Warum wir mehr barrierefreien Wohnraum brauchen

Schon jetzt gibt es viel zu wenig barrierefreie Wohnungen. Und in den kommenden Jahren wird der Bedarf daran noch stark ansteigen. Der Grund dafür ist, dass die Bevölkerung von Deutschland immer älter wird und damit mehr Menschen auf das inklusive Wohnen angewiesen sein werden.

Barrierefreier Wohnraum galt lange als Nischenthema. „Wer braucht das schon – außer ein paar Menschen mit Behinderung?“, lautete der Tenor in der öffentlichen Diskussion. Inzwischen ist das Bewusstsein für die Bedeutung eines barrierefreien Wohnumfelds gestiegen. Das hängt auch und vor allem mit der demografischen Entwicklung zusammen. In Deutschland leben immer mehr ältere Menschen, und ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wächst stetig. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen. Schon heute ist die Altersgruppe der 40- bis 59-Jährigen die größte in Deutschland – dicht gefolgt von der der über 65-Jährigen. Bis 2035 wird der Anteil der Menschen, die über 67 Jahre alt sind, auf 46 Prozent der Gesamtbevölkerung anwachsen. 2020 lag er noch bei 31 Prozent. 
Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit einer Schwerbehinderung an. Und damit auch die Wahrscheinlichkeit, auf barrierefreien Wohnraum angewiesen zu sein. Tatsächlich sind nur rund drei Prozent der Behinderungen angeboren, 97 Prozent werden im Laufe des Lebens erworben – durch einen Unfall, eine Erkrankung oder den normalen Alterungsprozess.
Entsprechend steigt auch der Anteil von Menschen mit Behinderung an der jeweiligen Altersgruppe an. Während er in der Altersgruppe zwischen 24 und 55 Jahren noch unter fünf Prozent liegt, sind in der Gruppe der 55- bis 64-Jährigen schon etwa 13 Prozent der Frauen und 14 Prozent der Männer von Behinderung betroffen. Dieser Anteil steigt mit fortschreitendem Alter weiter an: Rund 32 Prozent der Frauen und etwa 37 Prozent der Männer über 80 Jahre haben eine Schwerbehinderung
Barrierefreier Wohnraum ist auch für Pflegebedürftige und Menschen mit Assistenzbedarf sowie die Pflegenden und Assistierenden ein wichtiges Thema. Zurzeit leben rund 4,13 Millionen pflegebedürftige Menschen in Deutschland. 3,31 Millionen von ihnen – also 80 Prozent – werden zu Hause betreut, nur 0,82 Millionen in stationären Einrichtungen. Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in den nächsten Jahren weiter wachsen. Denn auch hier gilt: Die Wahrscheinlichkeit, pflegebedürftig zu werden, steigt mit zunehmendem Alter an.
Dem großen und wachsenden Bedarf an barrierefreiem Wohnraum steht ein viel zu kleines Angebot gegenüber. Aktuell sind weniger als drei Prozent der bewohnten Wohnungen in Deutschland barrierefrei ausgestattet. Der weit überwiegende Teil des für alle zugänglichen Wohnraums ist ab 2011 entstanden.
Grafik zeigt wie viel Prozent der Wohnungen in Deutschland barrierefreie Türen, Bäder, Zugänge, stufenlose Innenräume haben.
Um den Bedarf an altersgerechten und barrierefreien Wohnungen zu decken, sind in den kommenden Jahren hohe Investitionen notwendig. Bis 2030 müssten 2,9 Millionen zusätzliche barrierefreie Wohnungen mit einem Investitionsvolumen von 50 Milliarden Euro entstehen, um genügend Wohnraum zu schaffen, der für alle zugänglich und nutzbar ist.
Quellen: Statistisches Bundesamt (Destatis) 2021; Prognos AG