"Alles schriftlich"

Karina Sturm ist eine ehemalige medizinisch-technische Laborassistentin, die heute als Journalistin und Filmemacherin Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen eine Stimme gibt. Seit 2010 lebt sie mit einer seltenen chronischen Erkrankung. Kom­plexe Symptome und Folgeerkrankungen führten zur Rente, für die sie aber drei Jahre lang kämpfen musste.

Eine junge Frau mit Hut steht vor einem Zaun

Karina Sturm

„Als ich gerade 24 Jahre alt war, riss mich eine schwere chronische Erkrankung, das Ehlers-Danlos-Symdrom, aus dem Alltag. Täglich lebte ich mit neurologischen Ausfällen, chronischen Schmerzen und unzähligen Symptomen, die Seiten füllen könnten. Lange Zeit wurde ich falsch behandelt, da kein Arzt wusste, was mir fehlte. Und plötzlich war ich auf die Hilfe des Staats angewiesen.

Doch diese bekam ich nicht. Im Gegenteil. Nachdem ich gezwungen war, Rente zu beantragen, ging der eigentliche Kampf erst los. Keiner der Gutachter der Rentenversicherung nahm meine Beschwerden ernst. Mehrfach waren die schriftlichen Gutachten übersät von Fehlern. Jegliche Korrekturversuche scheiterten. Als Bittsteller hat man keinerlei Einfluss. Man fühlt sich hilflos ausgeliefert. Fast jeder zweite Erstantrag auf Frührente wird abgelehnt. Wenn chronisch kranke Menschen überhaupt die Kraft haben, nach dem Widerspruch zu klagen, kann das Verfahren Jahre dauern, während deren man keine Ansprüche auf andere Leistungen hat.

Meine Rente wurde mehrfach abgelehnt. Hätte ich nicht die Unterstützung meiner Familie gehabt, die mich zurück in mein Elternhaus ziehen ließ, sodass ich keine Miete zahlen musste, wäre ich während des Klageverfahrens nicht in der Lage gewesen, meine Krankenversicherungsbeiträge zu decken.

Von der Antragstellung bis zur Bewilligung vergingen über drei Jahre

Blick auf Palo Alto in Kalifornien

Karina Sturms Briefkasten. Post von der Rentenversicherung macht ihr immer noch Angst

Erst spät im Verfahren wurde bei mir das Ehlers-Danlos-Syndrom diagnostiziert. Doch die meisten Ärzte wissen nichts über die seltene Erkrankung – und noch weniger die Gutachter der Rentenversicherung. Auch zehn Folgeerkrankungen wurden von den Gutachtern ignoriert.
Von der Antragstellung bis zur Bewilligung vergingen über drei Jahre. Während der gesamten Zeit wurde ich vom lokalen VdK beraten und unterstützt. Oft habe ich lange und emotionale Schreiben an das Gericht oder die Rentenversicherung geschickt und mit akademischer Literatur zu meiner Erkrankung deren Gutachten widerlegt. Gebracht hat das nicht viel. Nur durch ein Gegengutachten gewann ich letztlich den Prozess.

Die Klage hat tiefe Wunden hinterlassen. Von der teilweise menschenunwürdigen Behandlung traumatisiert, zucke ich heute noch zusammen, wenn ein Brief von der Rentenversicherung im Postkasten liegt. Die Angst, ich müsste ein solches Verfahren ein zweites Mal durchstehen – was wahrscheinlich ist –, lässt mich in kalten Schweiß ausbrechen. Was ich aus meiner Erfahrung gelernt habe, ist, dass man jede Kommunikation mit der Versicherung protokollieren und generell alle Details schriftlich einfordern sollte. Außerdem würde ich jedem raten, alle rechtlichen Schritte nur über einen guten Sozialverband oder Anwalt abzuwickeln.

Dass meine Erkrankung, die zu potenziell lebensbedrohlichen Komplikationen führte, mir weniger Angst macht, als eine weitere Auseinandersetzung mit der Rentenversicherung, ist ein Armutszeugnis für unser Sozialsystem. Und leider bin ich eher die Regel – nicht die Ausnahme."

Aufgeschrieben von Astrid Eichstedt
Fotos: Karina Sturm

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