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Eine Tafel, auf die eine Hand ein Frage- und Ausrufezeichen schreibt.

Inklusion in der Bildung: Fragen und Antworten

Was bedeutet Inklusion? Was genau steckt hinter dem Konzept und wer profitiert eigentlich davon? Wie arbeiten inklusive Schulen bzw. Kinder- und Jugendeinrichtungen und wo kann ich mir das mal anschauen? Und was sage ich Eltern, die Inklusion gegenüber kritisch sind? Diese und weitere Fragen haben wir Experten und Praktikern gestellt. Hier finden Sie die Antworten.

Alle Fragen im Überblick:

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Inklusion – was bedeutet das eigentlich für den schulischen und außerschulischen Bereich?

Antwort von Aktion Mensch

Der Begriff „Inklusion“ wird in Abgrenzung zum Begriff „Integration“ benutzt: Während bei der Integration nachträglich versucht wird, Menschen einzugliedern, geht es bei der Inklusion darum, die Gesellschaft von Anfang an so zu gestalten, dass jeder Mensch gleichberechtigt an allen Prozessen teilhaben und sie mitgestalten kann – unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer Zugehörigkeit und sozialer Herkunft, Geschlecht, Alter etc. Inklusive pädagogische Ansätze betonen Vielfalt in Bildung und Erziehung als Bereicherung für alle, da soziale Kompetenzen und gegenseitiger Respekt gefördert werden und niemand vom gemeinsamen Lernen und Leben ausgeschlossen wird.

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Ich würde mir gerne mal anschauen, wie inklusive Schulen tatsächlich arbeiten. Wo finde ich gute Beispiele? Wie gehe ich bei einem Besuch am besten vor?

Antwort von Barbara Brokamp:

Preisgekrönte Schulen des Jakob Muth-Preises oder des Deutschen Schulpreises sind einen Besuch wert. Etliche Portale der Länder (Bezirksregierungen, Schulämter, Inklusionsbeauftragte) und auch Kommunen, die häufig stolz auf ihre inklusiven Schulen sind und sie offensiv unterstützen (wie z.B. Oldenburg oder Bremen), haben aktuelle Informationen, die man dort gezielt erfragen kann. Ferner bieten Elternverbände wie z.B. „Mittendrin e.V.“ oder „Gemeinsam Leben gemeinsam Lernen“ Listen mit Schulen, die in Frage kommen können. Und auch die Zentren für Lehrerbildung kennen sich gut aus und können angefragt werden.

Wichtig ist zudem die Frage, WIE schaue ich mir die Schulen eigentlich an? Was sehe ich und was sehe ich nicht? Und wie kann ich gewährleisten, dass ich offen an die neuen Erfahrungen herangehe? Und dass ich wirklich erleben kann, wie es allen Beteiligten in der Schule geht? Bewährt haben sich kleine Hospitationsgruppen, die den Besuch gemeinsam vor- und nachbereiten, um später über die Erfahrungen in der eigenen Schule zu berichten.

Und noch etwas: Fragen Sie sich doch mal: WO entdecke ich eigentlich auch inklusive Momente an meiner eigenen Schule oder an der Schule meiner Kinder? Oder an der Nachbarschule? Und wie kann ich diese Situationen und Beispiele ausweiten, diese Momentbewegung unterstützen?

Gute Beispiele ansehen: So kann es gehen!


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Eltern von Kindern mit oder ohne Beeinträchtigung haben oft Ängste und Vorbehalte, wenn es um die Schulwahl ihres Kindes geht. Welche Sorgen sind das und wie können sie abgebaut werden?

Antwort von Inge Hirschmann:

Vieles hängt davon ab, wie die jeweilige Schule im Einzugsgebiet wahrgenommen wird und welchen Ruf sie genießt. An meiner damaligen Schule wurde von den Eltern nicht mehr infrage gestellt, dass es eine Schule für alle ist. Viele Eltern, die für ihr behindertes Kind eine Schule suchten, kamen ganz gezielt zu uns und wollten, dass ihr Kind unsere Schule besucht. In meiner Tätigkeit im Beirat Inklusive Schule bin ich aber auch Eltern begegnet, die den Erhalt von Förderzentren – also Schulen für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf – vehement einforderten. Ich glaube, manche Eltern suchen den Schutzraum für ihr behindertes Kind.

