Werkstattunterricht

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Zwei Mädchen beugen sich über ein Heft und schreiben etwas hinein.

Das Arbeiten in einer Werkstatt ist eine Methode offenen Unterrichts, die zwar offener als das Arbeiten mit einem Wochenplan, aber geschlossener als Freiarbeit und Projektarbeit  ausfällt. Sie bildet einen methodischen Kompromiss. Der Öffnungsgrad einer Werkstatt bleibt dabei variabel: Es ist möglich, sie nach und nach zu öffnen, weshalb sie sich besonders für Anfänger des offenen Unterrichts eignet. Mit der Zeit können die Schüler mehr Handlungsspielraum erhalten.

Auf einen Blick

Schwerpunkt
Selbstgesteuertes Lernen durch freie Wahl der Arbeit aus einem vorbereiteten, strukturierten Angebot

Voraussetzungen
Werkstattangebote, Expertenbetreuung

Schüler- und Lehrerrolle
Der Lehrer organisiert das selbstgesteuerte Lernen der Schüler durch ein Überangebot an Lernmöglichkeiten sowie Kompetenzdelegation an Experten/Chefs.

Material
begrenztes, strukturiertes Überangebot an anregenden, handlungsorientierten, mehrere Sozialformen und ggf. Fächer berücksichtigenden Aufgaben

Kontrolle
durch Material, Partner oder zuständigen Experten/Chef

Inhalt
angebotsabhängig ggf. vom Schüler mitbestimmbar

Methoden
abhängig von der Offenheit der Angebote

Sozialform
angebotsabhängig vom Schüler wählbar

Zeitpunkt und Dauer
in der Regel vom Schüler frei wählbar, evtl. von Pflichtaufgaben oder Material abhängig

Nähe zu anderen Methoden

Die Idee der Lernwerkstatt lässt sich gut mit der Projektmethode  kombinieren.

Reichen sagt, Werkstattunterricht sei „eine Unterrichtsform, die auch ‚offener Unterricht’, ‚freie Schülerarbeit’ u.ä. genannt wird.“ Damit beansprucht er aber womöglich etwas zu viel für sich; denn sein Konzept beinhaltet viele konkrete und praxisnahe Hinweise, die es enger umgrenzen, als die doch sehr weit gefassten Begriffe „Offener Unterricht“  oder „Freiarbeit“ . Dazu gehören der durch die Lehrperson vorbereite und vorgeplante Angebotspool sowie das Experten-/Chefprinzip. Ein alternativer Begriff für Werkstattunterricht nach Reichen wäre „Angebotsunterricht“.
Insgesamt zeugt seine Aussage davon, dass kein eindeutiges, allgemeingültiges Verständnis von Lernwerkstätten existiert.

 

Prinzip

Bei einer Werkstatt handelt es sich um eine durch den Lehrer vorstrukturierte und vorbereitete Lernumgebung. Den Schülern stehen darin viele verschiedene Lernsituationen und –materialien zur Verfügung, aus denen sie ein oder mehrere Angebote auswählen und selbstständig bearbeiten. Der Begriff „Werkstatt“ soll also nicht an Hammer und Hobel erinnern, sondern an die Arbeitsweise in einer Werkstatt: Man sitzt gleichzeitig an verschiedenen Aufträgen, teilweise alleine, teilweise mit anderen und meist ohne Meister.

In der Lernwerkstatt bestimmen weitestgehend die Schüler über Zeitpunkt, Tempo, Sozialform, Reihenfolge und Rhythmus ihres Arbeitens und haben angebotsabhängig die Möglichkeit, persönliche Interessen zu verfolgen. Der pädagogische Grundgedanke dahinter ist, dass sie in der Regel bereits von sich aus wiss- und lernbegierig in die Schule kommen, der gängige Frontalunterricht diese positive Neugier aber zerstört. Lässt man die Schüler unter Anleitung jedoch relativ frei, in ihrer eigenen Geschwindigkeit und selbstständig lernen, erreichen sie die Zielvorgaben von alleine.

