Barrierefreie Bildung
mit assistiven Technologien 

Im Interview erklärt Carola Werning, was assistive Technologien sind, welche Technologien im inklusiven Kontext besonders häufig genutzt werden und wie diese eine gleichberechtigte, selbstbestimmte Teilhabe beim gemeinsamen Lernen von Kindern und Jugendlichen unterstützen können.

Was sind assistive Technologien und welchen Mehrwert haben sie für den Bildungskontext?

Assistive Technologien unterstützen Menschen mit Einschränkungen (z. B. in den Bereichen Motorik, Sehen, Hören, Lernen und Sprache) beim Zugang zu Informationen, zu digitalen Medien und bei der barrierefreien Kommunikation. Zu den assistiven Technologien zählen sowohl Hardware, wie zum Beispiel alternative Eingabetechnologien (Mundmaus oder Sprachcomputer), als auch Software, wie Bildschirmtastaturen oder Vorlesefunktionen. Außerdem gibt es Geräte, die speziell für Menschen mit Behinderungen entwickelt wurden. Und es gibt assistive Funktionen und Apps, die auf gängigen Geräten wie Laptops, Tablets und Smartphones genutzt werden können.  

Für den Bildungskontext heißt das exemplarisch: Wer nicht lesen kann, kann sich z.B. mit assistiven Technologien Inhalte vorlesen lassen. Wer nicht schreiben kann, kann Inhalte auch diktieren. Und wer nicht (gut) handschriftlich schreiben kann, hat die Möglichkeit, Aufgaben an einem Laptop oder Tablet zu erledigen. Assistive Technologien unterstützen das Lernen am gleichen Lerngegenstand und helfen, behinderungsbedingte Nachteile auszugleichen. Damit ermöglichen sie eine gleichberechtigte und selbstbestimmte Teilhabe an Lernprozessen und können auch Stigmatisierung und Ausgrenzung einzelner Kinder und Jugendlichen vorbeugen.  

Benötigen Kinder oder Jugendliche mit Behinderung jeweils eine auf sie zugeschnittene „Spezialtechnologie“?  

Natürlich benötigen z.B. blinde Kinder speziell auf ihre Bedarfe zugeschnittene Technologien wie einen Screenreader und ggf. eine Braillezeile , um sich digitale Infos vorlesen oder in Braille ausgeben zu lassen. Kinder, die schwer motorisch beeinträchtigt sind, benötigen alternative Eingabetechnologien , die z.B. mit anderen Körperteilen als den Händen oder mit ganz wenig Kraft bedient werden können. Das Spektrum reicht hier von der Augensteuerung über die Mundmaus bis hin zu Spezialtastatur. Mittlerweile sind jedoch auch in Tablets und Computern bereits viele nützliche Bedienungshilfen integriert (z.B. in iOS  oder in Windows ). Damit werden bereits Tablets selbst zur assistiven Technologie und sind für die pädagogische Arbeit vielschichtig einsetzbar. Dieser Trend wird sich fortsetzen – weg von der „Spezial“-Technologie, hin zu einer individuell an Bedarfe anpassbaren Technik, die alle nutzen können. 
Carola Werning, eine junge Frau im Porträt.

Carola Werning

Carola Werning ist Redakteurin und Dozentin für digitale Barrierefreiheit und Inklusion bei der Technischen Jugendfreizeit- und Bildungsgesellschaft (tjfbg) .
Eine junge Frau sitzt vor einem Bildschirm und nutzt eine Mundmaus.

Mundmaus: Zur Bewegung der Computer-Maus mithilfe eines Joysticks. Dieser wird mit dem Mund gesteuert.

Hände an einer Spezial-Tastatur.

Clevy-Tastatur: für Menschen mit Lernschwierigkeiten und motorischen Einschränkungen. 

Kinderhände vor einem Tablet mit mehreren Symbolen für Tiere. Zum Beispiel, Hund, Katze, Maus, Schnecke.
Symbolbasierte Kommunikationsunterstützung mit der MetaTalk-App.

Was sind die am häufigsten genutzten assistiven Technologien? 

In der inklusiven Schule treffen pädagogische Fachkräfte am ehesten auf Kinder mit Lern- und Leseschwierigkeiten (wegen Teilleistungsschwächen oder Förderbedarf in den Bereichen Lernen oder Sprache) sowie auf Kinder mit AD(H)S oder aus dem autistischen Spektrum, die z. B. aufgrund einer motorischen Dyspraxie nicht (gut) handschriftlich schreiben können. Assistive Technologien, die diese Einschränkungen kompensieren, sind hier am häufigsten: zum Beispiel Vorlese- und Schreibhilfen oder Apps, mit denen sich Arbeitsblätter digitalisieren und am Tablet weiterbearbeiten lassen. Und: Die Möglichkeit, im Lernkontext mit Tablet oder Laptop zu arbeiten, kann auch bereits „assistiv“ sein.

