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Eine Tafel, auf die eine Hand ein Frage- und Ausrufezeichen schreibt.

Inklusion in der Bildung: Fragen und Antworten

24.09.2018
Schulbegleitung Assistenz
Schulbegleitung, Schulassistenz, persönliche Assistenz, Pool-Lösung – was ist das überhaupt und wo liegen die Unterschiede / Vor- und Nachteile?

Schulbegleiter, Schulassistenten, Integrationshelfer, Inklusionsassistenten, Individualbegleiter üben alle den gleichen Beruf aus. Sie begleiten Schüler mit körperlichen, geistigen und (drohenden) seelischen Beeinträchtigungen auf der Grundlage der Eingliederungshilfe im Schulalltag. Ein Schulbesuch dieser Schüler wäre ohne den Einsatz von Schulbegleitern nicht oder nur eingeschränkt möglich. Aufgabe von Schulbegleitern ist es, dem Schüler den Schulbesuch zuerst einmal zu ermöglichen und dann zu erleichtern. Erleichtern bedeutet aber nicht, dass Schulbegleiter „ihren“ Schüler bei Dingen unterstützen, die dieser eigentlich allein könnte. Die Aufgaben von Schulbegleitern setzen da an, wo der Schüler durch seine Beeinträchtigung bedingt Unterstützung benötigt. Dazu gehören u. a. Unterstützungen im lebenspraktischen Bereich (Begleitung zur Toilette, Wickeln oder Hilfe beim An- und Ausziehen), Strukturierung des Schulalltags (der Tag selber, aber auch das Material) Unterstützung bei Konzentration, Motivation und Fokussierung der Aufmerksamkeit, Eingliederung in die Gruppe, Deeskalation und Reflektion bei Konflikten und Prävention und Schutz bei fremd und selbstgefährdenden Verhalten.

Seitdem jeder Schüler einen Rechtsanspruch auf den Schulbesuch einer Regelschule hat, steigt die Zahl der Schulbegleiter an. Gleichzeitig erweitern sich auch das Aufgabenfeld (s.o.) und die Betreuungsmodelle. Früher wurden Schulbegleiter im Rahmen ihres Zivildienstes oder des freiwilligen sozialen Jahres an Förderschulen in einer 1:1 Begleitung eingesetzt. D.h. ein Schulbegleiter unterstützte einen Schüler. Heute überwiegen weiterhin die 1:1 Begleitungen. Parallel dazu entwickeln sich aber auch weitere Modelle wie das 1:2 (auch Tandem genannt), 1:3 und das Klassenhelfermodell. Auch die Zahl der Pool- bzw. Budgetschulen nimmt zu.

Das gängigste Modell, die 1:1 Betreuung, hat den Vorteil, dass sich ein Schulbegleiter nur um einen Schüler kümmern muss. Er kann sich ihm ganz widmen und muss sich nur auf ihn konzentrieren. Gleichzeitig können in diesen Vorteilen auch Gefahren liegen. Der Schulbegleiter muss aufpassen, dass sich sein Schüler nicht zu sehr auf ihn verlässt. Auch begleitete Schüler müssen (sofern möglich) z. B. lernen, um Hilfe zu fragen. Sie sollen soweit wie möglich selbständig und unabhängig werden. Sitzt aber permanent jemand neben ihm, ist die Verlockung natürlich groß, den einfachsten Weg zu gehen. Das 1:1 Modell bringt zwei weitere Nachteile mit sich. Es ist zum einen immer darauf zu achten, dass der Schüler durch die Schulbegleitung nicht stigmatisiert wird und die Akzeptanz des Schulbegleiters durch den Schüler kann in diesem Modell mit zunehmendem Alter des Schülers sinken. Gerade bei Schülern in der Pubertät ist zu beobachten, dass sie so sein wollen wie ihre Mitschüler. Sie wollen selbständig und unabhängig sein. Ein Schulbegleiter an der Seite begünstigt diesen Wunsch nicht unbedingt.

Die Gefahren der möglichen Stigmatisierung oder der mangelnden Akzeptanz sind in 1:2 / 1:3 Betreuung niedriger. Denn unterstützt ein Schulbegleiter zwei oder sogar drei Schüler, steigt sein Stellwert und damit die Akzeptanz in der Klasse. Hilfe anzunehmen wird „normaler“, wenn man nicht der einzige ist, der diese benötigt. Eingesetzt werden solche Begleitungen, wenn mehrere Schüler in einer Klasse Unterstützung benötigen, sie aber auch eine gewisse Selbständigkeit haben und so keine rundum Begleitung nötig ist. Befinden sich 2 oder 3 Schüler mit derartigen Bedarfen in der Klasse, bekommen sie einen gemeinsamen Schulbegleiter. Dies klingt erst einmal nach Mehrarbeit für den Schulbegleiter, ist es aber nicht, da die Schüler wie geschrieben keinen vollumfänglichen Unterstützungsbedarf haben. Für die Schüler ist dieses Modell von Vorteil, weil sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten lernen müssen, für sich selbst verantwortlich zu sein, nach Hilfe zu fragen und auch mal abzuwarten. Um allen zu betreuenden Schülern gerecht werden zu können, sind klare und regelmäßige Absprachen mit den Lehrern Voraussetzung für ein gutes Gelingen.

