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Barrierefrei Bauen

Umbau oder Neubau?

Bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist schwierig. Und für Menschen, die zusätzlich auf Barrierefreiheit angewiesen sind, ein scheinbar unüberwindbares Hindernis. Es gibt aber die Möglichkeit, bestehenden Wohnraum so umzubauen oder umbauen zu lassen, dass er entweder barrierefrei oder für die individuellen Bedarfe angepasst wird. Alternativ bietet sich manchmal auch die Option des Neubaus an. Für Wohnungsanpassung, Umbau oder Neubau gibt es Fördermittel und Beratungsmöglichkeiten.

11 Minuten Lesedauer|Marion Theißen
Zwei Männer auf einer Baustelle schauen auf einen Bauplan.

Barrierefreies Bauen liegt voll im Trend

Das Bewusstsein für die Bedeutung einer barrierefreien Umgebung ist in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen. Die gesetzliche Lage hat sich verbessert und mit der Umsetzung geht es voran. Das liegt auch daran, dass Menschen mit Behinderung mittlerweile selbstbewusst auftreten und Forderungen stellen.

Je älter wir werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass wir plötzlich oder allmählich mit einer Behinderung leben. Nur drei Prozent der Behinderungen sind angeboren, 97 Prozent werden im Laufe des Lebens erworben. Und auch, wenn der barrierefreie Umbau oder Neubau nicht für alle Mitbewohner*innen nötig ist, angenehm ist er für jede und jeden. Hier erfährst du, wann sich ein Umbau oder ein Neubau lohnt, was die Herausforderungen sind und wo du Beratung und Finanzierungshilfen findest.

Barrierefrei Wohnen ist dein gutes Recht!  

Rechtliche Grundlagen:

  • Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (AEMR), Artikel 25
  • UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), Artikel 19 (Unabhängige Lebensführung und Einbeziehung in die Gemeinschaft), Artikel 23 (Achtung der Wohnung und der Familie) und Artikel 28 (Angemessener Lebensstandard und sozialer Schutz)
  • Behindertengleichstellungsgesetz (BGG), Artikel 4 und 8
  • Bundesteilhabegesetz (BTHG), umgesetzt im Neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX), Artikel 77

Wann lohnt sich ein Umbau oder Neubau? 

Wenn ein*e Bewohner*in eine Behinderung hat oder erwirbt, wenn eine fortschreitende Erkrankung diagnostiziert wird oder auch wenn man einfach älter wird: Es lohnt sich, genau hinzuschauen, ob ein Umbau der bestehenden Wohnung sinnvoll ist. Denn Barrierefreiheit ist auch eine Frage der Perspektive. Für eine*n Rollstuhlfahrer*in bedeutet sie etwas anderes als für einen blinden Menschen oder einen gehörlosen Menschen. 

Barrierearm, barrierefrei oder rollstuhlgerecht?

Für den individuellen Bedarf können unter Umständen schon ein paar Kleinigkeiten zum Ziel führen: Eine ebenerdige Dusche mit Haltegriffen zum Beispiel, eine abgesenkte Küchenzeile oder breitere Türen. Solche Dinge kann man im Eigentum ohne großen Aufwand umsetzen. In einer Mietwohnung jedoch ist die Erlaubnis  mit dem Vermieter oder der Vermieterin erforderlich. Die Kosten für bauliche Veränderungen müssen von den Mietenden übernommen werden. Es gibt hier keinen Rechtsanspruch und ist Verhandlungssache, ob sich Eigentümer*innen an der Finanzierung beteiligen. Bei Auszug kann ein Rückbau gefordert werden. Ein Fall, der aber nur selten eintritt, weil Barrierefreiheit den Wert einer Immobilie steigert. 

Bei Altbauten gestaltet sich ein Umbau leider oft schwierig: Einen Aufzug zum Beispiel kann man nicht in jedes Haus ein- oder anbauen. Und auch die Wasseranschlüsse eignen sich manchmal nicht für die barrierefreie Gestaltung eines Badezimmers. Gibt es zu viele Hürden für den Umbau, lohnt sich ein Wechsel in eine barrierefreie Wohnung.

Der richtige Begriff

Wann ist eine Wohnung barrierefrei, wann rollstuhlgerecht? Aus Wohnungsanzeigen wird oft nicht deutlich, welchen Anforderungen eine Wohnung entspricht. Wir erklären, wofür die einzelnen Begriffe genau stehen. 

