Hintergrund der Studie
Im Jahr 2025 hatten ARD, ZDF und Deutschlandradio ihre bevölkerungsrepräsentative "Zusammenhaltsstudie" veröffentlicht. Die zentralen Fragen dieser Erhebung hat die Aktion Mensch der Teilhabe-Community vorgelegt, einem Befragungs-Panel, das ausschließlich aus Menschen mit Beeinträchtigung besteht. Die Ergebnisse beider Erhebungen wurden am Standort Hamburg des Forschungsinstituts Gesellschaftlicher Zusammenhalt im Leibniz-Institut für Medienforschung miteinander verglichen. Dadurch werden Unterschiede, Brüche und besondere Herausforderungen im Hinblick auf das Erleben gesellschaftlichen Zusammenhalts sichtbar, die die Erfahrungen von Menschen mit Beeinträchtigung in Deutschland prägen.
Studie zur Perspektive von Menschen mit Beeinträchtigung auf unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt
- Veröffentlicht: 15.06.2026
- 32 Seiten
- 9 Abbildungen
- Dateigröße: 0,8 MB
Fazit
Zusammenhalt hängt für viele Menschen stark vom Alltag ab: von ihrem Sozialraum, verlässlichen Beziehungen und guter Unterstützung. Gerade dort, wo diese Einbindung brüchig ist oder fehlt, wird gesellschaftlicher Zusammenhalt als geschwächt erlebt. Menschen mit Beeinträchtigung erfahren diesen Mangel häufiger und in mehr Lebensbereichen als die Gesamtbevölkerung.
In nahezu allen Zusammenhängen empfinden sie weniger Zugehörigkeit und Teilhabemöglichkeiten als die Gesamtbevölkerung: Sei es in Bildungseinrichtungen, im Beruf, in der Nachbarschaft, bei Freizeitangeboten. Selbst im Kreis von Freunden und Familie. Sie verfügen seltener über stabile Unterstützungsnetzwerke und nehmen die Gesellschaft deutlich stärker als gespalten wahr.
So kommt es, dass sie mit größerer Sorge auf die Entwicklung des gesellschaftlichen Zusammenhalts blicken, als der Durchschnitt der Gesamtbevölkerung: Zwischen 85 und 89 Prozent der befragten Menschen mit Beeinträchtigung stimmen den Aussagen zu, dass der Zusammenhalt gefährdet ist, die Gesellschaft auseinanderdriftet und Ungleichheit ein zentrales Problem darstellt. Damit liegen die Werte deutlich über denen der Gesamtbevölkerung (76 bis 80 Prozent).
Die Tendenzen in der Wahrnehmung unseres Zusammenhalts sind zwar auch in der Gesamtbevölkerung erkennbar, treten bei Menschen mit Beeinträchtigung jedoch deutlicher und intensiver zutage. Sie sind für diese Gruppe durch eigene Marginalisierungserfahrungen besonders greifbar.
Wer wissen will, wie es um den gesellschaftlichen Zusammenhalt steht, muss auf diejenigen schauen, die strukturell benachteiligt werden.
Zentrale Ergebnisse auf einen Blick
Was das Zusammenhaltsgefühl stärkt ...
Die in der Studie befragten Menschen mit Beeinträchtigung engagieren sich häufiger als der Bevölkerungsdurchschnitt ehrenamtlich und bringen sich auf diese Weise für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ein. Häufig in Form von Initiativen für die Vertretung ihrer Interessen, aber auch in lokal verankerten, niedrigschwelligen Begegnungs- und Gemeinschaftsangeboten. Sportvereinen etwa sprechen sie viel Potenzial im Hinblick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu. Inklusive Freizeitangebote generell stehen exemplarisch für Räume, in denen Teilhabe, Begegnung und Gemeinschaft gelingen können.
Wie die Aktion Mensch Zusammenhalt und Inklusion vor Ort stärkt
... und was es schwächt
Vom Beitrag politischer Parteien sind die Befragten dieser Studie allerdings weitgehend enttäuscht. Weniger als ein Viertel (22 Prozent) der Menschen mit Beeinträchtigung sprechen ihnen zu, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern. Dabei ist ihre grundsätzliche Zustimmung zur demokratischen Grundordnung sogar noch ausgeprägter, als im Bevölkerungsdurchschnitt (91 zu 85 Prozent). Ein möglicher Grund dafür ist, dass die Studienteilnehmer*innen wiederholt den Eindruck gewinnen, dass ihre Anliegen für Parteien eine untergeordnete Rolle spielen und andere Bevölkerungsgruppen mehr Gehör finden.
Diese Wahrnehmung entsteht zum Beispiel dadurch, dass strukturelle Defizite, die den Alltag vieler Menschen mit Beeinträchtigung prägen, von der Politik nicht angegangen werden. So fehlt es zum Beispiel weiterhin an verpflichtender Barrierefreiheit in Bereichen, die für ihre Lebensführung zentral sind – etwa in Arztpraxen oder anderen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung. Auch dass bestehende Teilhaberechte und -ansprüche, die durch die UN-Behindertenrechtskonvention als Menschenrecht verbrieft sind, von der Politik immer wieder unter Finanzierungsvorbehalt oder im Zuge von Sparplänen gänzlich in Frage gestellt werden, verstärkt diese Wahrnehmung.
Deshalb fordert die Sprecherin der Aktion Mensch, Christina Marx, anlässlich der Veröffentlichung dieser Studie: „Eine stabile Demokratie braucht echte Teilhabe für alle. Deshalb muss Inklusion als zentrale Voraussetzung für gesellschaftlichen Zusammenhalt verpflichtend in allen politischen Entscheidungen verankert werden. Wir brauchen konkrete Ziele für mehr Zugehörigkeit: in Nachbarschaften, im Arbeitsleben bei der Barrierefreiheit und vor allem in der politischen Umsetzung“.