Nachvollziehen kann ich die Angst betroffener Eltern, dass den bedürftigen Kindern der Nachteilsausgleich streitig gemacht werden könnte, bzw. dass die für die Lehrertätigkeit notwendigen „neuen“ sonderpädagogischen Kompetenzen noch nicht ausreichend in die Lehrerbildung integriert wurden. Inklusive Schulen öffnen ja ihre Türen weitgehend uneingeschränkt für alle Kinder und kein Kind sollte durch eine Statusdiagnostik etikettiert werden. Dennoch müssen wir im Prozess der Förderplanung klar feststellen, was das Kind braucht, um erfolgreich zu lernen bzw. um gefördert zu werden.

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Ich bin Leiter einer Kinder- und Jugendfreizeit und möchte mein Angebot für junge Leute mit Behinderungen öffnen, da es bereits Interessenten gibt. Das stellt mich vor echte Herausforderungen: Wie soll ich vorgehen?

Antworten von Simon Maier, Anna Katharina Bechtoldt und Lennart Sandvoß:

Aus meiner eigenen Erfahrung mit Kinder- und Jugendfreizeiten weiß ich: Das Wichtigste ist die eigene Haltung. Beim Thema Inklusion spielen Offenheit, Mut und Begegnung eine sehr wichtige Rolle. Schon in die Ausschreibung und bei der Bewerbung des Angebots sollte man explizit schreiben „für Menschen mit und ohne Behinderung“, weil sich die erstgenannte Personengruppe sonst nicht automatisch angesprochen fühlt. Es ist nämlich leider noch immer nicht die Regel, dass alle gemeint sind.

Bei der Planung ist die erste Frage „Wer gehört zum Team?“. Unsere erste inklusive Freizeit führte uns 2009 nach München. Ich, selbst Rollstuhlfahrer, gehörte damals zum Leitungsteam. Damals bin ich vorab nach München gefahren und habe mir die Gegebenheiten der Jugendherberge vor Ort angeschaut um sicher zu gehen, dass sie barrierefrei ist. Bei der Vorbereitung sollten wirklich alle in die Planung einbezogen werden – also Teilnehmer, Team, Begleitpersonen sowie Eltern.

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Gebärdensprache finden Kinder total interessant. Dabei taucht bei uns immer wieder die Frage auf: Gibt es weltweit eigentlich eine einheitliche Gebärdensprache oder hat jedes Land seine eigene? Und wenn ja, können gehörlose Menschen sich damit trotzdem untereinander verständigen?

Antwort von Andreas Costrau:

Obwohl es eine Art „Grundsprache“ gibt, die fast jeder Gebärdensprachnutzer beherrscht, hat jedes Land einen eigenen Gebärdenwortschatz und -dialekte, weil sie eine eigenständige Sprache ist, wie z.B. Spanisch. In Deutschland gibt es die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Sie ist eine visuelle Sprache mit eigener Grammatik, in der Satzinhalte durch Mimik, Körperhaltung, Mundbild und Mundgestik sowie Gebärdenwörter dargestellt werden. Gebärdenwörter für Dinge wie AUTO etc. sind überall fast gleich, abstrakte Wörter z.B. für FARBEN können dagegen sehr unterschiedlich sein. Im Ausland kommt man besser mit der Internationalen Gebärdensprache (ISL) weiter, sie unterscheidet sich von Kontinent zu Kontinent. Zusätzlich zur Gebärdensprache gibt es das Fingeralphabet, um schwierige oder fremde Wörter mit den Fingern zu buchstabieren. Es ist nicht überall gleich. So ist es z.B. in England üblich, beide Hände zu nutzen. Ein Ersatz für Gebärdenworte ist das Fingeralphabet nicht. All das und mehr lernt man in DGS-Kursen. Hier erfährt man auch spannende Dinge zur Geschichte der Gebärdensprache und der Gehörlosenkultur.

