"Mach dich sichtbar"

Wegen einer Spinalen Muskelatrophie (SMA) nutzt Anastasia Umrik, 33, einen elektrischen Rollstuhl mit Liftfunktion. Ihre Krankenkasse hielt diese jedoch für unnötig und lehnte ihren Antrag auf einen neuen Rollstuhl ab. Als eine Sachbearbeiterin Anastasia Umrik gegenüber unverschämt reagierte, machte die Coachin und Speakerin ihre Auseinandersetzung mit der Krankenkasse auf Twitter öffentlich. Daraufhin lenkte die Krankenkasse ein.

eine junge Frau mit kurzem Haar und weißer Bluse im E-Rollstuhl

Anastasia Umrik siegte gegen ihre Krankenkasse

„Bei meinem alten Rollstuhl funktionierte die Elektronik nicht mehr, um meine Muskeln zwischendurch zu entspannen. Deshalb beantragte ich Anfang 2019 einen neuen Rollstuhl. Als der aus nicht näher erläuterten Gründen abgelehnt wurde, legte ich Widerspruch ein. Daraufhin bot mir die Krankenkasse einen Rollstuhl aus ihrem Lager an. Ohne Liftfunktion. Diese ist für mich jedoch eines der wichtigsten Tools, das ich zum Beispiel brauche, um auswärts die Toilette zu nutzen. Das habe ich auch einer Mitarbeiterin bei der Krankenkasse am Telefon erklärt. Doch sie meinte, ich solle dann eben auf die Toilette gehen, bevor ich das Haus verlasse oder Windeln anziehen. Darauf habe ich sehr emotional reagiert und sie gefragt, ob ich das jetzt richtig verstanden habe, worauf sie es noch mal bestätigte. Danach war ich zwei Tage lang sehr niedergeschlagen und habe überlegt, was ich tun kann.

Ich habe mich dann entschieden, auf meinem Twitter-Account davon zu berichten, weil das einfach mein Sprachrohr ist, und auch, weil ich finde, dass solche Dinge an die Öffentlichkeit gehören. Daraufhin bekam ich eine große Welle an Zuspruch. Insgesamt meldeten sich vielleicht 10.000 Menschen. Viele gaben mir Tipps, andere erzählten mir von ähnlichen Erfahrungen. Das hat mir gezeigt, wie viel Ärger und Demütigung hinter den Türen passieren. Und lange nicht alle Menschen haben ja so eine relativ große Community, die sie unterstützt. Es meldeten sich auch viele Leute, die vorher nicht in meiner Community waren und die mich unterstützt haben, indem sie die Krankenkasse immer mit markiert und so den Druck erhöht haben.

Ich finde, dass es legitim ist, die eigene Geschichte nach außen zu tragen

ein Handy liegt auf einem grünen Sofa

Über Twitter erfuhren viele Menschen von Anastasia Umriks Problem

Das Social-Media-Team der Krankenkasse hat so alles mitbekommen. Zuvor hatte man dort zu mir gesagt: ‚Wenn es Ihnen nicht passt, dann können Sie ja dagegen klagen.‘ Darauf hatte ich mich, ehrlich gesagt, auch schon eingestellt. Aber das war gar nicht mehr nötig. Am Donnerstag wurde ich auf Twitter aktiv, und am Montag habe ich von meinem Sanitätshaus erfahren, dass der Rollstuhl genehmigt war.

Einerseits war diese Aktion für mich sehr energieraubend. Ich habe erst zwei Monate später richtig gemerkt, wie erschöpft und müde ich war. Das hatte mich total aus meinem Alltag raus­katapultiert. Andererseits hat mich diese Erfahrung sehr gestärkt. Sie hat mir gezeigt, dass ich mehr Kraft habe, als ich dachte. Und dass wir einzelne Menschen mehr Macht haben, als wir denken. Ich finde, dass es legitim ist, die eigene Geschichte nach außen zu tragen. Es ging ja nicht nur um eine Kleinigkeit, sondern um meine Lebensqualität und auch um meine Lebensfähigkeit.

Mein Reha-Antrag war zweimal abgelehnt worden

Ein halbes Jahr vor dem Rollstuhl hatte ich auch eine Reha beantragt. Der Antrag war von der Krankenkasse zweimal abgelehnt worden, und ich hatte deswegen schon einen Beratungstermin beim Sozialgericht. Aber im Januar 2020 bekam ich auch die Bewilligung der Reha. Im Schreiben der Krankenkasse stand, sie hätten sich noch mal die Akte angeguckt und gäben meinem Antrag natürlich statt.

Im Endeffekt kann ich nur jedem Menschen in einer solchen Situation raten: Mach dich sichtbar! Zeig dich in irgendeiner Form. Außerdem sollte man so eine Absage nicht persönlich nehmen und sich nicht so sehr davon beeinflussen lassen, dass man am Boden zerstört ist. Das ist allerdings einfacher gesagt als getan.“

Aufgeschrieben von Astrid Eichstedt
Fotos: Gina Bolle

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