Inklusives Wohnen: Aktuelle Trends

Selbstständig, selbstbestimmt und inklusiv wohnen - für Menschen mit geistiger und Mehrfachbehinderung ist das noch keine Selbstverständlichkeit. Doch seit einigen Jahren zeichnen sich inklusive Trends ab, die in die richtige Richtung weisen. 

Im Vordergrund sind die Erdbeeren auf dem Hochbeet zu sehen. Im Hintergrund lachen vier Bewohnerinnen in die Kamera.t

Wohntrends im Überblick

Immer mehr Träger der Behindertenhilfe stellen sich um. Sie wollen Menschen mit Behinderung nicht mehr in Wohnheimen unterbringen. Stattdessen bieten sie gemeinschaftliches Wohnen. Häufig lassen sie dazu neue Wohnanlagen errichten. Manchmal lassen sie auch leerstehende Gebäude umbauen. Darin leben dann alte und junge Menschen mit und ohne Behinderung Tür an Tür. Jede Mieterin und jeder Mieter hat eine abgeschlossene Wohnung mit Küche und Bad. Mindestens ein Teil der Wohnungen ist für Menschen mit geringem Einkommen bezahlbar und barrierefrei oder barrierearm.

Auch ambulante Dienste und Betreuer*innen sorgen dafür, dass die Bewohner*innen mit Unterstützungsbedarf ein selbstbestimmtes Leben in der eigenen Wohnung führen können. Gemeinsame Treffpunkte in der Wohnanlage sind Nachbarschafts-Cafés und Räume, in denen Filmabende oder andere Veranstaltungen stattfinden. Diese Räume stehen auch Besucher*innen aus der Gemeinde offen. So kann ein Austausch unter den Bewohner*innen und mit Menschen aus der Kommune entstehen.

Oft kümmert sich ein Quartiers-Manager oder eine Quartiers-Managerin darum, solche Begegnungen zu fördern. Quartiersmanager*innen sind auch Ansprechpartner*innen für Wünsche und Ideen der Bewohner*innen. Als Träger solcher inklusiver Wohnanlagen wirken neben Wohlfahrts-Organisationen und Vereinen der Behindertenhilfe auch Kommunen oder Wohnungsunternehmen aus der Privatwirtschaft. 

Beispiele für inklusive Wohnanlagen sind etwa die "Wohnanlage am Brockhauser Weg" der Lingener Wohnbau eG  in Baden-Württemberg oder die "Hollerstraße in Büdelsdorf" (Schleswig-Holstein ) realisiert von der Dachgenossenschaft für gemeinschaftliche Wohnen eG.

Auch selbstverwaltete inklusive Wohnprojekte liegen im Trend. Dabei schließen sich die zukünftigen Bewohner*innen zusammen, um ein inklusives Wohnprojekt zu starten. Zum Beispiel eine Haus- und Hofgemeinschaft auf dem Land. Oft gründen die zukünftigen Bewohner*innen für ihr Wohnprojekt eine Bürger*innengenossenschaft oder einen Dorfverein. Sie selbst tragen meistens nur einen Teil der Kosten. Der übrige Teil stammt aus Fördermitteln, zum Beispiel aus Bundesmitteln oder Landesmitteln oder von Stiftungen oder von Sozialorganisationen wie der Aktion Mensch.

Meist dienen den neuen Mieter*innen leerstehende Gebäude als Wohnraum, zum Beispiel ehemalige Schulen, Hotels oder Bauernhöfe. Durch Umbau entstehen dort barrierefreie Wohnungen und Gemeinschaftsräume. Die Versorgung, Betreuung und Pflege der Bewohner*innen mit Behinderung übernehmen Dienstleister*innen aus der Region. Manchmal gibt es gemeinschaftliche Volksküchen mit einem täglichen Mittagstisch. Das Schnippeln und Kochen übernehmen die Bewohner*innen dann abwechselnd gemeinsam. Für Bewohner*innen, die nicht gut gehen können, gibt es häufig Hol- und Bringdienste.

Beispiele sind etwa die Hofgemeinschaft Niederlangenberg im Bergischen Land. Oder das Projekt Hofleben in Niedersachsen in Lemgrabe.

 

In inklusiven Wohngemeinschaften (WGs) wohnen Menschen mit und ohne Behinderung in einer Wohnung zusammen. Es gibt noch nicht überall in Deutschland inklusive WGs. Doch es werden immer mehr. Die Träger sind meistens Vereine der Behindertenselbsthilfe oder Verbände der freien Wohlfahrtspflege, zum Beispiel die Diakonie oder der Paritätische.

Die Bewohner*innen ohne Behinderung sind in der Regel junge Menschen. Sie arbeiten ehrenamtlich in den inklusiven WGs mit. Das heißt: Sie helfen im Haushalt und bei der Assistenz für ihre Mitbewohner*innen mit Behinderung. Dafür brauchen sie keine oder nur wenig Miete zu bezahlen. Oft wohnen sie für die Dauer ihres Studiums oder einer anderen Ausbildung in den WGs. Manchmal bleiben sie auch länger.

Meist besteht eine inklusive WG aus vier bis neun Bewohner*innen. Jeder und jede hat ein eigenes Zimmer. Daneben gibt es eine Wohnküche und manchmal auch ein gemeinsames Wohnzimmer als Gemeinschaftsraum.

Wie in jeder WG legen die Bewohner*innen gemeinsam Putzpläne und Einkaufslisten fest. Für die Pflege und Betreuung von Mitbewohner*innen mit Behinderung erhalten die inklusiven WGs Hilfe durch sozialpädagogische Fachkräfte und Pfleger*innen im Freiwilligendienst. 