Jetzt herunterladen:
Poster „Kurz erklärt: Die Deutsche Gebärdensprache und das Fingeralphabet“
Klappkarte mit Braille-ABC „Lesen mit dem Tastsinn. Das deutsche Braille-Alphabet“


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Bezogen auf die Entwicklung von inklusiver Bildung in Deutschland fällt auf, dass die Inklusionsanteile in allen Bundesländern ansteigen – die Zahl der Schüler an Förderschulen aber trotzdem nicht viel weniger wird. Woran liegt das, beziehungsweise was bedeutet das? Welche Zahlen beschreiben den Status Quo der Inklusion in Deutschland am besten?

Antwort von Prof. Dr. Klaus Klemm:

Laut Statistik wurde 2016 in Deutschland bei 7,2 Prozent (Förderquote) aller Schülerinnen und Schüler ein sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert. 4,3 Prozent davon besuchte Förderschulen (Exklusionsquote), 2,9 Prozent allgemeine Schulen (Inklusionsquote). In den Jahren seit 2008 hat sich der Anteil der exklusiv in Förderschulen unterrichteten Schülerinnen und Schüler nur um 0,6 Prozentpunkte von 4,9 Prozent auf 4,3 Prozent verringert. Damit wird die Vorgabe der UN-Konvention, allen Kindern den Zugang zu inklusiven Schulen zu bieten, verfehlt. Diese Feststellung steht im Widerspruch dazu, dass der Anteil der Kinder mit einem besonderen Förderbedarf, die allgemeine Schulen besuchen, an der Gesamtheit der zu fördernden Kinder (Inklusionsanteil) von 18,4 Prozent (2008) auf 39,3 Prozent (2016) angestiegen ist. Dies erklärt sich wie folgt: In den allgemeinen Schulen werden vermehrt schwache Schülerinnen und Schüler als "förderungsbedürftig" diagnostiziert, sodass dort die Gruppe mit sonderpädagogischem Förderbedarf wächst – ohne dass die Schülerinnen und Schüler mit diesem Bedarf in den Förderschulen entsprechend kleiner wird.

Zahlen, Daten und Fakten zu inklusiver Bildung im Überblick


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Manche Schüler haben während des Unterrichts einen Sonderpädagogen zur Seite: Wie gehe ich als Lehrkraft damit um, dass Pädagogen und andere Fachkräfte mit gegebenenfalls anderen Ansichten zur Unterrichtsmethodik den Unterricht mitgestalten? Wie kann ich mich darauf vorbereiten?

Antwort von Inge Hirschmann:

Eine der großen Veränderungen – und nachhaltigste Verbesserung – in all den Jahren, in denen sich meine damalige Schule auf den Weg zur inklusiven Schule gemacht hat, war die Teamarbeit. Natürlich beansprucht ein Kind mit Behinderungen zusätzliche personelle Ressourcen – mehr Lehrerstunden, mehr Erzieherstunden oder manchmal auch die Mitarbeit eines Schulhelfers. Abgesehen vom Schulhelfer hat aber keiner dieser Erwachsenen ausschließlich die Aufgabe, das behinderte Kind ununterbrochen zu betreuen: Das gesamte Team ist zuständig für eine Lerngruppe und hat sich die vielfältigen Aufgaben untereinander aufzuteilen.

Jedes behinderte Kind bekommt so viel Einzelzuwendung, wie es braucht, aber es werden auch die nichtbehinderten Kinder in die Förderung und Versorgung einbezogen. Gewinnbringend ist das Zusammenwirken von Schulpädagogik und Sonderpädagogik, aber auch Sozialpädagogik. Es ist mehr ein „Alle machen alles“, und wenn eine sonderpädagogische Kompetenz erforderlich ist, steht auch der Sonderpädagoge für das Team zur Verfügung. Das betrifft den großen Bereich der Diagnostik und Beratung, aber natürlich auch die Spezialkenntnisse, wie sie z. B. bei der Vermittlung von Gebärdensprache notwendig sind oder auch beim Unterrichten von blinden Kindern gebraucht werden. Aber auch hier gilt: Damit der gemeinsame Unterricht gelingt, müssen auch die allgemeinen Schulpädagoginnen und Schulpädagogen und die Mitschülerinnen und Mitschüler befähigt werden, einen Teil dieser Spezialfertigkeiten zu erlernen.