Die Schüler gehen im Werkstattunterricht also eigene Lernwerge. Gleichzeitig setzen auch die Lehrer das Konzept individuell um und können „ihre“ Variante finden. Individualisierung lässt sich daher als wohl wichtigstes Merkmal der Werkstatt-Methode festhalten. Daneben zeichnet sie sich durch didaktische Zurückhaltung aus, sprich, die Lehrkraft orientiert ihr Verhalten am Prinzip der minimalen Hilfe. Das reicht so weit, dass meist die Schüler selbst ihre Arbeitsergebnisse kontrollieren. Nicht zuletzt agieren sie in der Lernwerkstatt als Experten.

Das heißt, dass jeder Schüler für ein bestimmtes Angebot verantwortlich ist und sich genau damit auseinandersetzt, um Mitschüler bei der Bearbeitung unterstützen zu können und/oder deren Ergebnisse zu überprüfen. Dieses Experten- oder Chef-System bildet ein Alleinstellungsmerkmal des Werkstattunterrichts. Weiterhin kann die Werkstatt fächerübergreifend ausgerichtet sein sowie verschiedene Zugangskanäle und Arbeitsmethoden umfassen. Insgesamt sind jedoch das Materialangebot und dessen durchdachte Gestaltung ihr A und O. 

Der schweizer Reformpädagoge Jürgen Reichen gilt als moderner Begründer des Werkstattunterrichts. Seine Methode und deren Ziele sind allerdings nicht neu, sondern teilweise von anderen Reformpädagogen bekannt. So setzt bereits Célestin Freinet „Ateliers“ ein, Ecken für handwerkliche wie geistige Vorhaben, in denen Lerner mit verschiedenen Materialien selbstständig arbeiten.

Tipps für das Werkstattangebot

  • Halbstrukturiert
  • Kindgerechtes und leicht zu beschaffendes Material
  • Lebensweltlicher Bezug
  • Roter Faden und Erfahrungsalternativen: Sinnvolle Ergänzung von Arbeitsblättern, handlungsorientierten Aufgaben und selbstlehrenden Materialien, reproduktiven und anspruchsvollen Übungen, obligatorischen Angeboten und offenen Leerangeboten
  • Möglichkeit der Beteiligung mit eigenen Ideen (etwa durch Leerangebote)
  • Balance zwischen Interessen der Schüler und Anforderungen der Schule
  • Verständliche Formulierung der Arbeitsaufträge
  • Bearbeitungsdauer eines Angebots mindestens 20 Minuten  
  • Überangebot von 30 bis 50 Prozent (etwa 15 Stunden Programm für 10 Stunden)
  • nicht zu viele Pflichtangebote
  • attraktive Aufgaben unter Pflichtangeboten
  • verschiedene Sozial- und Arbeitsformen
  • mehrere Arbeitsplätze und -Bereiche
  • Arbeitsplatzwechsel

Umsetzung

Werkstätten eignen sich besonders für Pädagogen, die erste Erfahrungen mit offenem Unterricht sammeln möchten, da sich der Öffnungsgrad sukzessive erweitern lässt. So können Lehrer und Lerngruppe gemeinsam mit der Methode wachsen. Der Verlauf und das Gelingen einer Werkstattarbeitsphase hängen dabei sehr von ihrer Planung ab – deshalb sollte sie im Vorfeld gut durchdacht und aufmerksam gestaltet werden. Das betrifft:

Lernort: Gemeinsam mit der Lerngruppe erfolgt die Gestaltung des Klassenzimmers. Es werden verschiedene Bereiche bzw. Lernzonen eingerichtet, etwa für unterschiedliche Fächer oder Arbeitsformen. Vor allem im Primarbereich sollte es Platz für einen Stuhlkreis geben.

Angebote und Material: Die Aufgabe des Lehrers besteht vor allem darin, Material zu entwickeln und bereitzustellen. Um den Überblick hierüber nicht zu verlieren, kann er ein Strukturschema nutzen, auf dem er Zeit, Sozialform, Anzahl der Aufgaben und gegebenenfalls das Fach notiert. Auch die Präsentation der Angebote für die Schüler sollte übersichtlich und ansprechend sein. Plakate mit Angebotsnummern und -titeln, Laufpässe, Werkstattbücher, Wochenpläne oder Arbeitskarten können hierbei unterstützen. Bei einer großen Werkstatt ist möglicherweise eine Vorauswahl sinnvoll.

