„Es ist ein schmutziger Deal“

Klaus Birnstiel ist Professor für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Greifswald, wo er zur Literatur des 18. Jahrhunderts und poststrukturalistischer Literaturtheorie forscht. Er lebt mit 24-Stunden-Assistenz.

Klaus Birnstiel © Ben Peters

Klaus Birnstiel

Ich bin seit meinem zehnten Lebensjahr Beatmungspatient und gehöre damit zur sogenannten Risikogruppe. Die Pflege, die ich benötige, organisiere ich als Assistenznehmer über ein Persönliches Budget. Zu Beginn der Coronakrise habe ich mein Team von sechs auf drei Assistent*innen reduziert und bin eine Weile nicht mehr vor die Tür gegangen. Als sich dann abzeichnete, dass die Lage erst mal doch nicht so apokalyptisch werden würde wie in Italien, kam mein ganzes Pflegeteam zurück.

Das Assistenzmodell gibt mir ein großes Stück Freiheit, ist aber auch ein schmutziger Deal: Ich bekomme zwar Geld für mein Team, darüber hinaus interessiert sich aber niemand dafür, ob ich Hilfe gebrauchen könnte. Entsprechend hat sich weder meine Krankenkasse als Kostenträger gemeldet, um mich zum Virus zu beraten, noch meine Ärzte oder sonstige Stellen. Als ich beim Krisenstab in Greifswald um Hilfe bei der Maskenbeschaffung gebeten habe, wurde ich abgewiesen. Das alles fand ich schon etwas schockierend.

Als Kulturwissenschaftler ist es in dieser Krise aber auch interessant, zu sehen, wie gesellschaftlich die Prioritäten gesetzt werden: Kinderbetreuung und Autoindustrie sind politische Lieblingsthemen, andere Gruppen werden eher stiefmütterlich behandelt. Ich finde es nachvollziehbar, dass wirtschaftliche Belange bei Entscheidungen zu Coronamaßnahmen mit im Vordergrund stehen. Als Teil einer Risikogruppe kann dabei trotzdem schnell der Eindruck entstehen, dass man unter die Räder kommt. Deshalb habe ich mich gefreut, als Behindertenverbände Position gegen die Triagierung bezogen haben. Allerdings fand ich es überzogen, wie von manchen polemisiert wurde: Triage auf der Intensivstation sei wie Euthanasie unter den Nazis. Das ist sie nicht, sondern ein komplexes Thema, das man meiner Ansicht nach ohne schiefe historische Vergleiche angehen sollte.

Zweischneidige Debatte um Risikogruppen

Die Debatte um Risikogruppen ist immer zweischneidig, egal, von welcher Seite sie geführt wird, weil sie die Bevölkerung rhetorisch auseinandertreibt und den schnellen Schluss nahelegt: Wenn die einen jetzt zu Hause bleiben, können alle anderen weiterleben wie bisher. Solche Aussagen sind faktisch falsch und zeigen auch, wie schnell sich viel beschworene Solidarisierungseffekte wieder verflüchtigen können. Meiner Ansicht nach ist es gerade unsere gesellschaftliche Verflochtenheit, die zählt: Ich mag einer Risikogruppe angehören, aber darüber hinaus bin ich Sohn, Bruder, Onkel, Professor, Assistenznehmer und vieles mehr. Diese Teile meines Lebens spielen auch eine große Rolle, nicht nur meine Diagnose.

Das Coronavirus will nichts, kann nichts und weiß nichts. Aber es gibt die Gesellschaft, in der es unterwegs ist und die sich überlegen muss, wie sie am besten damit umgehen kann – im Sinne aller. Über unsere sozialen Gruppen sind wir untrennbar miteinander verbunden.
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Aufgeschrieben von Sarah Schelp

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