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Unter Jugendlichen ist es normal, Begriffe wie Spasti, Opfer oder auch „behindert“ zu benutzen, um andere abzuwerten. Ich würde das gerne mal in meiner Jugendgruppe thematisieren – gibt es dazu gute Materialien oder Argumentationshilfen, um das jugendgerecht zu bearbeiten?

Antwort von Uwe Nicksch:

Beleidigungen dürfen sein, allerdings sollten sie doch kreativer sein als „Spasti“ oder die weit verbreitete Phrase „Bist du behindert!?“. Um Diskriminierung behinderter Menschen zu reduzieren, wird jedoch mehr als ein Austausch von Wörtern nötig sein.

Inklusion beginnt nicht erst in der Schule – auch wenn das Thema im Unterricht behandelt werden sollte. Kinder werden auch durch den sozialen Umgang ihrer Eltern, vielfältige Kinderbücher und die natürliche Begegnung  mit behinderten Gleichaltrigen geprägt. Der direkte Kontakt von Kindern mit und ohne Behinderung in Schulen, Vereinen oder Ferienfreizeiten zeigt die Vielfalt der Gesellschaft und lässt Berührungsängste untereinander verschwinden. Dadurch werden daher genannte Beleidigungen womöglich hinterfragt und auch vermieden.

Tipp:
Film-Clips und Begleitheft mit Impulsen für inklusive Bildung in Schule und Freizeit mit Schwerpunktthemen Anderssein, Sprache, Mut, Zukunft, Schönheit, soziales Engagement, Vorurteile und vieles mehr
Postkarte mit Brailleschrift: So fühlt sich Respekt an


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Wer profitiert eigentlich von Inklusion? Im Moment habe ich das Gefühl, sie macht Pädagoginnen und Pädagogen nur viel mehr Arbeit und allen ein schwereres Leben.

Antwort von Prof. Dr. Jutta Schöler:

Alle profitieren davon: Es wäre doch gut und sinnvoll, wenn auch unsere zukünftigen Ärzte, Richter, Lehrer, Manager etc. die Verschiedenheit von Menschen schon in der Schule erleben würden. Auf ein Leben in einer vielfältigen Gesellschaft kann im Kindergarten und in der Schule nur durch die Selbstverständlichkeit des Zusammenlebens vielfältiger Menschen vorbereitet werden. Das Zusammenleben und der angstfreie Umgang von Menschen aus verschiedenen Kulturen wird zur Selbstverständlichkeit – in der Nachbarschaft und am Arbeitsplatz. Gemeinsam mit Gleichaltrigen, welche in ihren Fähigkeiten eingeschränkt sind, lernen alle Rücksichtnahme und Verständnis für eingeschränkte Bewegungs- und Denkfähigkeiten. Diese Grundfähigkeit benötigen Kinder und Jugendliche in der Schule und vielleicht im Umgang mit ihren eigenen Großeltern. Die Sozialisationsfunktion von Schule wird in der Zukunft immer wichtiger werden. Der Umgang mit neuen Medien, die Nutzung von Internet und digitalem Lernen machen es notwendig, dass sich Heranwachsende angstfrei und kreativ auf ihre Zukunft vorbereiten. Da ist mehr gefordert als konkurrenzorientiertes Aneignen von Techniken und Kenntnissen.

mehr zu den "Mehrwerten von Inklusion" im Video erfahren


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Ich führe immer wieder die gleichen Gespräche mit Eltern, die Angst haben, dass ihr Kind nicht genug lernt, beziehungsweise in inklusiven Settings zu kurz kommt. Was sind in diesem Kontext die fünf wichtigsten Argumente?

Antwort von Lisa Reimann:

Alle Studien zum Lernerfolg zeigen: Schülerinnen und Schüler lernen nicht schlechter, wenn Kinder mit Förderbedarf die Klasse besuchen. Sie lernen genauso gut wie Schülerinnen und Schüler in nicht inklusiven Klassen. In einigen Studien weisen sie sogar bessere Ergebnisse auf als in Klassen ohne Kinder mit Behinderungen. Ein Grund für diese guten Ergebnisse ist die Differenzierung und die inklusive Didaktik. Die kooperativen Arbeitsformen und die individuelle Förderung aller Kinder wirken sich positiv auf die Lernprozesse aus. Fakt ist: Die Leistungsheterogenität, also die unterschiedlichen Voraussetzungen der Schülerschaft in einer Klasse, ist für die Leistungsentwicklung völlig egal (vgl. DESI 2006, S. 52). Inklusive Settings mit ihren komplexeren sozialen Situationen bieten vielfältigere Entwicklungs- und Lernmöglichkeiten. Die Stärkung des Sozialverhaltens, der Empathie, Rücksichtnahme und die Förderung von

