Inklusives Wohnen: Qualität setzt sich durch

Der Architekt Dirk Michalski gilt als einer der führenden Experten für barrierefreies Planen und Bauen in Deutschland. Im Interview erzählt er, worauf es bei der Planung von „Wohnraum für alle“ ankommt – und welche Perspektiven barrierefreies Bauen für Planer*innen bietet.

Herr Michalski, Sie sind seit 25 Jahren als Architekt und Sachverständiger für barrierefreies Planen und Bauen tätig. Wie hat sich das Feld in dieser Zeit entwickelt?

Sehr positiv, vor allem, was das allgemeine Bewusstsein für öffentliche Gebäude betrifft. Hier ist das Auftragsaufkommen in den letzten Jahren regelrecht explodiert. Das liegt natürlich an der Gesetzeslage – öffentlich zugängliche Gebäude müssen zwingend Vorgaben zur Barrierefreiheit erfüllen. Deshalb beschäftigen sich heute auch immer mehr Architektinnen und Architekten mit barrierefreiem Bauen. Eine sehr gute Entwicklung.

Gleichzeitig gibt es aber weiterhin Unsicherheit und Wissenslücken, vor allem im Wohnungsbau. Barrierefreies Bauen ist eben ein sehr umfangreiches Feld, das in den letzten Jahrzehnten an Komplexität noch erheblich zugenommen hat. Als ich 1999 in den Beruf eingestiegen bin, gab es im Grunde eine Norm, an die man sich gehalten hat. Heute muss man eine Vielzahl von Vorgaben kennen, die sich noch dazu in vielfältiger Weise aufeinander beziehen. Das ist selbst für mich als Spezialisten anspruchsvoll.

Wie unterscheidet sich ein barrierefreies Wohngebäude grundsätzlich von einem konventionellen? Muss man es ganz anders planen?

Entscheidend für die Barrierefreiheit sind die Bewegungsflächen. Sie bestimmen den Grundriss eines Gebäudes. Wenn man hier falsch plant, lässt sich dieser Fehler später nur sehr schwer beheben. Das ist auch deshalb anspruchsvoll, weil Wohnungsgrößen in der Regel nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten optimiert sind. Gerade für Bäder und ähnliche Räume steht meist nur wenig Platz zur Verfügung. Ihn muss man innerhalb der Vorgaben optimal nutzen.

Reichen die gesetzlichen Vorgaben aus, um ein praktisches und angenehmes Wohnumfeld für Menschen mit Behinderung zu schaffen?

Grundsätzlich ja. Die Norm sieht zwei Standards vor – den barrierefreien und den rollstuhlgerechten Wohnraum. Wenn man die jeweils passenden Vorgaben umsetzt, kommt eine Wohnung heraus, in der man als Mensch mit Behinderung gut leben kann. Die Alltagsqualität lässt sich mit kleinen Kniffs und Tricks noch erhöhen. Dazu braucht es aber viel planerische Erfahrung.

Können Sie einen solchen Trick verraten oder ist das ein Betriebsgeheimnis?

Der Punkt ist, dass es keine pauschalen Tricks gibt. Je nach Größe, Grundriss und anderen Faktoren können sich ganz unterschiedliche Möglichkeiten ergeben. Ich kann aber sagen, dass das Bad entscheidend für die Alltagsqualität einer Wohnung ist. Hier müssen die Bewohner schließlich jeden Tag mehrmals hin. Es kommt also darauf an, gerade diesen Raum so bequem und hindernisarm wie möglich zu gestalten.

Wie wichtig ist es, die individuellen Wünsche zukünftiger Bewohner*innen bei der Planung mit einzubeziehen?

Bei einem privaten Einfamilienhaus: wichtig. Im normalen Wohnungsbau ist das aber weder möglich noch sinnvoll. Die Aufgabe ist in diesem Fall ja gerade nicht, jedes Detail auf ein Individuum abzustellen, sondern Wohnraum zu schaffen, der für möglichst viele, sehr unterschiedliche Menschen problemlos nutzbar ist. Genau deshalb gibt es die Normen und Vorgaben. Wenn man sie richtig umsetzt, ist es egal, wer später mit welcher Behinderung in die Wohnung einzieht. Der Rahmen ist dann so gesteckt, dass persönlich notwendige Dinge wie Haltegriffe oder technische Hilfsmittel einfach dazu addiert werden können.

