„Oft scheitert barrierefreies Umbauen am Platz“

Frank Opper ist Architekt mit dem Schwerpunkt Barrierefreies Bauen. Im Interview erklärt er, wo die Herausforderungen liegen und wie Architektinnen und Architekten ihre Kunden*innen unterstützen können.

Herr Opper, Sie beschäftigen sich, neben dem Neubau, auch mit dem barrierefreien Umbau von Wohnhäusern. Wann kommen Menschen wegen einer barrierefreien Planung auf Sie zu?

Es gibt zwei Situationen. Zum einen ist da die akute Notlage. Das kann nach einem schweren Unfall sein, bei dem der oder die Betroffene plötzlich im Rollstuhl sitzt. Oder aber ein Kind wird mit einer Behinderung geboren, und das Haus muss entsprechend angepasst werden. Die zweite Situation ist, dass Menschen vorbeugend zu mir kommen. Zum Beispiel, weil bei ihnen eine fortschreitende Erkrankung diagnostiziert wurde wie Multiple Sklerose. Oder aber sie haben erkannt, dass ihre Wohnung aufgrund der altersbedingten Einschränkungen nicht mehr passend ist.

Haben diese vorbeugenden Anfragen zugenommen?

Auf jeden Fall. Das Bewusstsein dafür, dass es wichtig ist, sich rechtzeitig um barrierefreien Wohnraum zu kümmern, hat stark zugenommen. Das liegt zum einen daran, dass der demografische Wandel in Deutschland, auch medial, sehr präsent ist. Zum anderen haben viele Menschen aber auch mitbekommen, wie problematisch es sein kann, wenn nicht vorgesorgt wurde, zum Beispiel bei den eigenen Eltern. Bei der aktuellen Ü80-Generation ist es kaum Thema, den eigenen Wohnraum anzupassen. Die Generation Ü50 hat das schon mehr auf dem Schirm. Generell muss man aber sagen, dass viele Menschen sich immer noch zu spät kümmern. Ein barrierefreier Umbau dauert seine Zeit, daher sollte die Maßnahme eher früher als später begonnen werden.

Was ist die größte Herausforderung beim barrierefreien Umbau eines Hauses oder einer Wohnung?

In den meisten Fällen ist das der Platz. Denn den benötigt die Barrierefreiheit. Das kann der Anbau eines zusätzlichen Schlafzimmers im Erdgeschoss, die Anbringung eines Aufzugs innen oder außen oder die Errichtung einer Rampe sein. Die Grundstücke in Deutschland werden immer teurer und damit kleiner. In den meisten Fällen ist die ausgewiesene Bebauungsfläche, die die Bauordnung vorgibt, also schon ausgereizt.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Eine Rampe kann auf einem Meter etwa sechs Zentimeter Höhe überbrücken, da die Neigung, auch im privaten Bereich, nicht steiler als sechs Grad sein sollte. Müssen zwei Treppenstufen umgangen werden, bedeutet das eine Rampe von fünf bis sechs Metern Länge. So viel Platz haben die wenigsten Menschen in ihrem Vorgarten. Und auch ein Aufzug oder Treppenlift ist nicht immer einfach anzubringen, da manche Treppen dafür nicht geeignet sind oder kein geeigneter Platz für einen Senkrechtaufzug gegeben ist.

Wie sollten Architekt*innen vorgehen, um Bauherr*innen bestmöglich zu helfen, den eigenen Wohnraum barrierefrei umzugestalten?

Als Erstes ist es immer wichtig, den Bedarf zu ermitteln. Das benötigt oft viel Erfahrung. Hier profitieren klar Architekt*innen, die sich in das Thema eingearbeitet haben oder sogar selber betroffen sind. Im zweiten Schritt schauen wir dann, ob die notwendigen Umbaumaßnahmen von der gegebenen Infrastruktur (Fläche) und Konstruktion (Statik) her umsetzbar sind.

Welche finanziellen Unterstützungen gibt es für Bauherr*innen? Wie können Architekt*innen da beraten?

Es ist immer sinnvoll, als Architekt die finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten zu kennen, um die eigenen Kunden darauf hinzuweisen. Das sind vor allem die verschiedenen Finanzierungspläne der KfW Bank. Aber auch über die Krankenkassen oder den Rentenversicherungsträger können Bauherr*innen im individuellen Fall Förderung erhalten. Wichtig ist aber auch, immer wieder zu betonen, dass ein barrierefreier Umbau nicht unbedingt viel teurer ist als ein „normaler“ Umbau. Möchte ich sowieso mein Bad renovieren, macht ein unterfahrbares Waschbecken keinen großen Unterschied. Ich versuche, den Menschen auch klarzumachen, dass es sich lohnt, direkt barrierefrei (umzu-)bauen, denn im Zweifel müssen sie in einigen Jahren sonst noch mal Hand anlegen.

Und wie sieht es mit der Optik aus?

Es gab eine Zeit lang das Vorurteil, dass barrierefreie Wohnungen aussähen wie ein Krankenhaus. Heute ist das schlicht falsch. Große Flächen sehen schick aus, und auch Dinge wie eine ebenerdige Dusche liegen mittlerweile im Trend. Für uns Architekt*innen ist es sehr wichtig, nicht die Barrierefreiheit und die Behinderung in den Vordergrund zu stellen. Denn da redet niemand gerne drüber. Vielmehr sollte der Komfort hervorgehoben werden. Barrierefreie Wohnungen sind nämlich überaus praktisch. Und das für jeden: sei es für die Mutter mit Kinderwagen oder für den Besuch der eigenen Eltern, die einen Rollator nutzen. 

stuhl, der in die Kamera lächelt.

Frank Opper

Frank Opper lebt in Kaarst und übernahm als Architekt vor 15 Jahren das Architekturbüro seines Vaters. Während seines Studiums hatte Opper einen unverschuldeten Motorradunfall und nutzt seitdem einen Rollstuhl. Seine eigene Behinderung brachte ihn dazu, sich mit dem Thema barrierefreies Bauen zu beschäftigen. Heute ist er auch als Gutachter und Sachverständiger für barrierefreies Bauen tätig. Außerdem gibt er Seminare rund um das Thema für Architekt*innen.

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