Teamwork sind Softskills, die in unserer Gesellschaft und Arbeitswelt immer wichtiger werden. Das Gefühl der Anerkennung und die Willkommenskultur tragen zu einem angstfreien Klima bei. Kinder, die der permanenten Angst ausgesetzt sind, „sitzen zu bleiben“, die Schule wechseln zu müssen oder zu versagen, können nicht gut lernen. Inklusive Bildung vertritt ein demokratisches Bildungsverständnis. Alle Kinder sollen gleichberechtigt und chancengleich lernen können.


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Ich bin Lehrer an einer Regelschule. Wie soll das gehen, wenn zukünftig auch Schüler mit schwerer Mehrfachbehinderung in meine Klasse kommen – ich fühle mich schon bei dem Gedanken überfordert. Wer kann mir helfen bzw. wo gibt es praxisbezogene Tipps?

Antwort von Claudia Omonsky:

Ein spontanes Überforderungsgefühl ist absolut nachvollziehbar. Denn zuerst stellt sich ja die Frage an die eigene Person:

  • Habe ich schon Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen mit einer schweren Mehrfachbehinderung, auf die ich positiv zurückblicke?
  • Wie geht es mir ganz privat damit?
  • Welche Einstellungen, Ängste oder Vorstellungen habe ich überhaupt in Bezug auf Menschen mit Behinderungen?

Und dann kommen weitere Fragen an die Rolle und Aufgabe des Lehrers:

  • Wie kann ich einen Schüler mit besonderen Bedürfnissen schulisch gut begleiten, zielorientiert und effektiv unterrichten?
  • Welche Hilfen und Tipps gibt es da, worauf ist zu achten?

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Schulbegleitung, Schulassistenz, persönliche Assistenz, Pool-Lösung – was ist das überhaupt und wo liegen die Unterschiede / Vor- und Nachteile?
 

Antwort von Dr. Ute Kaufmann:

Schulbegleiter, Schulassistenten, Integrationshelfer, Inklusionsassistenten, Individualbegleiter üben alle den gleichen Beruf aus. Sie begleiten Schüler mit körperlichen, geistigen und (drohenden) seelischen Beeinträchtigungen auf der Grundlage der Eingliederungshilfe im Schulalltag. Ein Schulbesuch dieser Schüler wäre ohne den Einsatz von Schulbegleitern nicht oder nur eingeschränkt möglich. Aufgabe von Schulbegleitern ist es, dem Schüler den Schulbesuch zuerst einmal zu ermöglichen und dann zu erleichtern. Erleichtern bedeutet aber nicht, dass Schulbegleiter „ihren“ Schüler bei Dingen unterstützen, die dieser eigentlich allein könnte. Die Aufgaben von Schulbegleitern setzen da an, wo der Schüler durch seine Beeinträchtigung bedingt Unterstützung benötigt. Dazu gehören u. a. Unterstützungen im lebenspraktischen Bereich (Begleitung zur Toilette, Wickeln oder Hilfe beim An- und Ausziehen), Strukturierung des Schulalltags (der Tag selber, aber auch das Material) Unterstützung bei Konzentration, Motivation und Fokussierung der Aufmerksamkeit, Eingliederung in die Gruppe, Deeskalation und Reflektion bei Konflikten und Prävention und Schutz bei fremd und selbstgefährdenden Verhalten.

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Welche Rolle spielen eigentlich die Eltern beim Thema Schulbegleitung? Ist es ihre Aufgabe, sie zu organisieren oder wer ist hier zuständig? Und: Wer kann Eltern beraten, wenn es um Fragen zur Schulbegleitung geht?
 

