Lohnt sich barrierefreies Bauen?

Der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum ist groß und wächst weiter. Aber steigen damit auch die Marktchancen für barrierefreie Gebäude und ihre Macher*innen? 
Barrierefreies Bauen ist kein Nischenthema mehr. Auch, weil die Lücke, die zwischen dem Bedarf an barrierefreiem Wohnraum und dem tatsächlichen Bestand klafft, immer offensichtlicher wird. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) kam 2020 in einer Schätzung auf rund 560.000 barrierefreie Wohnungen in Deutschland. Dem stehen drei Millionen Haushalte mit mobilitätseingeschränkten Mitgliedern gegenüber. Aufgrund des Alterungsprozesses der Gesellschaft dürfte diese Zahl in den kommenden Jahren weiter steigen. Rund 3,7 Millionen Haushalte im Jahr 2035 sind laut KfW realistisch. Die Lücke zwischen Bedarf und Bestand, sie wird nicht kleiner. Und es gibt nur einen Weg, sie zu schließen: Neu- und Umbau müssen massiv hochgefahren werden.

Markthemmnisse bremsen den Ausbau der Barrierefreiheit

Für die Baubranche ist das eine gute Nachricht – theoretisch. Ob barrierefreies Bauen aber tatsächlich bald boomen wird, darüber gehen die Meinungen noch auseinander. Claus Wedemeier, Leiter für Digitales und Demografie beim GdW, dem Gesamtverband der deutschen Wohnungs- und Immobilienunternehmen, ist skeptisch. „Man muss es deutlich sagen: Barrierefreiheit und bezahlbarer Wohnraum sind erst einmal Gegenpole, und der Kostenfaktor schreckt viele Bauherren ab“, sagt er. Vielerorts sei der Druck groß, günstige Wohnungen zu bauen, gerade in Großstädten. „Da spart man natürlich, etwa an einem Balkon – aber eben auch an barrierefreier Ausstattung“, so Wedemeier. Auch die KfW beklagt in ihrer Studie zu dem Thema Markthemmnisse, die den Ausbau bremsen. Es dauere oft lange, bis sich barrierereduzierende Maßnahmen für Vermieter*innen amortisierten, gleichzeitig seien Mieter*innen selten bereit, wegen solcher Maßnahmen höhere Mieten zu zahlen.

Argumente, die Sylvia Pille-Steppat, Architektin beim Kompetenzzentrum für ein barrierefreies Hamburg nur bedingt stichhaltig findet. „Mit dem Kostenargument kann man sich ziemlich einfach um Barrierefreiheit drücken. Das ist schade, denn wenn man Barrierefreiheit bei einem Neubau von Anfang an mit einplant, lässt sich fast immer eine kostengünstige oder sogar kostenneutrale Lösung finden“, sagt Pille-Steppat. Mit guter Planung könne man auch hohen Umbaukosten in der Zukunft vorbeugen: „Wenn die Wand heute schon so angelegt wird, dass sie in 20, 30 Jahren einen Haltegriff trägt oder die Kabelkanäle für den elektrischen Türöffner jetzt schon gelegt werden, spart das später viel Aufwand und Kosten“, so die Expertin für Barrierefreiheit.

Neubau ist der wichtigste Hebel für Barrierefreiheit

Worin sich alle einig sind: Der Neubau ist der wichtigste Hebel für mehr barrierefreien Wohnraum. Denn beim Bestand gestaltet sich die Situation ein ganzes Stück schwieriger. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund (DStGB) kam in einer Studie auf durchschnittliche Umbaukosten von gut 19.000 Euro pro Wohnung. Das ist deutlich mehr als beim Neubau, dort liegen die Kosten für eine barrierefreie Konstruktion laut DStGB für eine 75-Quadratmeter-Wohnung nur bei etwa 1.600 Euro. Hinzu kommt, dass beim Altbau entsprechende Umbauten teilweise gar nicht möglich sind. So eignet sich zum Beispiel längst nicht jeder Altbau für den Einbau eines Aufzugs. Auch die Wasseranschlüsse sind nicht zwangsläufig geeignet, um ein Badezimmer barrierefrei umzugestalten. Und selbst wenn dem doch so ist, stellt sich die Frage, wer das bezahlt. Betroffene Mieter*innen bekommen zwar Zuschüsse, etwa von der Pflegekasse, die rund 4.000 Euro pro Jahr für Umbauten zur Verfügung stellt. „Einen Aufzug können Sie davon aber nicht bezahlen“, sagt GdW-Mann Wedemeier.

Know-how für barrierefreies Bauen


Online-Kurs „Barrierefreies Bauen für Behindertenbeauftragte“

Der Online-Intensivkurs richtet sich an städtische und kommunale Behindertenbeauftragte, die keinen baufachlichen Hintergrund haben. Er besteht aus sechs Online-Seminaren à drei Stunden und findet vom 29. November bis 8. Dezember 2022 statt. Vermittelt werden grundlegende Kenntnisse rund um das barrierefreie Bauen – von komplexen Bauvorschriften über Genehmigungsverfahren bis hin zu konkreten Hilfen für das Erstellen von Stellungnahmen und Beurteilungen.

Barrierefreiheit im Fertighaus

Hersteller*innen von Fertighäusern haben die Marktchancen von barrierefreien und barrierereduzierten Wohngebäuden schon länger für sich erkannt. Ein Beispiel ist das bayerische Unternehmen Hanse-Haus. Im Video erklären die Hanse-Haus-Architektin Annette Müller und ihr Kollege, Bauzeichner Markus Weidner, der selbst einen Rollstuhl nutzt, worauf es bei der Planung eines barrierefreien Wohnhauses ankommt.

