Crip Camp – Sommer der Krüppelbewegung

Als Behinderung politisch wurde: Wilde Mähnen, lange Joints. Junge Leute sitzen in der Natur, Rockmusik im Hintergrund. Schwimmen, Diskutieren, Küssen. Es sind Szenen wie aus einem Festival der Siebziger. Woodstock lag tatsächlich nicht weit entfernt, doch dieses „Festival“ im US-Staat New York war anders: Im „Camp Jened“ trafen sich behinderte Jugendliche in einer Ferienfreizeit, dem „Crip Camp“ – „Krüppel Camp“, wie sie es selbst nannten.

Das historische schwarz-weiße Bild zeigt mehrere Männer und Jugendliche mit und ohne Behinderung draußen. Ein lachender schwarzer Mann trägt einen weißen. © Steve Honisgbaum

Im „Camp Jened“ trafen sich behinderte Jugendliche in einer Ferienfreizeit, dem „Crip Camp“ – „Krüppel Camp“, wie sie es selbst nannten. Doch es ging nicht nur um Spaß, sondern auch um Emanzipation.

Crip Camp“, so heißt auch der Dokumentarfilm, der beim Streaminganbieter Netflix erschienen ist. Der Titel der deutschen Fassung lautet „Sommer der Krüppelbewegung“. Er nimmt uns mit zu den Wurzeln der US-Amerikanischen Behindertenbewegung im Jahr 1971. Wir lernen Aktivist*innen wie Judy Heumann, Denise Sherer Jacobson und Jim LeBrecht kennen, werden Zeug*innen von Protestaktionen, die bis dahin undenkbar schienen. Bereits in den 1950er Jahren gab es das erste „Camp Jened“ für behinderte Kinder und Jugendliche, damals vor allem für solche mit Polio. Ende der Siebziger Jahre schloss das Camp wegen finanzieller Schwierigkeiten. Doch rund zehn Jahre zuvor war es ein Ausgangspunkt der Behindertenbewegung.

Auf einmal eines der "coolen Kids"

Feminismus, Antirassismus, die Friedens- und Hippiebewegung, all das ging auch am Camp Jened nicht spurlos vorbei. Regisseur Jim LeBrecht, der als Fünfzehnjähriger am Camp teilgenommen hatte, erinnert sich: „Ich liebte das Leben. Ich wollte Teil der Welt sein, aber ich sah in ihr keinen Platz für jemanden wie mich. In Jened war ich auf einmal eines der ‚coolen Kids‘, ich war das erste Mal verliebt. Mir wurde klar, dass nicht meine Behinderung das Problem ist, sondern die Gesellschaft und ihre Barrieren.“

LeBrecht, zu jener Zeit der einzige Schüler mit Behinderung auf seiner Schule, traf erstmals auf andere „integrierte“ behinderte Jugendliche, aber auch auf behinderte Heimkinder, damals noch sehr zahlreich in den USA. Gewalt auf der einen Seite, elterliche Überbehütung auf der anderen, Verleugnung von Sexualität und Fremdbestimmung: All das waren Themen, über die sich die Jugendlichen erstmals austauschen konnten.

Gegenseitige Unterstützung

Im Camp Jened unterstützten sie sich gegenseitig: Assistenz wurde nicht nur von den Betreuer*innen geleistet, sondern auch von den Teilnehmer*innen untereinander. Das Team der Betreuer*innen bestand aus nichtbehinderten und behinderten Menschen.

So war auch Judy Heumann in „Jened“ zunächst Teilnehmerin und später Betreuerin mit Behinderung. „Obwohl wir ganz jung waren haben wir uns gegenseitig gestärkt“, erinnert sie sich. „Wir haben verstanden: Behinderung ist politisch. Dinge müssen nicht immer so bleiben wie sie sind, wir können sie verändern“. Das Aufbegehren nahm sie mit nach Hause, gründete die Behindertenrechtsorganisation „Disabled in Action“. Heumann, später  Beraterin der Clinton-Regierung, organisierte damals Straßenblockaden in Manhattan, die Freund*innen aus dem Camp Jened vorne weg. Im Laufe der Siebziger Jahre zogen sie gemeinsam nach Berkeley, damals schon ein kleines „Mekka“ der Behindertenbewegung. Die persönliche Assistenz wurde dort erfunden, Zentren für Selbstbestimmtes Leben gegründet. Die Ehemaligen aus „Jened“ waren mittendrin, organisierten Demos, feierten ausgelassene Partys.