Antwort von Wolfgang Blaschke:

Für Schülerinnen und Schüler, die zur Erfüllung ihrer Schulpflicht und zur Teilhabe in der Schule eine Integrationshilfe oder Assistenz benötigen, wird diese nach § 35a SGB XII (Jugendamt) bzw. § 75 SGB IX (Sozialamt) individuell bewilligt. Diese ist als Leistung der Eingliederungshilfe streng an die einzelne Person gebunden.

Die Begriffe Schulbegleitung bzw. Schulassistenz werden für den gleichen Sachverhalt verwendet. Hier beantragen die Eltern beim Sozial- oder Jugendamt eine Assistenz (Schulbegleitung). Die Ämter fordern dann die Schule zu einer Stellungnahme auf und entscheiden dann nach Aktenlage. Assistenz wird dann in Absprache mit der Schule von einem Träger erbracht. Es kommt auch vor, dass Eltern die Schulbegleitung über das Persönliche Budget finanzieren.

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Ein Kind mit Beeinträchtigung kommt neu in die Gruppe bzw. in der neu zusammenkommenden Klasse ist eine Schülerin oder ein Schüler mit Beeinträchtigung. Wie thematisieren Sie dies gegenüber den anderen Kindern und Jugendlichen?
 

Antwort von Inge Hirschmann:

Wenn die Kinder mit sichtbaren Behinderungen oder Besonderheiten im Lernverhalten von Anfang an in einer Lerngruppe sind, ist die Entwicklung des Gemeinschaftsgefühls ohnehin Thema für alle. Kinder im Grundschulalter haben ja noch kein festes Bild, wer zu einer Schulklasse in der Regel gehört, sondern für sie ist es ja normal, dass alle die, die da sind, Mitschülerinnen und Mitschüler sind. Kinder dieser Altersstufe können auch gut nachvollziehen, dass Kinder unterschiedlich behandelt werden und dass das trotzdem gerecht sein kann. Der eine braucht eben mehr Hilfe und Unterstützung, vom anderen wird verlangt, dass er eine Aufgabe allein bewältigt. Unabhängigkeit ist ja durchaus auch ein Gewinn.

Schwieriger wird das oft bei den „nicht sichtbaren Behinderungen“. Gemeint sind hier die Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten aufgrund ihrer emotional-sozialen Entwicklung. Hier muss es den Erwachsenen gelingen, mit der Klasse, aber auch mit dem schwierigen Kind klare Regeln abzusprechen. Gleichzeitig muss auch immer wieder an einer guten zwischenmenschlichen Beziehung festgehalten werden. Das gelingt oft nur, wenn man auch offen über Probleme redet und wenn man andere Lernorte – weg von den klassischen Leistungsbereichen – in das Erfahrungsspektrum der Kinder einbezieht. Klassenfahrten bewirken hier manchmal Wunder. Kinder aus wenig förderlichen häuslichen Milieus genießen die klaren Strukturen während so einer Reise und können sich wenigstens für eine begrenzte Zeit unbeschwerter verhalten. Gerade diese Kinder müssen Gelegenheiten haben, in anderen Zusammenhängen ihre Stärken zu zeigen.


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Ein Kind in meiner Gruppe beziehungsweise Klasse wird von den anderen Kindern nicht akzeptiert. Wie gehe ich damit um, was kann ich tun?

Antwort von Andrea Herrmann:

Die Frage ist nicht neu, Ausgrenzung oder Mobbing hat es immer gegeben. Was kann helfen?

  1. Meine Haltung, meine innere Einstellung zu jedem Kind oder Jugendlichen ist grundsätzlich positiv: du bist mir willkommen! Ich mag dich, akzeptiere dich so, wie du bist.
  2. Diese Haltung überträgt sich auf das soziale Gefüge in der Klasse, wenn ich mit den mir anvertrauten Schülerinnen und Schülern ein sehr gutes Vertrauensverhältnis aufbauen kann.
  3. Beziehungsarbeit: Zwischen den Schülerinnen und Schülern und mir als Lehrperson und auch in der Dreieckskonstruktion Schüler - Lehrperson - Eltern.

Jeder Fachunterricht bietet Raum und Zeit für soziale Themen, etwa „Wir sind verschieden – und das ist gut so!“

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Ich habe das Gefühl, zum Thema Inklusion gibt es mittlerweile viele Fortbildungsangebote, aber wo finde ich diese beziehungsweise was zeichnet ein gutes Fortbildungsformat zu diesem Thema eigentlich aus?

