Recht bekommen: „Mach dich sichtbar“

Anastasia Umrik hat erlebt, wie schwer es sein kann, berechtigte Ansprüche bei der Krankenkasse durchzusetzen. Für sie brachte der Gang an die Öffentlichkeit den Erfolg.

Bei meinem alten Rollstuhl funktionierte die Elektronik nicht mehr, um meine Muskeln zwischendurch zu entspannen. Deshalb beantragte ich Anfang 2019 einen neuen Rollstuhl. Als der aus nicht näher erläuterten Gründen abgelehnt wurde, legte ich Widerspruch ein. Daraufhin bot mir die Krankenkasse einen Rollstuhl aus ihrem Lager an. Ohne Liftfunktion. Diese ist für mich jedoch eines der wichtigsten Tools, das ich zum Beispiel brauche, um auswärts die Toilette zu nutzen.

Das habe ich auch einer Mitarbeiterin bei der Krankenkasse am Telefon erklärt. Doch sie meinte, ich solle dann eben auf die Toilette gehen, bevor ich das Haus verlasse oder Windeln anziehen. Darauf habe ich sehr emotional reagiert und sie gefragt, ob ich das jetzt richtig verstanden habe, worauf sie es noch mal bestätigte. Danach war ich zwei Tage lang sehr niedergeschlagen und habe überlegt, was ich tun kann.

Ansprüche geltend machen: Sprachrohr Twitter

Ich habe mich dann entschieden, auf meinem Twitter-Account davon zu berichten, weil das einfach mein Sprachrohr ist, und auch, weil ich finde, dass solche Dinge an die Öffentlichkeit gehören. Daraufhin bekam ich eine große Welle an Zuspruch.



eine junge Frau mit kurzem Haar und weißer Bluse im E-Rollstuhl
Anastasia Umrik siegte gegen ihre Krankenkasse
Insgesamt meldeten sich vielleicht 10.000 Menschen. Viele gaben mir Tipps, andere erzählten mir von ähnlichen Erfahrungen. Das hat mir gezeigt, wie viel Ärger und Demütigung hinter den Türen passieren. Und lange nicht alle Menschen haben ja so eine relativ große Community, die sie unterstützt. Es meldeten sich auch viele Leute, die vorher nicht in meiner Community waren und die mich unterstützt haben, indem sie die Krankenkasse immer mit markiert und so den Druck erhöht haben.

Positive Entwicklungen durch Gang an die Öffentlichkeit

Das Social-Media-Team der Krankenkasse hat so alles mitbekommen. Zuvor hatte man dort zu mir gesagt: ‚Wenn es Ihnen nicht passt, dann können Sie ja dagegen klagen.‘ Darauf hatte ich mich, ehrlich gesagt, auch schon eingestellt. Aber das war gar nicht mehr nötig. Am Donnerstag wurde ich auf Twitter aktiv, und am Montag habe ich von meinem Sanitätshaus erfahren, dass der Rollstuhl genehmigt war.

Um Hilfsmittel kämpfen: oft energieraubend

Einerseits war diese Aktion für mich sehr energieraubend. Ich habe erst zwei Monate später richtig gemerkt, wie erschöpft und müde ich war. Das hatte mich total aus meinem Alltag rauskatapultiert. Andererseits hat mich diese Erfahrung sehr gestärkt. Sie hat mir gezeigt, dass ich mehr Kraft habe, als ich dachte. Und dass wir einzelne Menschen mehr Macht haben, als wir denken. Ich finde, dass es legitim ist, die eigene Geschichte nach außen zu tragen. Es ging ja nicht nur um eine Kleinigkeit, sondern um meine Lebensqualität und auch um meine Lebensfähigkeit.

Ansprüche: Warum es wichtig ist, sich sichtbar zu machen

Ein halbes Jahr vor dem Rollstuhl hatte ich auch eine Reha beantragt. Der Antrag war von der Krankenkasse zweimal abgelehnt worden, und ich hatte deswegen schon einen Beratungstermin beim Sozialgericht. Aber im Januar 2020 bekam ich auch die Bewilligung der Reha. Im Schreiben der Krankenkasse stand, sie hätten sich noch mal die Akte angeguckt und gäben meinem Antrag natürlich statt. 

 

Im Endeffekt kann ich nur jedem Menschen in einer solchen Situation raten: Mach dich sichtbar! Zeig dich in irgendeiner Form. Außerdem sollte man so eine Absage nicht persönlich nehmen und sich nicht so sehr davon beeinflussen lassen, dass man am Boden zerstört ist. Das ist allerdings einfacher gesagt als getan.“

 

Aufgeschrieben von Astrid Eichstedt
Fotos: Gina Bolle 

zurück zur Übersicht

Ein Handy auf dem Sofa
Über Twitter erfuhren viele Menschen von Anastasia Umriks Problem

Das könnte Sie auch interessieren

Eine Frau mit einem schwarzen Hut steht vor einem Zaun

Ihr Kampf um die Frührente

Karina Sturm lebt sie mit dem seltenen Ehlers-Danlos-Syndrom. Wegen schwerwiegender Symptome und Folgeerkrankungen bekommt sie heute eine Frührente. Bis diese genehmigt war, musste sie drei Jahre lang kämpfen.
Eine Frau mit Brillen im Rollstuhl hält ein Baby auf ihrem Schoß

Sie sollte ihr Kind abgeben

Nur weil Ramona Böhner eine körperliche Behinderung hat, sollte sie ihr Baby an eine Pflegefamilie abgeben. Die Leiterin eines Pflegediensts in Augsburg verhalf ihr zu ihrem Recht. Es war für sie kein Einzelfall.