Ein Klassenhelfer wird in Klassen eingesetzt, die mehrere Schüler mit Unterstützungsbedarf besuchen. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Lehrer und Schulbegleiter sind hier Voraussetzung. Schulbegleiter und Lehrer haben die Möglichkeit den Einsatz des Schulbegleiters flexibel zu handhaben. Sie können immer wieder aufs Neue entscheiden, welcher Schüler wann welche Unterstützung benötigt. Die Gefahr der Stigmatisierung und der mangelnden Akzeptanz sind gering.

Pool- und Budgetschulen liegt ein anderes Konzept zugrunde. Die Träger stellen der Schulen eine bestimmte Anzahl - d. h. einen Pool - an Schulbegleitern zur Verfügung. Diese werden normalerweise einer festen Klasse oder einem bestimmten Schüler zugeordnet. Schule und Schulbegleiter sind aber flexibel in der Einteilung. Ist z. B. bei einem Ausflug mehr Unterstützung nötig, können die Schulbegleiter flexibel zugeteilt werden. Neben der hohen Flexibilität ist ein entscheidender Vorteil, dass die Träger andere Arbeitsmöglichkeiten haben. Da meist nur ein Träger pro Schule die Schulbegleiter stellt, können z. B. Teamsitzungen und Mitarbeitersprechtage eingerichtet werden. Auch extra auf die Schulen zugeschnittene Fortbildungen können angeboten werden.

Zusammenfassend kann man festgehalten, es gibt verschiedene Modelle in der Schulbegleitung. Jedes Modell hat allgemein gesehen seine Vor- und Nachteile. Um das richtige Modell zu finden, muss individuell nach den Bedarfen jedes Schülers auch unter Berücksichtigung der Klasse und der Schulform entschieden werden.

Wie der Name schon sagt, begleiten Schulbegleiter ihre Schüler während der Schulzeit. Viele Schüler benötigen ihren Schülerbegleiter nur für einen gewissen Zeitraum. Dies können einige Monate oder auch Jahre sein. Andere sind aufgrund ihrer Beeinträchtigung bis zu ihrem Schulabschluss auf einen Schulbegleiter angewiesen. Für einige dieser jungen Menschen ist ein selbständiges Leben ohne Begleitung nach dem Schulabschluss auf Grund Ihrer Beeinträchtigung nicht möglich. Aber auch hier gibt es Möglichkeiten Unterstützung zu bekommen, abgestimmt auf die Bereiche, in denen Unterstützung nötig ist. So gibt es z. B. eine Arbeitsassistenz, eine Studienassistenz oder auch eine umfassendere persönliche Assistenz, die selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Im Falle einer persönlichen Assistenz wird abgestimmt, wann und in welchen Bereichen eine Assistenz nötig ist. Dies kann z. B.. in der Pflege, im Haushalt oder in der Freizeit sein.

28.08.2018
Planung Integration
Ich bin Leiter einer Kinder- und Jugendfreizeit und möchte mein Angebot für junge Leute mit Behinderungen öffnen, da es bereits Interessenten gibt. Das stellt mich vor echte Herausforderungen: Wie soll ich vorgehen?

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Kinder- und Jugendfreizeiten weiß ich: Das Wichtigste ist die eigene Haltung. Beim Thema Inklusion spielen Offenheit, Mut und Begegnung eine sehr wichtige Rolle. Schon in die Ausschreibung und bei der Bewerbung des Angebots sollte man explizit schreiben „für Menschen mit und ohne Behinderung“, weil sich die erstgenannte Personengruppe sonst nicht automatisch angesprochen fühlt. Es ist nämlich leider noch immer nicht die Regel, dass alle gemeint sind.

Bei der Planung ist die erste Frage „Wer gehört zum Team?“. Unsere erste inklusive Freizeit führte uns 2009 nach München. Ich, selbst Rollstuhlfahrer, gehörte damals zum Leitungsteam. Damals bin ich vorab nach München gefahren und habe mir die Gegebenheiten der Jugendherberge vor Ort angeschaut um sicher zu gehen, dass sie barrierefrei ist. Bei der Vorbereitung sollten wirklich alle in die Planung einbezogen werden – also Teilnehmer, Team, Begleitpersonen sowie Eltern.

Elternarbeit spielt beim Thema Inklusion eine sehr wichtige Rolle, denn die Eltern kennen ihre Kinder am besten. Gerade wenn Kinder oder Jugendliche zum ersten Mal ohne ihre Eltern unterwegs sind, gibt es einiges zu klären und von den Erfahrungen der Eltern zu lernen. Deshalb war es uns wichtig, die Eltern während der Vorbereitung zu treffen, sie gemeinsam mit ihren Kindern nach Bedürfnissen zu befragen und so ihre Sorgen und Nöte ernst zu nehmen. Bei uns gab es im Vorfeld viele Gespräche und mehrere Vorbereitungstreffen, bei denen bereits Kontakte geknüpft und Telefonnummern ausgetauscht wurden.