Welche Mehraufwände entstehen für Pädagog*innen beim Einsatz assistiver Technologien? 

Pädagog*innen sollten eine allgemeine Vorstellung haben, welche Möglichkeiten assistive Technologien bieten. Sie sollten sich auskennen, welche Bedienungshilfen es in den eingesetzten Geräten gibt und wie man sie aktiviert – z.B. die iOS-Funktion „Geführter Zugriff“ . Damit kann man die Nutzung auf die gewünschte (Lern-)App beschränken und verhindern, dass Kinder „fremdsurfen“. Materialien sollten digital vorliegen oder z.B. über Verlage als PDF bestellt werden. Vor allem sollten Fachkräfte aufgeschlossen sein für den Einsatz von digitalen Medien in pädagogischen Lernsettings und diese natürlich selbst ausprobieren und nutzen, idealerweise für alle Kinder und Jugendlichen. Hier hat vermutlich der Digitalisierungsschub durch die Corona bedingten Schulschließungen schon einiges bewirkt.  

Sind diese Bedingungen gegeben, können assistive Technologien sehr einfach und niedrigschwellig in digital unterstützten Lernprozessen eingesetzt werden.

Wo bekommen Bildungseinrichtungen weitere Informationen zu assistiven Technologien? Können sich Bildungseinrichtungen diese auch ausleihen?

barrierefrei kommunizieren! berät und informiert an den Standorten Bonn und Berlin Kinder, Jugendliche und pädagogische Fachkräfte zu assistiven Technologien: Wir haben aber unter anderem auch zwei Workshop-Formate, die online (überregional) durchgeführt werden können. Einer der Workshops bietet einen allgemeinen Überblick über assistive Technologien und digitale Barrierefreiheit. In dem anderen Workshop werden Lern-Apps und Software für barrierefreies, inklusives Lernen vorgestellt. In Berlin können z.B. über das Projekt M.I.X. auch Tablets mit assistiven Apps für Kinder oder Jugendliche mit Förderbedarf ausgeliehen werden.  

Wir informieren uns selbst viel im Blog von Igor Krstoski und empfehlen die Fortbildungen von Dr. Lea Schulz , die sehr konkret auf die Bedarfe von Lehrer*innen zugeschnitten sind. Für Schulen in Baden-Württemberg empfehlen wir als Ansprechstelle das MedienBeratungsZentrum Markgröningen : Die Expert*innen geben überregional auch Tipps über das CLUKS Forum .   

Auch in der Facebook-Gruppe „Unterstützte Kommunikation“ tauschen sich sehr viele engagierte Pädagog*innen zum Thema aus.  

Grundsätzlich ist es beim Einsatz assistiver Technologien sowohl bzgl. der benötigten Hard- und Software als auch in Bezug auf das notwendige Know-how sehr hilfreich, sich mit anderen Pädagog*innen und Expert*innen digital oder vor Ort zu vernetzen und auszutauschen.

Finanzierung assistiver Technologien

Die Kosten für assistive Technologien, die im Bildungskontext benötigt werden, können unter bestimmten Voraussetzungen von Kostenträgern, wie z.B. Krankenkassen oder auch über Bildungs- und Teilhabepakete, übernommen werden. Weitere Informationen zur Beantragung findet man z.B. bei REHADAT.

Über barrierefrei kommunizieren!

barrierefrei kommunizieren! informiert, berät und schult pädagogische Fachkräfte rund um das Thema assistive Technologien und digitale Barrierefreiheit. Neben individueller Beratung gibt es (Online-)Workshops und Publikationen, die kostenfrei von der Webseite heruntergeladen werden können. Ein digitaler Erlebnisparcours  gibt einen Überblick über assistiven Technologien.
Standort Berlin
Susanne Böhmig
berlin@barrierefrei-kommunizieren.de
Telefon 030 979913-195


Standort Bonn
André Naujoks
bonn@barrierefrei-kommunizieren.de
Telefon 0228 28 93 20

Die Workshops werden auch online angeboten.

In der Datenbank barrierefrei kommunizieren! können assistive Technologien für Menschen mit Behinderung und behinderungskompensierende Hard- und Software recherchiert werden: Von A wie Augensteuerung bis V wie Vorlesesystem. Recherchiert werden kann z.B. nach Kompetenzen und/oder nach Behinderungsart. Über die erweiterte Suche können Produkte auch alphabetisch über die Produktliste oder die Herstellerübersicht gefunden werden.
 
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