Dr. Jörg Stockmann : „Wir müssen die inklusive Gesundheitsversorgung deutlich stärken“

Dr. Jörg Stockmann ist einer der wenigen Ärzt*innen in Deutschland, die sich eingehend mit der Behandlung von Menschen mit komplexen Behinderungen beschäftigen. Er fordert eine Stärkung der inklusiven Gesundheitsversorgung, um die medizinische Versorgung der Patient*innen zu verbessern.
Dr. Jörg Stockmann, ein älterer Mann mit grauem Haar steht auf der linken Bildhälfte und schaut lächelnd nach rechts
Dr. Jörg Stockmann, Beiratsmitglied des Vorstands der Deutschen Gesellschaft für Medizin für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung (DGMGB e.V.).

Es gibt in Deutschland nur wenige Ärzte, die sich eingehend mit Patient*innen mit komplexer Behinderung beschäftigen. Dr. Jörg Stockmann ist einer davon. 2009 war er einer der ersten Teilnehmer einer Fortbildung, die die Deutsche Gesellschaft für Medizin für Menschen mit geistiger oder mehrfacher Behinderung (DGMGB e.V.), damals noch BAG, durchführte. Inzwischen ist er Beiratsmitglied des Vorstands, baut gerade eine Abteilung für Inklusive Medizin am Krankenhaus Hagen-Haspe auf und konzipiert selbst strukturierte curriculare Fortbildungen über „Medizin für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung oder mehrfacher Behinderung“. An den Fortbildungen, die in Würzburg, Westfalen-Lippe und in Hamburg stattfinden, haben inzwischen rund 450 Ärzt*innen teilgenommen.

Interview mit Dr. Jörg Stockmann am 23.4.2021

450 Ärzt*innen sind ja nicht wirklich viel ...
Es ist ungefähr 1 Promille der in Deutschland tätigen Ärztinnen und Ärzte. Das ist, wie ich finde, beschämend wenig. Zwar gibt es immer mehr Ärztinnen und Ärzte, die diese Zusatzqualifikation erwerben. Aber eigentlich müsste jede Ärztin und jeder Arzt, die hausärztlich oder im Krankenhaus tätig sind, daran teilnehmen. Das würde die inklusive Gesundheitsversorgung deutlich stärken.

 

Heutzutage stehen Ärzt*innen und Pflegekräfte gerade in Krankenhäusern unter großem Zeitdruck. Ist es da überhaupt möglich, sich mit Patient*innen mit Mehrbedarfen angemessen zu beschäftigen? 
Das ist eine schwierige gesundheitspolitische Frage. Als ich 1990 als Assistenzarzt anfing, wehte noch ein anderer Wind. Da waren wir Teil einer großen internistischen Klinik mit sehr vielen Ärzten und sehr viel Kooperation. Die Verweildauer der Patient*innen lag in der Inneren Abteilung im Schnitt bei zwölf Tagen. Mittlerweile sind es weniger als die Hälfte. Mit Einführung der Fallpauschalen hat sich vieles geändert. Die Idee, dass wir mehr Wettbewerb brauchen, hat letztlich den Zustand erzeugt, den wir jetzt vorfinden. Menschen mit Behinderung sind da nicht die Lieblingspatienten. Die kosten einfach viel Zeit, weil man oft erst mal verstehen muss, was ihr Anliegen ist und häufig kann das nur über Dritte geklärt werden. Die Komplexität, die in diesen Krankengeschichten liegt, ist natürlich auch eine Herausforderung. Das versuchen wir in den Fortbildungen darzustellen.

 

Gerade bauen Sie eine Abteilung für Inklusive Medizin am Krankenhaus Hagen-Haspe auf, die unter anderem durch Spenden finanziert wird und die Sie als Chefarzt leiten. Sie sind Internist. Was, wenn jemand zum Beispiel mit einem Beinbruch kommt?

Es ist ausdrücklich unser Anspruch, dass wir möglichst viele Erkrankungen behandeln können. Wir haben ja an unserem Krankenhaus für Grund- und Regelversorgung rund 200 Betten, da haben wir alle möglichen Abteilungen. Auf unserer Station werden alle Menschen aufgenommen, die besondere Bedürfnisse haben, also kommunikative Bedürfnisse, pflegerische Bedürfnisse, Ansprüche an die Räumlichkeiten. Und nicht zuletzt geht es um Haltungsfragen: Toleranz, Verständnis, Respekt, Einfühlungsvermögen in Menschen, die ängstlich sind und die schlecht sagen können, was sie wollen oder nicht wollen. Sie kommen erst mal auf unsere Station und die Fachärzt*innen, die für die jeweilige Erkrankung zuständig sind, machen dort ihre Visiten. Mein Team und ich koordinieren das und achten darauf, dass die Behandlung insgesamt gut läuft.