Architekt Dirk Michalski

Dirk Michalski

Der Architekt beschäftigt sich schon seit seinem Studium in den 1980er-Jahren mit barrierefreiem Planen und Bauen. Als zertifizierter Fachplaner und Sachverständiger hat Dirk Michalski eine Vielzahl öffentlicher und privater Bauvorhaben begleitet und setzt sich auch wissenschaftlich mit Barrierefreiheit auseinander. Sein Interesse an dem Thema hat neben fachlichen auch persönliche Gründe: Dirk Michalski ist seit einem Verkehrsunfall 1982 querschnittgelähmt. Die Behinderung sichere ihm in Sachen Barrierefreiheit einen immensen Wissensvorsprung, sagt der Architekt.

Barrierefrei heißt nicht rollstuhlgerecht

Als Rollstuhlfahrer*in ist es besonders schwierig, eine geeignete Wohnung zu finden. Diese Erfahrung musste auch die Rheinländerin Melanie Eilert machen, die jahrelang gesucht hat. Dass es nach wie vor zu wenig rollstuhlgerechte Wohnungen in NRW gibt, dazu trägt auch die Landesbauverordnung bei, die besagt, dass bei Neubauten Wohnungen nur so beschaffen sein müssen, dass sie im Bedarfsfall später individuell barrierefrei umgebaut werden können. In einem Beitrag des WDR erfahren Sie, was das bedeutet.

Inzwischen spielt auch inklusiver Wohnungsbau eine immer wichtigere Rolle. Was heißt das für die Planung?

Wenn es inklusiv sein soll, muss die Besuchbarkeit gewährleistet sein. Bewohner*innen mit einer Behinderung müssen alle anderen in ihren Wohnungen besuchen und auch die Gemeinschaftsräume erreichen und nutzen können. In Nordrhein-Westfalen hat man sich entschieden, öffentlich geförderte Wohnungen grundsätzlich barrierefrei auszustatten. Rollstuhlgerechte Wohnungen müssen aber extra beantragt und gefördert werden. Das ist ein vernünftiger Ansatz, vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. Allerdings sollten in größere Wohnbauten standardmäßig einige rollstuhlgerechte Wohnungen integriert werden. Das wird noch zu wenig berücksichtigt bzw. umgesetzt.

 

Was könnte die Barrierefreiheit im Wohnungsbau voranbringen? Braucht es weitere gesetzliche Vorgaben?

Sinnvoll wären Barrierefrei-Konzepte, wie sie für öffentliche Gebäude vorgeschrieben sind. Diese Konzepte würden dann beim Baugenehmigungsverfahren zusammen mit den Plänen eingereicht und beurteilt. Sie geben umfangreicher Aufschluss darüber, wie barrierefrei ein Gebäude letztendlich sein wird, was genau geplant ist. Beim Wohnungsbau werden bisher ausschließlich die reinen Pläne geprüft, die nur ein begrenztes Maß an Information bieten. Das sollte sich meiner Meinung nach ändern. Dann würden nicht ausreichende Lösungen schon im Prüfungsverfahren erkannt und nicht erst, wenn das Gebäude steht.

 

Welche wirtschaftlichen Perspektiven bietet barrierefreies Bauen für Architekt*innen und Menschen in verwandten Berufen?

Es ist mit Sicherheit ein Feld, auf dem es gute Chancen gibt. Aber auch eins, das sehr komplex ist. Wer hier erfolgreich sein will, muss meiner Meinung nach mit echter Überzeugung bei der Sache sein und wirklich etwas für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung erreichen wollen. Erst dann hat man den Spaß an der Arbeit, ohne den man keine Qualität liefern kann. Und Qualität ist ja das, was sich auch wirtschaftlich durchsetzt.

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