Expertensystem: Das Chefsystem einzuführen ist ein längerer Prozess. Jeder Schüler sollte einen Posten bekommen, der nicht nur Alibi-Funktion hat, sondern echte Befugnisse mit Verantwortung beinhaltet. Als Experte ist man beispielsweise dafür zuständig, ein Angebot im Laufpass, Werkstattbuch oder Wochenplan abzuzeichnen, sobald ein Mitschüler es bearbeitet hat. Das erleichtert nicht nur den Schülern den Überblick, sondern ist ebenso für den Lehrer wichtig.

Sozialformen: Es empfiehlt sich, die Zusammensetzung von Paaren und Gruppen immer wieder zu verändern. Daneben ist es möglich, die Werkstatt mit Helfer-Unterricht zu kombinieren: Bei einem bestimmten Angebot agiert ein Schüler als Lehrender und unterstützt schwächere Schüler, die die Erklärungen ihrer Mitschüler oft besser verstehen als die der Lehrkraft. Im Sinne des „Lernens durch Lehren“ festigen sich so auch die Kenntnisse des helfenden Schülers.

Verhaltensregeln: Es ist wichtig, gemeinsam mit den Schülern grundlegende Verhaltensmuster zu diskutieren und festzulegen, etwa in der ersten Stunde der Werkstatt. Sie werden dann zum Beispiel für alle jederzeit gut sichtbar auf einer Wandtafel oder einem Plakat notiert.

Beispiel aus der Praxis

Wie die Gemeinschaftsgrundschule Sankt Theresia den Werkstattunterricht praktiziert, erklärt Maren Felbecker. Sie unterrichtet eine Lerngruppe mit 23 Kindern, von denen neun einen besonderen Förderbedarf in den Bereichen Lernen, Emotionale und Soziale Entwicklung oder Sprache haben.

Zum Beispiel der GGS An St. Theresia

Formen

Werkstattunterricht kann unterschiedlich gestaltet sein. Jeder Lehrer entwickelt idealerweise seine eigene Konzeptvariante und findet seinen persönlichen Weg. Auch Reichen motiviert Pädagogen dazu, nicht zu sehr am Konzept zu kleben, obwohl er selbst eine eher engere Form des Werkstattunterrichts praktiziert. Offene Lernwerkstätten auf der einen und geschlossene auf der anderen Seite gibt es so nicht. Ihre Variationsbreite wird anhand vierer Dimensionen deutlich:

Inhalt

thematisch gebunden

Alle Lernangebote gehören zum gleichen Thema.

thematisch ungebunden

Die einzelnen Lernangebote haben thematisch nichts miteinander zu tun. (fächerübergreifend)

Form

rein

Die Werkstatt wird nicht mit anderen Unterrichtsformen verknüpft.

gemischt

Die Werkstatt wird mit anderen Unterrichtsformen kombiniert, z.B. Frontalunterricht oder gemeinsamen Aktivitäten.

programmiert

Die Lernangebote sind in einer bestimmten Reihenfolge zu bearbeiten.

begleitend

Die Lernangebote sind eine freiwillige Ergänzung während anderer Arbeitsphasen.

Selbstständigkeit

Angebot zur Auswahl

Die Schüler wählen aus einem bereitgestellten Angebot aus.

Freie Schülerarbeit

Es gibt keine Vorgaben, die Planung erfolgt allein durch die Schüler.

Dauer

Eine Stunde täglich

Ein Tag wöchentlich

Ein bis zwei Tage

Ein bis zwei Wochen

Vor- und Nachteile

Vorteile

Kompetenzen: Die Schüler erlangen wichtige Schlüsselqualifikationen, darunter:

  • Selbstständigkeit: Sie schlagen ihren eigenen Lernweg ein und handeln eigeninitiativ. Sie lernen sich selbst einzuschätzen und ihre Arbeitsergebnisse zu beurteilen.
  • Engagement: Da die Schüler ihren Lernweg frei gestalten können, erhöht sich ihre Leistungsbereitschaft. Partner- und Gruppenarbeit aktivieren die Lerner zusätzlich und machen das Lernen zu einem intensiveren Erlebnis.
  • Sozialkompetenz: Bei Partner- und Gruppenarbeit lernen die Schüler einerseits sich durchzusetzen, andererseits rücksichtsvoll mit anderen zusammenzuarbeiten, mit Konflikten und Kritik umzugehen und stärken auf diese Weise ihre Teamfähigkeit.
  • Verantwortungsgefühl: Das Chefsystem sorgt dafür, dass jeder Schüler im Klassenverband zu gleichen Teilen für den Unterricht und den Lernprozess der anderen Verantwortung übernimmt. Gleichzeitig wird die Selbstverantwortung geschult.