Antwort von Stefan Burkhardt:

Das richtige Angebot zu finden ist nicht immer einfach, da die Inklusion ein weites und komplexes Feld ist. Die eine Veranstaltung, in der ich alles Wesentliche gleich lernen und dies dann in die Praxis umsetzen kann, gibt es vermutlich nicht. Dennoch gibt es Überlegungen, die bei der Suche hilfreich sind:

  • Suche ich Angebote für den schulischen oder den außerschulischen Bereich?
  • Benötige ich Grundlagen-Wissen (Theorie, Hintergründe, Basiswissen unter anderem zum Thema Behinderung)?
  • Geht es mir um die Initiierung von Projekten, Prozessen oder Strukturen?
  • Geht es mir um die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen oder Eltern?
  • Brauche ich neue pädagogische Konzepte und Methoden für meine Arbeit?
  • Benötige ich konkrete Hilfestellungen zum Transfer in die Praxis?
  • Will ich Kooperationen und Netzwerke aufbauen?
  • Benötige ich Wissen zur Finanzierung inklusiver Projekt- und Prozessarbeit?

Empfehlenswert sind Weiterbildungen, die verschiedene Themen abdecken, sich dann aber auch über einen längeren Zeitraum erstrecken.

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Beim Thema Inklusion fällt oft das Stichwort „Partizipation“. Alle finden das wichtig, auch bei uns an der Schule, aber was ist damit eigentlich genau gemeint? Nur die Schülervertretung oder auch etwas anderes? Und was ist eigentlich Empowerment?

Antwort von Jerôme Laubenthal:

Partizipation bedeutet Beteiligung, Teilhabe, Mitbestimmung und geht weit über die Schülervertretung (SV) hinaus. Um Teilhabe zu ermöglichen, muss man überhaupt erst in der Lage sein, mitzuwirken. Das ist Empowerment (Selbstbefähigung). In der SV-Arbeit haben Schüler gleichberechtigt und selbstbestimmt an Entscheidungsprozessen im Schulalltag teil und sind an diesen Prozessen beteiligt. Dies gilt auch für das Thema Inklusion. Partizipation heißt in diesem Zusammenhang auch, dass man selbst die Initiative für Dinge ergreifen kann, die auch über den Schulalltag hinaus wichtig sind und für die Menschen sensibilisiert werden müssen.

Diesen Grundsatz verdeutlicht auch das Motto „Nichts über uns ohne uns“ der Selbstbestimmt Leben-Bewegung. Bezogen auf die inklusive SV-Arbeit bedeutet das, dass nicht über Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen bestimmt wird, ohne sie vorher an den Entscheidungsprozessen zu beteiligen.

An meiner früheren Schule wurden all diese Prinzipien gelebt, da es einen Inklusionsbeirat gab, in dem Schüler mit Behinderungen vertreten waren. Der Inklusionsbeirat war an allen Fragen rund um das Thema Inklusion beteiligt.

Tipp:
Lernmaterialien „Jeder ist anders - alle sind gleich - das Thema Vielfalt für die Klassen 1-12


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Seit 2009 gilt die UN-Behindertenrechtskonvention auch für Deutschland. Wird eigentlich überprüft, wie sie in den einzelnen Ländern umgesetzt wird? Und wenn ja, von wem und wie sieht die aktuelle Bewertung für Deutschland aus?

Antwort von Dr. Susann Kroworsch:

Der UN-Fachausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen überwacht die weltweite Umsetzung der UN-BRK und gibt Vertragsstaaten in seinen Abschließenden Bemerkungen nach Staatenprüfverfahren Empfehlungen zur Umsetzung. Darüber hinaus legt er die UN-BRK durch Allgemeine Bemerkungen aus wie z.B. in der Allgemeinen Bemerkung Nr. 4 zu Art. 24 (Inklusive Bildung).
Der Ausschuss hat Deutschland 2015 zum ersten Mal geprüft. Parallel zum deutschen Staatenbericht haben sowohl die Monitoring-Stelle UN-BRK als auch die zivilgesellschaftliche BRK-Allianz Parallelberichte eingereicht.
Für den Bereich Inklusive Bildung fordert der Ausschuss von Deutschland, das segregierende Schulwesen zurückzubauen, statt weiter an Doppelstrukturen festzuhalten. Trotz einer veränderten politischen Haltung und rechtlichen Änderungen ist es bis heute keinem Bundesland gelungen, den notwendigen Rahmen für die Schaffung und Gewährleistung eines inklusiven Bildungssystems abschließend zu entwickeln. 2019 steht die erneute Prüfung für Deutschland an.

