Sport und Inklusion:
Viele Chancen, aber auch manche Hürden

Sport ist für viele Menschen ein wichtiger Teil der Freizeitgestaltung und bietet beste Aktions-, Beteiligungs- und Mitwirkungschancen. Deshalb ist Sport gerade für Menschen mit Behinderung ein guter Ausgangspunkt zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Thomas Stephany von der Aktion Mensch beschreibt Chancen und Hürden des Themas Sport und Inklusion.
Drei Jugendliche in Sporttrikot umarmen sich.

Gemeinsamer Sport hilft, Vorurteile und Berührungsängste abzubauen und fördert Akzeptanz und Toleranz untereinander. Über den Sport erwerben Menschen Fertigkeiten, die sie auch in andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens transportieren können. Wer das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung im Freizeitbereich als selbstverständlicher erlebt, trägt diese Haltung auch mit in den Alltag, die Arbeitswelt oder den Bildungssektor . Sport kann infolge zu einer positiveren Haltung zur Inklusion beitragen.

Seit der deutschen Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahre 2009 haben Bund, Länder und Kommunen vielfältige Aktionspläne zur Umsetzung von Inklusion entwickelt. Die Strukturen des organisierten Sports bekennen sich zur Inklusion und haben in den vergangenen Jahren ebenfalls Aktionspläne und Handlungsempfehlungen veröffentlicht. Dadurch haben sich die Wahrnehmung des inklusiven Sports und die Haltung vieler Menschen dem Thema gegenüber positiv entwickelt.

Inklusion im Breitensport

Trotz dieser positiven Entwicklungen liegt der Organisationsgrad von Menschen mit Behinderung im Sport deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung, wie auch Professor Thomas Abel von der Deutschen Sporthochschule Köln im Interview verdeutlicht.

Gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung sind Menschen mit Behinderung im organisierten Sport unterrepräsentiert (2,4 Prozent <> 9,6 Prozent). Auch ist der Anteil inklusiv arbeitender Sportvereine laut Sportentwicklungsbericht des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) von 2018 mit 35 Prozent sehr gering. Sport für Menschen mit Behinderung findet oft noch separiert statt, zum Beispiel in Werkstätten oder Behindertensportvereinen.

Der Anteil der Menschen mit Behinderung, die keinen Sport treiben, nimmt sogar zu. Aktuell liegt er laut drittem Teilhabebericht der Bundesregierung bei 55 Prozent. 2017 waren es noch 46 Prozent. Bei Menschen ohne Behinderung sind es lediglich 28 Prozent. Das liegt vor allem an fehlenden ortsnahen Angeboten und mangelhafter Zugänglichkeit.

Das Verbandswesen des Sports mit seinen unter dem Dach des DOSB organisierten circa 90.000 Vereinen und 27 Millionen Mitgliedern bietet über seine Fach-, Spitzen- und Landesverbände diverse Qualifizierungsmaßnahmen zur Umsetzung von Inklusion an. Verpflichtend sind diese Angebote jedoch nicht.

Barrieren verhindern Teilhabe

Auch strukturelle Barrieren verhindern nach wie vor die Teilhabe. Zwar gibt es bereits viele gute Initiativen für mehr Teilhabemöglichkeiten für Fans an Sportveranstaltungen und Zugänglichkeit von Stadien. Trotzdem sind viele Sportstätten nach wie vor nicht barrierefrei, ebenso wenig inklusiv wie die Kommunikation der Institutionen und Vereine:

Aktuell sind nur circa vier Prozent der öffentlichen Spiel-, Sport- und Freizeitflächen in Deutschland inklusiv gestaltet (vgl. Kompan Spieleinstitut 2020). Hierzu gehören Spielplätze, öffentliche Sport- und Skate-Anlagen, Bühnen oder Parks. Die Verantwortlichkeit liegt meist in öffentlicher Hand. Viele Sportanlagen sind zudem marode und entsprechen nicht den heutigen Vorgaben für barrierefreies Bauen. Der DOSB fordert in diesem Zuge ein Bundesförderprogramm für Sport-Infrastruktur. Er beziffert in seinen “10 Thesen zur Sanierung von Sportanlagen” den Sanierungsbedarf für alle Sportstätten in Deutschland auf etwa 31 Milliarden Euro.

Der positive Effekt des Sports auf die Inklusion droht zudem an Wirkung zu verlieren, da die Mitgliederzahlen in den Vereinen sinken. Immer weniger Menschen engagieren sich zudem ehrenamtlich. Diese Entwicklung ist für den Breitensport sehr kritisch.

Para-Sport im Aufwind

Der leistungsorientierte Para-Sport verzeichnet, nicht nur während der Paralympics, ein wachsendes öffentliches Interesse. Förderprogramme im Spitzensport sind zunehmend auch für Para-Sportler*innen zugänglich. Prämien, zum Beispiel für Medaillen bei nationalen und internationalen Wettkämpfen, wurden angeglichen. Para-Sportler*innen werden zunehmend zu Testimonials für Unternehmen und zu Vorbildern für den Nachwuchs. Die Athlet*innen stehen im positiven Sinne für die Leistungsfähigkeit von Menschen mit Behinderung in der Gesellschaft. Der Sprung zum Profi, der ausschließlich von seinem Sport leben kann, ist in Deutschland im Para-Sport aber weiterhin die Ausnahme.

Fazit: Es gibt auf verschiedenen Ebenen positive Entwicklungen, die zur mehr Teilhabe und Inklusion im Sport beitragen. Das Ziel eines freien Wunsch- und Wahlrechtes für Menschen mit Behinderung im Sport ist jedoch noch nicht in Sicht.

Die Herausforderungen in den Bereichen Infrastruktur, Qualifizierung, Engagement, Mobilität , Digitalisierung und auch weiterhin Haltung und Sensibilisierung sind jedoch erkannt. Ein wichtiger Schlüssel für eine erfolgreiche Entwicklung liegt in der engen Zusammenarbeit aller beteiligten Institutionen, vor allem aber im Dialog von Menschen mit und ohne Behinderung.

Porträt von Thomas Stephany

Der Autor

Thomas Stephany ist bei der Aktion Mensch in der Aufklärung für das Handlungsfeld Freizeit, Sport und Kultur verantwortlich. Davor beriet der Diplom Sportwissenschaftler Unternehmen im Bereich CSR und Sport und war als Referent in Schulen und Sportvereinen aktiv. In seiner Freizeit engagiert sich Thomas Stephany beim RBC Köln 99ers für den Nachwuchs.

Förderprogramme der Aktion Mensch


Menschen mit und ohne Behinderung sollen sich in der Freizeit überall begegnen – ob beim Sport oder bei kulturellen Veranstaltungen. Mit verschiedenen Förderprogrammen unterstützt die Aktion Mensch viele inklusive Projekte und Aktionen. Erfahren Sie hier mehr über die Förderprogramme.

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