Selbst- und Fremdbild: Die Schüler erkennen ihre eigenen Stärken und Schwächen sowie die anderer, und respektieren diese.

Dauer: Der Unterricht lässt sich über mehrere Wochen tragen.

Entlastung: Chefsystem und/oder Helfer-Prinzip bewirken, dass sich die Lehrkraft um viele Routine- und Organisationsaufgaben nicht zu kümmern braucht. 

Selbstvertrauen: Durch das Chefsystem stellt sich bei starken wie schwächeren Schülern ein Gefühl der Selbstwirksamkeit ein. Sie erfahren Zutrauen des Lehrers in ihre Fähigkeiten.

Gute Stimmung: Die verschiedenen Sozialformen, das Experten-System und ggf. der Helfer-Unterricht fördern den Austausch der Schüler untereinander, sodass sie ihre Beziehungen verbessern. 

Inklusion: Verschiedene Sozialformen, Experten-System und Helfer-Unterricht ermöglichen Schülern mit Förderbedarf ein gutes Lernerlebnis.

Nachteile

Aufwand: Die Vorbereitung und Einrichtung einer Werkstatt bedeutet für den Lehrer viel Arbeit.

Startschwierigkeiten: Gerade bei Neueinführung der Methode kommt es anfangs oft zu Problemen, der Unterricht läuft noch nicht rund.  

Überforderung: Das für die Werkstatt charakteristische Überangebot sorgt bei manchen Schülern womöglich zunächst für ein Gefühl der Überforderung.

Mangel an Eigeninitiative: Die Fülle an Möglichkeiten ruft bei manchen Schülern (zunächst) einen Widerstand hervor. Sie arbeiten während der Werkstattphase unkonzentriert oder gar nicht.

Ausnutzen der Freiheit: Manche Schüler beschäftigen sich während der Werkstattarbeitsphasen wiederholt mit anderen Dingen oder sind untätig.

Fazit: Inklusives Potential

Mehrere Kinder in einem Klassenzimmer.

Inhaltlich können Werkstätten derart gestaltet sein, dass sie verschiedenste Bedarfe und Lernstände berücksichtigen: So enthalten manche Angebote vielleicht eine Steigerung oder es werden für bestimmte Schüler direkt individuelle Förderangebote eingerichtet. Das Expertensystem und der Helfer-Unterricht bieten zusätzlich ein hohes inklusives Potenzial.

Denn als Experte für ein Angebot erfahren sich auch schwache Lerner oder Kinder mit Förderbedarf als selbstwirksame Menschen. Daneben signalisiert der Lehrer ihnen durch Verleihen eines solchen „Postens“, dass er Vertrauen in ihre Fähigkeiten hat. Lernen durch Lehren festigt nicht nur auf Seiten des stärkeren Schülers wichtige Inhalte und Kompetenzen, sondern ermöglicht auch dem schwächeren, seinem individuellen Lernprozess zu folgen, ohne sich unter Druck gesetzt zu fühlen. 

Weiterführende Links

Methodenpool der Universität zu Köln
Ausführliche Beschreibung von Werkstattunterricht nach Reichen im Methodenpool der Universität zu Köln. Außerdem werden die Parallelen zu anderen reformpädagogischen Ansätzen sehr schön veranschaulicht und Beispiele gegeben.

Zur Beschreibung

Weitere Methoden des Offenen Unterrichts kennenlernen

Drei Kinder mit Stiften in der Hand vor einem Regal.

Freiarbeit

Selbständiges, überwiegend individuelles Lernen in einer vorbereiteten Umgebung

Mehr über die Freiarbeit erfahren
Ein Junge und ein Mädchen sind über ihre Hefte gebeugt und schreiben etwas hinein.

Wochenplan

Selbstbestimmung des Schülers bei der zeitlichen Organisation der Aufgabenbearbeitung

Mehr über die Wochenplanarbeit erfahren
Zwei Mädchen und ein Junge stehen in einem Schulflur und schauen auf einen Monitor. Ein Mädchen zeigt auf den Monitor.

Projektarbeit

Kooperatives, demokratisches Erfahrungslernen

Mehr über die Projektarbeit erfahren