Weitere Informationen zur Staatenberichtsprüfung unter:
Institut für Menschenrechte, Staatenprüfung

Weitere Informationen zum Thema Inklusive Bildung und zur Allgemeinen Bemerkung Nr. 4 unter:
Institut für Menschenrechte, Themen: Bildung


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Die Schülerinnen und Schüler haben unterschiedliche Lernniveaus, Lerntempi und nehmen Lernstoff über unterschiedliche (Sinnes-)Kanäle auf. Der Unterricht muss also detailliert vorbereitet werden. Welche Methoden sind geeignet? Wie können alle Schülerinnen und Schüler nach ihren Möglichkeiten gefördert werden?

Antwort von Inge Hirschmann:

Wir haben an meiner damaligen Schule gute Erfahrungen mit dem Wochenplanunterricht und mit dem Lernen in Projekten gemacht. Aber wir brauchten innerhalb des Klassenraums auch vielfältiges Material zum selbstständigen Lernen, d. h. es geht schon lange nicht mehr darum, dass der Stoff einer bestimmten Klassenstufe vermittelt werden soll. Dafür müssen die Lehrerinnen und Lehrer im Team vielfältiges, lernanregendes Material zur Verfügung stellen und oft auch selbst herstellen. Und die Lehrerinnen und Lehrer sollten den Kindern das selbstständige Lernen und Arbeiten natürlich auch vermitteln. Das ist oft alles nicht so ganz einfach und meist auch arbeitsaufwendig. Zunehmend haben sich die Verlage und Lernmittelhersteller schon auf die neuen Anforderungen von immer heterogener werdenden Lerngruppen eingestellt, aber es bleiben noch viele Wünsche offen. In den Schulen im sozialen Brennpunkt sind dem selbstständigen Arbeiten oft auch schnell Grenzen gesetzt, weil die Kinder dort nur unzureichend über altersentsprechende Sprachkenntnisse verfügen. Oft können sie Arbeitsanweisungen nicht vollständig verstehen oder es fällt ihnen sehr schwer, eigenständig das notwendige Sachwissen aus komplexeren Texten zu erschließen. Um hier zu unterstützen werden genügend Erwachsene in den Lernsituationen benötigt, die bei auftretenden Lernschwierigkeiten zeitnah, unkompliziert und pädagogisch kompetent weiterhelfen können.


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Wie sinnvoll ist es eigentlich, vor der Lehrerausbildung zu fragen, ob jemand Regel- oder Förderschullehrer werden will, wenn das Ziel ja Inklusion sein sollte?!

Antwort von Prof. Dr. Kerstin Merz-Atalik:

Eine solche Frage ist meines Erachtens überhaupt nicht sinnvoll. Eine der größten Barrieren für die Entwicklung eines inklusiven Bildungssystems in Deutschland liegt aus meiner Sicht in der tradierten Struktur der Lehramtsstudiengänge nach den bestehenden Schultypen (Grundschulen, Haupt-, Realschulen, Gymnasien und Sonder-/ Förderschulen). In den meisten Bundesländern werden die Bewerber für das Lehramtsstudium tatsächlich bereits vor dem Start des Studiums bei der Zulassung in einen Lehramtstyp gefragt

  • "Welche Schüler möchtest du in deiner beruflichen Zukunft unterrichten?" bzw.
  • "In welchen Schultypen möchtest du unterrichten?"

 

Die jeweilige Entscheidung richtet sich dann häufig nach Überlegungen wie zum Beispiel: Möchte ich mehr Fachbezug und daher auf Gymnasien unterrichten oder schwebt mir eine stärker sozialpädagogisch ausgerichtete Lehrtätigkeit vor, z.B. an Sonder/-Förderschulen?

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