Die Forderung: Das Anti-Diskriminierungs-Gesetz umsetzen

Das historische schwarz-weiße Bild zeigt eine Frau im Rollstuhl, die bei einer Kundgebung ins Mikrofon spricht. © HolLynn D'Lil

Judy Heumann, Aktivistin für Behindertenrechte und Teilnehmerin des "Camp Jened", spricht bei einer Kundgebung.

Die Kamera ist immer dabei – auch 1977 beim legendären „504 Sit in“, der Besetzung eines Regierungsgebäudes in San Francisco. 504, das war ein Abschnitt des „Rehabilitation Acts“, einem Anti-Diskriminierungs-Gesetz. Obwohl bereits im Jahr 1973 beschlossen, war dieser Abschnitt bislang nicht umgesetzt worden: Politiker befürchteten immense Kosten – Busse, Bahnen, öffentliche Einrichtungen und Krankenhäuser hätten umgebaut werden müssen. Im ganzen Land besetzten Aktivist*innen Gebäude, doch das Sit-In in San Francisco dauerte am längsten. Erst nach 25 Tagen gab es eine Zusage, das Gesetz endlich umzusetzen.

Zwar sahen die Bediensteten davon ab, die Polizei zu rufen – Bilder von behinderten Menschen in Handschellen sollten vermieden werden. Dennoch brauchten die rund 150 Besetzer*innen einen langen Atem und Assistenz. Die guten Kontakte von Heumann und anderen zur lokalen Bürgerrechtsszene halfen: Die Black Panthers brachten jeden Tag kostenlos Essen, eine feministische Gruppe organisierte Duschen und Haarshampoo. Als die Angestellten im Regierungsgebäude die Telefonleitungen kappten, übernahmen gehörlose Besetzer*innen die Kommunikation nach außen und gebärdeten aus den Fenstern. „Crip Camp“ zeigt, wie eine „Graswurzelbewegung“ sich „intersektional“ organisierte, also viele Identitäten mitdachte, und dadurch erfolgreich wurde.

Publikumspreis für ein "Nischenthema"

Eine Frau und ein Mann © Sacha Maric

Regisseur Jim LeBrecht und seine Co-Regisseurin Nicole Newnham. LeBrecht hatte als damals Fünfzehnjähriger selbst am Camp teilgenommen.

Geschichten wie diese sollten endlich an die breitere Öffentlichkeit, fanden Jim LeBrecht und seine Co-Regisseurin Nicole Newnham. Kommentare einiger Zeitzeug*innen komplettieren das reichhaltige Original-Filmmaterial. So entstand eine Liebeserklärung an das Jung-Sein und eine mitreißend-witzige Erzählung über eine revolutionäre Zeit und die Sehnsucht nach Befreiung. Michelle und Barack Obama und ihre Produktionsfirma „Higher Ground“ finanzierten die Produktion des zu Unrecht als „Nischenthema“ geltenden Stoffs. Belohnt wurde der Einsatz mit dem Publikumspreis des diesjährigen Sundance Filmfestivals.

Ähnliche filmische Erzählungen über die deutsche Behindertenbewegung und ihre Anfänge sucht man bislang vergeblich. Eine Art deutsches „Crip Camp“ gab es zwar, aber anders: Das „Amt für Jugendarbeit“ der Evangelischen Landeskirche Baden organisierte in den 1980er und 1990er Jahren Ferienfreizeiten für behinderte Jugendliche, die dem „Crip Camp“ stark ähnelten, wie sich ehemalige Teilnehmer*innen erinnern. Für die westdeutsche Behindertenbewegung gaben aber vor allem Demonstrationen den Startschuss: 1980 gegen das „Frankfurter Urteil“, bei dem einer Klägerin Recht gegeben wurde, die die Anwesenheit behinderter Menschen in ihrem Urlaubshotel als Wertminderung beklagte, und 1981 gegen das „UNO-Jahr der Behinderten“. Doch westdeutsche Aktivist*innen und „Krüppelgruppen“ nahmen sich die USA zum Vorbild, brachten Bürgerrechtsideen nach Deutschland, übernahmen das Modell der Persönlichen Assistenz und der Selbstbestimmt-Leben-Zentren. Das amerikanische Antidiskriminierungsgesetz „Americans with Disabilities Act“ (ADA), von Aktivist*innen wie Judy Heumann und Veteran*innen des Vietnam-Kriegs erstritten, steht derzeit unter Beschuss von Donald Trump und seiner Regierung. Auch hierzulande sind behinderte Menschen wieder zunehmend von Heimunterbringung bedroht. „Crip Camp“ ist also ein hochaktueller Film.

Text: Rebecca Maskos

Der Film "Crip Camp - Sommer der Krüppelbewegung" ist bei Netflix und in voller Länge auch auf YouTube zu sehen.

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