hinzuarbeiten, gingen alle Beteiligten ganz offen in den Entwicklungsprozess – und hörten sich erst einmal an, welche Erfahrungen Menschen mit Behinderung eigentlich mit Mobilität haben.

Der Ansatz: Stakeholder*innen gestalten das Mobilitätskonzept mit

„Im ersten Schritt haben wir Stakeholder bei Behindertenverbänden und Mobilitätsexpert*innen angesprochen, um herauszufinden, für welche Zielgruppen ein inklusives Mobilitätskonzept wichtig ist“, erläutert Nadja Ullrich die genaue Vorgehensweise. „Danach haben wir Menschen aus diesen Gruppen zu Praxisworkshops eingeladen.“ Im Rahmen der Workshops berichteten Menschen mit Seh- und Hörbehinderung, mit Mobilitätseinschränkung und kognitiver Beeinträchtigung sowie Senior*innen, welche Verkehrsmittel sie nutzen, welche Probleme es dabei gibt und welche Lösungsmöglichkeiten sie sehen. Aus diesen Angaben filterten die Wissenschaftler*innen die wichtigsten Bedarfe und Wünsche heraus, ermittelten mithilfe einer Soll-Ist-Analyse, welche Lösungen es schon gibt – und was noch fehlt, damit Menschen problemlos inklusiv mobil sein können. Diese Lücken soll ENABLE schließen.

Die Lösung: Mobilität als Dienstleistung für alle

Schnell war klar: Dieser Anspruch lässt sich am besten mit einem inklusiven „Mobility-as-a-Service“-Konzept erfüllen. Der Begriff lässt sich mit „Mobilität als Dienstleistung“ übersetzen und bezeichnet laut Wikipedia den Ersatz eines Transportes mit eigenen Fahrzeugen durch ein auf den Kund*innenbedarf abgestimmtes Angebot verschiedener Mobilitätsdienste inklusive Planung und Bezahlung. „Das Herzstück von ENABLE ist ein digitaler Reisebegleiter. In der konkreten Umsetzung könnte das eine App sein“, schildert Nadja Ullrich. „Er ist für Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen und natürlich auch für Menschen ohne Behinderung problemlos nutzbar, macht die Planung einer Fahrt einfach und führt die Nutzer*innen auf dem sichersten und bequemsten Weg von A nach B. Auch und gerade, wenn sie dafür verschiedene Verkehrsmittel nutzen müssen.“ Damit das klappt, ist modernste Technik im Hintergrund notwendig: Der Reisebegleiter soll auf umfangreiche Datenbanken zurückgreifen, in denen Informationen über Wegstrecken, Verkehrsmittel, Fahrpläne, Tickets und vieles mehr hinterlegt sind. Die dritte Säule von ENABLE sind neuartige, selbstfahrende Fahrzeuge, die barrierefrei und einfach nutzbar sind. Sie ergänzen das bestehende Angebot an Verkehrsmitteln und überbrücken Lücken im Verkehrsnetz – zum Beispiel die Strecke zwischen Bushaltestelle und Haustür.

Skizze eines selbstfahrenden, barrierefreien Fahrzeugs, in das eine Person mit Rollstuhl einsteigt
Selbstfahrende, barrierefreie Fahrzeuge sollen öffentliche Verkehrsmittel ergänzen und Lücken im Verkehrsnetz schließen.
Skizze einer Person, die per Smartphone zum selbstfahrenden, barrierefreien Fahrzeug geleitet wird
Eine App leitet Nutzende von einem Verkehrsmittel zum nächsten.
Prototyp eines barrierefreien Fahrzeugs in futuristischer Optik, vor Holzwand mit Ika und RWTH Logos
Eine der drei Säulen des Projektes sind neuartige, selbstfahrende Fahrzeuge, die barrierefrei, flexibel und einfach nutzbar sind. Im Optimalfall ergänzen sie in einigen Jahren das bestehende Angebot an Verkehrsmitteln. Noch wurden allerdings keine Fahrzeuge entwickelt.

Das Konzept: Vier Prinzipien – ein Ziel

Das ENABLE-Konzept zeichnet sich durch vier Prinzipien aus: 1. Es ist einfach: Alles, was entlang der Strecke passiert, ist eindeutig und nachvollziehbar, die Nutzer*innen werden unterwegs durchgängig unterstützt. 2. Es funktioniert nahtlos: Die gesamte Mobilitätskette führt lückenlos von Haustür zu Haustür und wird über ein einziges System gesteuert. 3. Es arbeitet lautlos: Das System läuft im Hintergrund, antizipiert die Bedürfnisse der Nutzer*innen und passt bei Bedarf Interaktion, Fahrzeuge und Wegstrecke an. 4. Es ist sicher: Das System bietet eine Komfortzone für jede*n Nutzer*in, die es ihm oder ihr ermöglicht, mit seinen oder ihren individuellen Beeinträchtigungen und Fähigkeiten sicher und bequem unterwegs zu sein.

Die Perspektive: So geht es weiter mit dem inklusiven Mobilitätskonzept

Bis ENABLE in einer praktischen Umsetzung auf den Straßen und Schienen zu erleben sein wird, wird noch einige Zeit vergehen. „Im nächsten Schritt wollen wir das Konzept von Zielgruppenvertreter*innen prüfen und die Fahrzeugmodule technisch testen und weiterentwickeln lassen“, skizziert Nadja Ullrich. „Danach könnte dann der Praxistest in einer Modellkommune folgen.“ Auch wenn es noch etwas dauern wird: Der Grundstein für eine Mobilitätswende, die auch Inklusion im Blick hat, ist mit ENABLE gelegt.

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