Barrierefreiheit von Anfang an mitdenken

Ein barrierefreies Badezimmer.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund und die Terragon AG haben in ihrer Studie “Barrierefreies Bauen im Kostenvergleich” herausgearbeitet, dass der Umbau einer Wohnung im Bestand durchschnittlich 19.100 Euro kostet. Beim Neubau einer 75-Quadratmeter-Wohnung hingegen kommen die Expert*innen nur auf einen Aufpreis von 1.600 Euro für die vollständige Barrierefreiheit. Bei einem hohen Bedarf an Barrierefreiheit zeigt sich also: Neu bauen und  Barrierefreiheit von vornherein mitdenken lohnt sich!

Anhand eines Musterprojekts haben die Studien-Macher*innen die Kosten für barrierefreies und für konventionelles Bauen miteinander verglichen. Und es hat sich gezeigt: Von 148 Kriterien gab es bei 138 keinerlei Mehrkosten für die barrierefreie Variante. Bei den reinen Baukosten ergaben sich für  barrierefreie Bauten Mehrkosten von 1,26 Prozent pro Quadratmeter. Nach einer weniger strengen Norm lagen sie sogar nur bei 0,54 Prozent.  

Was sind die größten Herausforderungen?

Wenn eine Wohnung komplett barrierefrei sein soll, muss sie der DIN-Norm 18040-2 entsprechen. Dann passt sie zu den Bedürfnissen von Menschen mit Sinnesbehinderungen (zum Beispiel Seh- oder Hörbehinderung), Menschen mit Mobilitäts-Einschränkung und Menschen mit kognitiven Einschränkungen gleichermaßen.

Der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum nimmt zu. Denn die Gesellschaft wird im Durchschnitt älter, und so treten auch mehr Behinderungen auf. Dem gegenüber steht ein viel zu kleines Angebot: Im Moment sind weniger als drei Prozent der Wohnungen in Deutschland barrierefrei. Das Institut der Deutschen Wirtschaft ging im Jahr 2023 von mindestens zwei Millionen fehlenden Wohnungen aus. Für 2035 wird ein Defizit von etwa 3,7 Millionen Wohnungen erwartet.

Barrierefreies Bauen: Umsetzung im öffentlichen versus im privaten Bereich

Damit es überhaupt weitergeht mit der Barrierefreiheit, können Planer*innen von der Norm abweichen. Und zwar immer dann, wenn sie beweisen, dass die Kosten dafür im Verhältnis zu den Gesamtkosten zu hoch sind. Änderungen im Nachhinein sind aber immer teurer und wirken sich auf ästhetische Aspekte aus. 

Bei öffentlichen Gebäuden ist die Zugänglichkeit seit einigen Jahren für alle Standard. Ganz anders sieht das bei privat finanzierten Wohnungsbau-Projekten aus: Viele Bauunternehmen haben Berührungsängste mit dem Thema Barrierefreiheit. Sie fürchten immer noch häufig zusätzliche Kosten. Die müssen aber nicht entstehen, wenn man Barrierefreiheit von Anfang an mitdenkt. 

Komplizierte Verfahrenswege

Hinzu kommt, dass Baugenehmigungsverfahren bei privaten Bauvorhaben oft langwierig sind. Hier wird geprüft, ob ein Bauwerk die Vorgaben der Barrierefreiheit erfüllt. Sylvia Pille-Steppat vom Kompetenzzentrum für ein barrierefreies Hamburg sagt dazu: „In den Plänen, die für die Genehmigung eingereicht werden, sind viele entscheidende Details aber noch gar nicht enthalten – zum Beispiel Angaben über Leitsysteme oder die endgültige Breite der Türen.“ So kann es unter Umständen zu Abspracheproblemen zwischen Baufirma und Architekt*innen kommen. 

Kreativität ist der Schlüssel zum Erfolg – im Bestand und im Neubau

Manche Baufirmen haben Sorge, dass eine barrierefreie Wohnung weniger schön sein könnte. Das passiert häufig, wenn Dinge nachträglich eingefügt werden. Wird Barrierefreiheit aber von vornherein mitgedacht, lassen sich Lösungen finden, die sowohl ästhetisch als auch funktional gut sind. 

In einer bestehenden Wohnung nachträglich Barrierefreiheit herzustellen klappt meistens nicht so gut wie beim Neubau. Mit etwas Kreativität lässt sich aber vieles lösen. Vor allem, wenn es um Sinnesbehinderungen wie Blindheit oder Gehörlosigkeit geht. Man spricht dann nicht mehr von „barrierefrei“, sondern von „barrierearm“. Für Rollstuhl-Nutzer*innen wird es da schon schwieriger. Denn wenn zum Beispiel ein Badezimmer zu klein ist, um sich mit Rollstuhl darin zu bewegen, kann man das nicht nachträglich ändern. Hilfsmittel und Lösungen finden sich aber in den allermeisten Fällen. Ebenso wie Beratung und finanzielle Unterstützung.