Jeder der Teilnehmer übernahm eine Aufgabe, also auch die Teilnehmer mit Behinderung. Zudem hatten wir auch Mitarbeiter für die Pflege von einem Träger der Behindertenhilfe dabei. Falls es nicht schon Kontakte zu anderen Partnern vor Ort und in der Region gibt, ist es eine gute Idee, spätestens jetzt den Kontakt zu suchen und sich Kooperationspartner zum Beispiel aus der Behindertenhilfe und -selbsthilfe zu suchen.

Bei der Durchführung unserer Freizeit hat dann alles gut geklappt: Jeder brachte sich vor Ort nach seinen Möglichkeiten ein. Das Team der Freizeit hatte sich im Vorfeld viel überlegt, was man denn besteuern müsste damit die Freizeit auch wirklich inklusiv würde. Vieles von dem haben wir gar nicht gebraucht, weil sich die Teilnehmer tagsüber im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegenseitig unterstützten und abends zum Beispiel gemeinsam Gesellschaftsspiele machten. Dennoch ist es sinnvoll, mögliche Szenarien vorab zu durchdenken.

Ein Nachtreffen ist bei einer inklusiven Freizeit auch sehr wichtig. Hier können alle Beteiligten das Erlebte „revuepassieren lassen“ und sagen, was sie gut und was sie weniger gut fanden. Die Ergebnisse des Nachtreffens haben wir dann in die Planung weiterer Freizeiten einbezogen und sind so immer besser geworden. Außerdem konnten neu hinzugekommene Mitarbeiter von den Erfahrungen profitieren und waren weniger ängstlich bei späteren Aktivitäten.

 

Und damit auch andere etwas von unseren Erfahrungen mit inklusiven Kinder- und Jugendfreizeiten haben, haben wir vom Kreisjugendring Rems-Murr an der Tagung „Auftrag Inklusion – Perspektiven für eine neue Offenheit in der Kinder- und Jugendarbeit“ in Berlin teilgenommen und vor größerem Publikum berichtet, wie wir unsere inklusiven Freizeitangebote organisieren. Aus unseren Anregungen und den Erfahrungen vieler anderer Praktiker ist dann ein Inklusions-Check entstanden: Diese Checkliste enthält Anregungen, wie man mit Inklusion in der praktischen Kinder- und Jugendarbeit beginnen kann. Sie ist als Poster erhältlich.

 

Antwort von Anna Katharina Bechtoldt und Lennart Sandvoß:

Das Wichtigste bei der Konzeption eines inklusiven Angebotes ist die eigene Haltung – wenn Sie offen sind für Veränderung und Wandel, dann haben Sie schon viel erreicht. Denn Inklusion rüttelt häufig an der vorgegebenen Struktur – mit der Zeit kann sich aber eine neue, stabile Struktur bilden, die Verschiedenheit wertschätzt und die Inhalte des Angebotes binnendifferenziert ausgestaltet.

Für Fragen und konkrete Unterstützung bei der Konzeption eines inklusiven Angebots haben Sie verschiedene Anlaufstellen: Dies können beispielsweise Träger der Behindertenhilfe wie der unsere sein. Neben klassischen Beratungsangeboten finden Sie dort häufig auch Verantwortliche für Freizeitangebote/Reiseangebote für Kinder und Jugendliche mit (und ohne) Beeinträchtigung.

Daneben können Sie sich auch an Selbsthilfeorganisationen (z.B. Selbstbestimmt Leben) wenden. Dort können Sie dann direkt mit den „ExpertInnen in eigener Sache“ sprechen.

Außerdem gibt es seit diesem Jahr eine „ergänzende unabhängige Teilhabeberatung“ in allen Bundesländern – dort können sich Betroffene selber, aber auch Angehörige oder fachlich Interessierte hinwenden. Die Themen decken ein breites Spektrum ab: Wohnen, Arbeiten, Freizeitorientierung, Finanzierung, Pflegeleistungen etc.

Und hier haben wir schon die Brücke zu den Inhalten geschlagen – es gibt vieles, was OrganisatorInnen einer Kinder- oder Jugendfreizeit beachten können. Klassische Themenfelder, auf die man bei der Konzeption eines Angebotes stößt, sind folgende:

  • ein angemessener Betreuungsschlüssel (je nach Unterstützungsbedarf)
  • der geschulte Blick für barrierearme- oder barrierefreie Orte sowie gute Transportmöglichkeiten und
  • inhaltlich barrierearme Angebotsplanung.

Auch bei der Frage, wie Angebote (hinsichtlich des SGB XI) abgerechnet werden, können Träger der Behindertenhilfe unterstützen. Aber sie können genauso ganz praktische Unterstützung leisten – beispielsweise durch eine persönliche Assistenz für das Kind.

Allem voran möchten wir Sie aber ermutigen, sich zu trauen und nicht zu zögern. Probieren Sie es aus! Durch die Erfolge aber auch die Stolpersteine entwickeln Sie sich weiter!