 

Einerseits sollten stationäre medizinische Einrichtungen inklusiv sein. Aber die Strukturen dafür sind eher ungünstig. Wie sehen Sie das? 
Erst mal sollten Menschen mit Behinderung überall hingehen dürfen. Und man darf erst mal von allen Ärzt*innen erwarten, dass sie sich professionell mit ihnen auseinandersetzen. Aber man darf eben auch nicht unterschätzen, dass der Umgang mit diesen Patient*innen besondere Erfahrung und Techniken benötigt. Deswegen bin ich ein Befürworter von Spezialeinrichtungen für diejenigen Menschen, die das wirklich brauchen, was aber andere Krankenhäuser nicht davon entbinden soll, sich auch auf diese Patient*innen einzulassen. 

Besondere Erfahrung braucht man ja wahrscheinlich auch, um ein Gespür dafür zu bekommen, dass Symptome und Ursachen bei Patient*innen mit komplexer Behinderung oft anders zu beurteilen sind als üblich?
Ja, gewöhnlich gehen Mediziner*innen bei ihren Annahmen zunächst von dem aus, was häufig vorkommt. Bei komplex beeinträchtigten Patienten, die oft seltene genetische Syndrome als Grundlage ihrer Behinderung haben, kommt einiges, das sonst häufig vorkommt, eher selten vor. Zum Beispiel Herzinfarkte. Aber Darmverstopfung sehe ich sehr oft. Bei Kolleg*innen, die nicht oft mit solchen Patient*innen zu tun haben, steht Verstopfung jedoch nicht unbedingt oben auf der Liste der von ihnen vermuteten Erkrankungen.

Daneben gibt  es in der Medizin ja auch so eine Tendenz, sich immer mehr zu spezialisieren. In der Endoprothetik gibt es für jedes Gelenk einen eigenen Chefarzt. Das ist für Patient*innen mit komplexen Einschränkungen ganz schwierig, weil ihre Symptome oft uneindeutig, eben komplex sind. Da hilft es schon, wenn Mediziner eine Fortbildung gemacht haben, so dass sie wissen, was für eine Palette von Problemen es gibt.

 

Ein besonders brisanter Punkt im Zusammenhang mit unserem Thema sind ja Sedierungen. Wie halten Sie es damit?
Die Bereitschaft, einen ängstlichen Patienten schon für eine Blutentnahme zu sedieren, ist bei mir recht hoch, weil ich erlebt habe, was schon alles übersehen wurde, wenn man wegen Schwierigkeiten bei der Diagnostik auf Untersuchungen verzichtet. Und weil ich weiß, dass das Risiko gering ist, wenn man die Sedierung sorgfältig macht, und dass man in kurzer Zeit relativ viel untersuchen und vernünftige Ergebnisse erzielen kann. Sofern keine akute Gefahr besteht, besprechen wir das natürlich vorher mit den Angehörigen, bzw. mit den rechtlichen Betreuer*innen. Aber oft stoßen Patient*innen in Krankenhäusern auf Ärzt*innen, die keine Erfahrung in dieser Hinsicht haben, die erst mal nur spüren: Das wird schwierig. Und weil sie Sorge haben, sich falsch zu verhalten, werden dann wichtige Untersuchungen unterlassen.

 

Und wie verfahren Sie mit anderen freiheitsentziehenden Maßnahmen?
Fixierungen sind aus unserer Sicht weitestgehend zu vermeiden. Man kann Gefahren ja manchmal auch dadurch abwenden, dass man Alternativen findet. Zum Beispiel, wenn jemand stürzen oder aus dem Bett fallen könnte. Wir benutzen Niederflurbetten, haben teilweise das Mobiliar entfernt und Fallschutzmatten ausgelegt oder eine Matratze neben dem Bett platziert. Da ist Kreativität und Flexibilität gefragt. Andererseits werden freiheitsentziehende Maßnahmen auch manchmal aus den falschen Gründen pauschal abgelehnt. Oft getrieben von den Umständen, die es macht eine Rechtsgrundlage herbeizuführen. Psychiatrien kennen den Rechtsrahmen genau. Bei somatischen Kliniken ist das häufig nicht der Fall. Sie sind auf diese Fälle einfach nicht eingestellt. Das habe ich mehrfach erlebt. Da brauchte ein Patient eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Doch die Pflegedirektoren meinten: Wie stellen Sie sich das vor? Wo sollen wir jemanden hernehmen? Wir haben niemanden für diese Aufgabe. bekommen wir nicht bezahlt. Da wird man als Arzt und auch als Patient*in wirklich allein gelassen.