Die meisten inklusiven WGs befinden sich in Universitäts-Städten, zum Beispiel in Köln oder in Würzburg .

In den letzten Jahren entstand in einigen neu erbauten Wohnanlagen eine besondere Form des gemeinschaftlichen Wohnens: die Cluster-Wohnung. Das englische Wort Cluster bezeichnet eine Gruppe von kleinen Einzelteilen, die zusammen ein großes Ganzes bilden. Eine Cluster-Wohnung besteht aus mehreren kleineren privaten Wohnräumen und großen Gemeinschaftsräumen. Zu den privaten Wohnräumen gehört ein Badezimmer, manchmal auch eine eigene Küche. Außerdem gibt es eine große Gemeinschaftsküche.

Den Bewohner*innen ist es wichtig, dass Cluster-Wohnungen beides bieten: viel Platz für das Leben in der Gemeinschaft, aber auch genügend Raum für den Rückzug ins Private. Wenn möglich, reden die zukünftigen Mieter*innen von Anfang an bei der Planung der Wohnungen mit. Meistens sind Genossenschaften die Eigentümer der neuen Wohnanlagen.

Bislang leben vorwiegend Jüngere oder Menschen mittleren Alters in Cluster-Wohnungen. Häufig sind es Singles, Paare oder Alleinerziehende mit Kind. Auch für inklusive WGs ist diese Wohnform gut geeignet. Denn sie entspricht sowohl dem Bedürfnis nach Selbstständigkeit, als auch dem Wunsch nach Begegnung und Unterstützung durch die Gemeinschaft. Das zeigt sich beispielsweise an den inklusiven WGs im Projekt „inklusiv wohnen Köln“ . Neben einer geräumigen Gemeinschaftsküche gibt es dort einen großen Aufenthaltsraum, einen Medienraum und ein vollausgestattetes Pflegebad. Breite Flure bieten Rangier- und Abstellfläche für Rollstühle. 

Wo neue Stadtteile entstehen, lassen sie sich von vornherein als inklusives Quartier planen. Das heißt, dass dort alle zukünftigen Bewohner*innen gleichberechtigt am sozialen und gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Unabhängig vom Alter, von ihrer sozialen oder kulturellen Herkunft, ihrer körperlichen und geistigen Verfassung oder ihren Fähigkeiten. Immer mehr Quartiere entstehen mit diesem Ziel. Bei der Planung und Errichtung inklusiver Quartiere arbeiten Kommunen meist mit verschiedenen Vereinen und Organisationen zusammen. Wichtig ist, dass die späteren Bewohner*innen bei der Planung mitreden dürfen.

Bei einer inklusiven Stadtplanung ist ein Anteil der Wohnungen barrierefrei oder barrierearm. Öffentliche Räume, Straßen und Plätze sind ebenfalls weitgehend barrierefrei begehbar. Für blinde Bewohner*innen und Besucher*innen gibt es zum Beispiel ein Leitsystem und Rampen für Menschen mit Rollstuhl, Rollator oder Kinderwagen. Kitas, Schulen, Gemeinschaftsgärten und andere Einrichtungen im Quartier sind inklusiv. Meistens achten die Planer*innen auch auf Umweltfreundlichkeit. Ein Quartiers-Management sorgt dafür, dass später alles gut läuft.

In der Regel liegen inklusive Quartiere in Großstädten. Wie zum Beispiel auf einem ehemaligen Güterbahnhof-Gelände in Hamburg-Altona. Dort entsteht gerade das Quartier „Mitte Altona“ . Eines der ersten inklusiven Quartiere in Deutschland ist der Freiburger Stadtteil Vauban . Das Quartier entstand auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne. Neuerdings gibt es auch inklusive Dorf-Initiativen, wie das Beispiel im niedersächsischen Ort Hitzacker zeigt. 

Wörtlich übersetzt bedeutet Ambient Assisted Living (AAL): ein (technisch) unterstütztes Lebensumfeld. Dabei übernimmt digitale Technik viele alltägliche Aufgaben in der Wohnung oder im Haus. Menschen mit Einschränkungen können auf diese Weise möglichst selbstständig zurechtkommen. Einige Beispiele: Man kann Lampen, Jalousien und technische Geräte auf Zuruf oder per Klick an- und ausschalten. Oder man kann sie so einstellen, dass sie sich zu bestimmten Zeiten automatisch ein- und ausschalten. Etwa beim Herd kann das lebenswichtig sein.

Auch durch Vernetzung können AAL-Systeme die Sicherheit von Wohnungs- oder Hausbewohner*innen erhöhen, zum Beispiel wenn Sensoren im Raum Stürze registrieren oder erkennen, dass es der Person offensichtlich nicht gut geht. Diese Information wird dann sofort an den zuständigen Arzt, die Ärztin oder den Pflegedienst weitergeleitet. Unter Umständen kann das lebensrettend sein. Allerdings steht eine solche Vernetzung auch in der Kritik, denn der Schutz persönlicher Daten ist unter Umständen nicht garantiert.

Ein Grund für die zunehmende Entwicklung von AAL-Technik liegt darin, dass es immer mehr ältere Menschen gibt und viele Menschen erst im Alter eine Behinderung erwerben. Aber auch Menschen ohne Behinderung profitieren von AAL. Für sie bringt die Technik mehr Komfort im täglichen Leben. In jedem Fall sollte die digitale Technik an die Bedürfnisse der jeweiligen Nutzer*innen angepasst und einfach zu bedienen sein.

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