Von gezielter Förderung profitieren Einzelne und die Gesellschaft

Weiterhelfen können Zuschüsse der öffentlichen Hand, zum Beispiel aus Bundesmitteln. Von dort gibt es etwa das Programm „Altersgerecht umbauen“. Darüber können sowohl Privatpersonen als auch Wohnungsunternehmen verbilligte Kredite für den Umbau zu einer barrierefreien Wohnung bekommen. Auch Bundesländer und Gemeinden haben oft eigene Fördertöpfe. Für den Staat kann sich die Förderung lohnen. Erhebungen kommen auf mögliche jährliche Einsparungen im dreistelligen Millionenbereich, wenn Menschen aufgrund barrierefreier Wohnungen länger in den eigenen vier Wänden bleiben und nicht in stationäre Pflege müssen. Davon profitieren die Pflegeversicherungen und der Staatshaushalt, der seine Zuschüsse für das Pflegesystem reduzieren kann.

Bleibt die Frage, welche Perspektiven barrierefreies Bauen für die Baubranche bietet. Die Macher*innen der bfb barrierefrei Trendstudie 2019 – Potenziale und Marktchancen des barrierefreien, demografiefesten Bauens“  sind ihr nachgegangen: Sie haben rund 285 Akteur*innen, die sich mit der Planung, der Genehmigung, dem Errichten, Prüfen und Betreiben von Gebäuden beschäftigen sowie Vertreter*innen von Menschen mit Behinderung nach ihrer Einschätzung gefragt. Die Ergebnisse spiegeln einerseits die Hemmnisse, die den Ausbau von Barrierefreiheit derzeit noch bremsen. So sehen rund 72 Prozent der Befragten eine höhere Nachfrage nach Barrierefreiheit bei ihren Auftraggebern, nur rund 32 Prozent aber auch eine höhere Investitionsbereitschaft für entsprechende Maßnahmen.

Die Zukunftsaussichten für barrierefreies Bauen sind gut

Gleichzeitig wird aber auch deutlich: Die Zukunft sehen die Befragten der Trendstudie deutlich positiver. So sind über 95 Prozent sicher, dass Barrierefreiheit ein zentraler Baustein zur Bewältigung des demografischen Wandels ist und mehr Komfort und Sicherheit für alle bringt. Rund 95 Prozent glauben, dass eine barrierefreie Ausstattung als Wettbewerbsvorteil und Marketingargument in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird. Und mehr als 80 Prozent gehen davon aus, dass der Bedarf an Expert*innen für Barrierefreiheit stark zunehmen wird – eine entsprechende Spezialisierung sich also durchaus lohnt. Eine Einschätzung, die auch Dirk Michalski teilt. Der Architekt hat als zertifizierter Fachplaner und Sachverständiger für barrierefreies Bauen eine Vielzahl öffentlicher und privater Bauvorhaben begleitet. „Barrierefreies Bauen ist mit Sicherheit ein Feld, auf dem es gute Chancen gibt“, sagt Michalski. „Aber auch eins, das sehr komplex ist. Wer hier erfolgreich sein will, muss meiner Meinung nach mit echter Überzeugung bei der Sache sein und wirklich etwas für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung erreichen wollen. Erst dann hat man den Spaß an der Arbeit, ohne den man keine Qualität liefern kann. Und Qualität ist ja das, was sich auch wirtschaftlich durchsetzt.“

Know-how für barrierefreies Bauen

Fachtagung barrierefrei bauen

Am 28. September 2022 findet die 7. Fachtagung bfb barrierefrei bauen statt. Teilnehmende können sowohl vor Ort in Köln als auch per Live-Stream online dabeisein. Auf dem Programm stehen Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen über aktuelle Trends und Konzepte zum barrierefreien, demografiefesten Bauen. In einer begleitenden Fachschau präsentieren Hersteller Lösungen und Produkte für barrierefreies Bauen.

Wie Profis die Perspektiven des barrierefreien Bauens sehen

Im Rahmen einer Online-Befragung hat bfb barrierefrei bauen, ein Geschäftsbereich der Mediengruppe Rudolf Müller, ermittelt, wie Akteur*innen im barrierefreien Bauen die Perspektiven und Herausforderungen in diesem Feld sehen. Insgesamt nahmen an der Befragung 284 Personen aus verschiedenen Bereichen teil.

  • 43,3 Prozent der Befragten waren „Planende“, zum Beispiel Architekt*innen und Ingenieur*innen.

  • 15,8 Prozent „Fachplanende Barrierefreiheit“ wie Fachplaner*innen und Sachverständige für barrierefreies Bauen sowie Wohnberater*innen.

  • 10,6 Prozent „Bauende“, zum Beispiel Handwerker*innen und Bauunternehmer*innen.

  • 4,2 Prozent „Betreibende“ – also Vetreter*innen aus der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft, Betreibende und Facility Manager. 

  • 3,5 Prozent „Genehmigende“ wie Vertreter*innen aus Bauämtern, Behörden und Überwachungsinstitutionen.

  • 12 Prozent „Interessenvertretende“, etwa Behindertenbeauftragte, Schwerbehindertenvertretende und Verbände.

  • 10 Prozent „Sonstige“ – zum Beispiel Herstellende, Vertretende von Aus- und Weiterbildungsinstituten sowie aus dem Handel und der Industrie.

Alle Ergebnisse sind in der „bfb barrierefrei Trendstudie 2019 – Potenziale und Marktchancen des barrierefreien, demografiefesten Bauens“ zusammengefasst. Die folgenden Grafiken zeigen einen Ausschnitt aus der Gesamtstudie.

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