Barrierefrei Bauen: Wie gehe ich am besten vor?  

Bevor du ein Bauvorhaben beginnst, ist es sinnvoll, dass du dir ein paar Grundsätzliche Überlegungen und einen Plan machst. Hier einige wichtige Impulse dazu:

Kompetente Partner*innen für barrierefreie Bauvorhaben?

Am besten fängst du deine Recherche bei einer Beratungsstelle in deiner Nähe an. Das kann zum Beispiel die Architektenkammer in deinem Bundesland sein. Frage, welche Kolleg*innen sich in deiner Stadt gut mit Barrierefreiheit auskennen. Dann bekommst du die entsprechenden Kontakte. Beim Erstgespräch kannst du nach bisherigen Projekten und Hintergründen zum barrierefreien Bauen beziehungsweise Umbauen fragen. So bekommst du einen ersten Eindruck.

Baden-Württemberg: Landeszentrum Barrierefreiheit (LZ-BARR) 
Else-Josenhans-Straße 6 
70173 Stuttgart 
Telefon 0711 123-3636 
E-Mail: post@barrierefreiheit.bwl.de 
https://barrierefreiheit-bw.de 

Bayern: Beratungsstelle Barrierefreiheit
Bayerische Architektenkammer 
Waisenhausstraße 4 
80637 München 
Telefon: 089 139880-80 
E-Mail: info@beratungsstelle-barrierefreiheit.de 
www.beratungsstelle-barrierefreiheit.de/ 

Hamburg: Kompetenzzentrum für ein barrierefreies Hamburg 
Alsterdorfer Markt 7 
22297 Hamburg 
Telefon: 040 855 99 20 0 
E-Mail: info@kompetent-barrierefrei.de 
www.kompetent-barrierefrei.de 

Nordrhein-Westfalen: Agentur Barrierefrei NRW 
Grundschötteler Straße 40
58300 Wetter 
Telefon: 02335 9681 59 
E-Mail: ab-nrw@kb-esv.de 
www.ab-nrw.de 

Sachsen-Anhalt: Landesfachstelle für Barrierefreiheit 
Käsperstraße 31 
39261 Zerbst
Telefon: 0 39 23 / 7 51 – 0 
E-Mail: info@ukst.de 
https://www.lf-barrierefreiheit-st.de 

Thüringen: Landesfachstelle für Barrierefreiheit 
Jürgen-Fuchs-Straße 1 
99096 Erfurt 
Tel: 0361 573 11 8000 
E-Mail: kontakt@tlmb.thueringen.de 
https://www.tlmb-thueringen.de/themen/landesfachstelle-fuer-barrierefreiheit/ 

Wenn dein Bundesland noch keine Landesfachstelle hat, wende dich an den oder die Behindertenbeauftragten deines Bundeslandes. Er oder sie kann dich an geeignete Expertinnen weiterleiten. Den entsprechenden Kontakt findest du unten in der Linksammlung. Oder du meldest dich bei deiner Kommune und fragst beim Sozialamt nach passenden Ansprechpartner*innen.

Kontakte der Behindertenbeauftragten in den Bundesländern: https://www.behindertenbeauftragter.de/DE/AS/der-beauftragte/behindertenbeauftragte-in-bundeslaendern/behindertenbeauftragte-in-bundeslaendern-node.html 

Gibt es finanzielle Unterstützung?

Es gibt viele Möglichkeiten, einen finanziellen Zuschuss zum barrierefreien Bau oder Umbau zu bekommen. Um eine solche Förderung zu erhalten, muss man beim Bau oder Umbau allerdings bestimmte Standards erfüllen. Für die Planung brauchst du daher eine*n Expert*in an deiner Seite: Das kann ein*e Architekt*in sein, ein*e Ingenieur*in oder auch ein*e Handwerker*in, der oder die sich mit Barrierefreiheit auskennt. Den Antrag auf die Finanzierung musst du stellen, bevor der Umbau beginnt. 

Es gibt Fördertöpfe der Bundesländer, der Kommunen, aber auch von Banken und anderen Organisationen. Hier eine kleine Auswahl:  

Broschüre: Gute Gründe, in barrierefreies Bauen zu investieren 

In den eigenen vier Wänden zu wohnen – und das ein Leben lang –, ist der Wunsch nahezu aller Menschen. In einer alternden Gesellschaft wird der Bedarf an barrierefreiem Wohnraum steigen. Mit der Broschüre „Gute Gründe, in barrierefreies Bauen zu investieren“ möchten wir alle am Bauprozess beteiligten Gewerke dafür sensibilisieren, warum es sich lohnt, in barrierefreies Bauen zu investieren.

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