„Die Solidarität bröckelt“

Katrin Langensiepen ist Mitglied des  Europäischen Parlaments in der Fraktion  Die Grünen/Europäische Freie Allianz und einzige weibliche Europaabgeordnete mit einer sichtbaren Behinderung.

Katrin Langensiepen © Sven Brauers

Katrin Langensiepen

Ich finde es grundsätzlich nicht gut, unsere Gesellschaft mit Äußerungen über Risikogruppen in ein Die und ein Wir zu teilen. Außerdem: Welches Bild haben wir eigentlich von einer Risikogruppe?  Das sind für viele vor allem alte Leute, und die sollen am besten zu Hause bleiben. Oder sie werden ins Pflegeheim oder Altenheim gesteckt, und dann ist alles wieder gut. Aber zur sogenannten Risikogruppe gehört eben auch die studierte Asthmatikerin. Oder der nachts beatmete Büroangestellte und Familienvater. Oder die Nachbarin mit Diabetes. Wenn wir ernsthaft sagen, wir wollen die Risikogruppen wegschließen – dann müssen wir das mit vielen Millionen Menschen machen.

Von der Menschenrechtsverletzung ganz abgesehen, die es bedeutet, wenn man einfach für andere über ihre Bewegungsfreiheit entscheidet, hat es sich inzwischen längst gezeigt, dass es keine gute Lösung war, als wir wochenlang die Türen in den Pflegeheimen für Besucher zugemacht haben: Die Zahl der Infektionen ist trotzdem gestiegen. Was mich an der Risikogruppendebatte noch stört: Man spricht wieder einmal über die Betroffenen, aber nicht mit ihnen. Das ist eine Bevormundung unter dem Deckmäntelchen der Schutzfrage. Schon zu Beginn der Coronakrise war vielen Menschen mit Behinderungen und Vorerkrankungen klar, dass solche Reflexe kommen würden. Mein Eindruck ist, dass es in dieser Diskussion gar nicht vorrangig um den Schutz gefährdeter Menschen geht, sondern um die Freiheit derjenigen, die jung und gesund sind und sich nicht einschränken möchten.

Die Auseinandersetzung mit Krankheit und Gebrechlichkeit findet in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht wirklich statt: So etwas betrifft doch immer nur die anderen! Dass wir jetzt erstmalig als Kollektiv einer Situation ausgesetzt sind, in der uns ein Virus diktiert, wo es langgeht, ist für viele entsprechend ärgerlich. Die Steuererklärung ist gemacht, die Wohnung entrümpelt und geputzt, der Lockdown endlich vorbei – und schon bröckelt das Solidarprinzip merklich.

Menschenrechte gelten weiter für alle

Doch solange wir keinen Impfstoff und kein wirklich gutes Medikament haben, wird uns das Coronavirus weiter das Tempo vorgeben. Und wenn wir Pech haben, danach das nächste Virus. Möglicherweise ist dies hier tatsächlich nicht die letzte Pandemie – also sollten wir lieber jetzt schon mal schauen, dass die Menschenrechte trotzdem weiter für alle gelten.

Es war schon immer schwierig für Ältere oder für Menschen mit Behinderung, ihre Rechte wahrzunehmen und darauf aufmerksam zu machen. Da könnte man zynisch sagen, es ist fast ein Vorteil der Coronakrise, dass sie jetzt in den breiten Fokus geraten sind. Vielleicht schafft man es ja doch noch irgendwann, sie zu fragen: Wollt ihr unsere Schutzmaßnahmen überhaupt? Denn auch Ältere und Menschen mit Behinderung können in der Regel gut selbst entscheiden, was sie brauchen. Dass man ihnen das Recht darauf immer wieder nimmt, ist es, was viele so wütend macht.
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Aufgeschrieben von Sarah Schelp

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