"Vielfalt ist unser Motor"

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An der Marie-Kahle-Gesamtschule setzt man auf Inklusion. Vieles ist hier anders als an anderen weiterführenden Regelschulen. Ganz selbstverständlich werden Kinder mit und ohne Förderbedarf oder Behinderung unterrichtet. Schulleiterin Sabine Kreutzer erklärt im Interview das Konzept der Schule.


 

Eine Frau mit schulterlangen dunklen Haaren und Brille: Sabine Kreutzer.

Schulleiterin Sabine Kreutzer

Frau Kreutzer, wie sahen die Anfänge der Marie-Kahle-Gesamtschule aus?

Wir haben diese Schule 2009 gegründet. Am Anfang gab es nur ein weißes Blatt Papier und die Frage: Wie wollte ich schon immer arbeiten? Es folgte ein aufregender Prozess. Die Gründung einer neuen Schule hat einen großen Charme, den auch die Kollegen miterleben. Alles war offen. In der Konzeption ging es darum, zu ändern, was im bisherigen Lehrersein immer gestört hatte. Gestartet ist die Schule mit sechs Lehrern und vier Klassen. Wir hatten damals keine Sonderpädagogen an Bord. Inklusiv haben wir dann seit 2011 gearbeitet.

Was sind heute die wesentlichen Bausteine Ihres Schulkonzepts?

Wir sind eine Schule für alle. 100 Lehrer unterrichten 1.000 ganz unterschiedliche Kinder. Ein ganz wesentlicher Teil unseres Konzeptes sind multiprofessionelle Teams. Das heißt Regelschullehrer und Förderschullehrer unterrichten gemeinsam und bringen ihre Stärken und ihr Know-how mit ein. Dadurch bekommen alle Schüler die bestmögliche Förderung und Betreuung. Unterricht in Doppelbesetzung ist aber nicht immer möglich, denn auch wir mit knappen Ressourcen zu kämpfen. Deshalb setzen wir auf unterschiedliche Methoden, die es uns möglich machen, guten inklusiven Unterricht zu machen. Sehr früh haben wir uns zum Beispiel für das Dalton-Konzept entschieden.

Was steckt dahinter?

Die Schüler lernen zum Beispiel, ihren Arbeitsalltag zu planen und selbstständig zu lernen. In der Lernzeit arbeiten die Schüler in ihrem eignen Tempo und haben Zeit, sich intensiv mit einem Thema zu beschäftigen. Frust und Langeweile haben da keine Chance.

Sie arbeiten auch mit dem Buddy-Prinzip. Wie funktioniert das?

Es ist eine wichtige Ergänzung zum Dalton-Programm. Schüler helfen sich dabei alters- und klassenübergreifend auf Augenhöhe. Die Idee ist also: Schüler lernen von Schülern. Wir bilden sie hier aus, um zu erklären. Der Eine versteht eben besonders gut die englische Grammatik, der andere wie man ein Matheproblem löst. Dank des Buddy-Prinzips haben wir in den Klassen lauter Experten für unterschiedliche Themen sitzen. Das Buddy-Prinzip nutzen wir übrigens auch für Lehrer. Kommt jemand neu an unsere Schule, stellen wir ihm einen erfahrenen Kollegen zur Seite, der alle Abläufe erklärt. Das hat viele Vorteile. Wissenstransfer zwischen Kollegen ist so ganz einfach. Auch fühlen sich unerfahrene Lehrer im Team besser aufgenommen. Herausforderungen des Schulalltags sind sie so viel besser gewachsen.

Welche Rolle spielt die Elternarbeit an Ihrer Schule?

Damit unser Schulleben und die Umsetzung von Inklusion funktionieren, versuchen wir Mütter und Väter in vielen Bereichen mit einzubeziehen. Wir machen zum Thema Inklusion aber nie Sonderveranstaltungen.

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Dalton-Pädagogik

Das Prinzip von Dalton basiert auf drei Kernelementen: Verantwortung, Freiheit und Gestaltungswillen. Die Dalton-Pädagogik geht davon aus, dass Lernen am besten funktioniert, wenn man sich intensiv mit einem Thema, einer Frage oder einem Problem auseinandersetzt. Die Schüler sollen lernen selbstständig und eigenverantwortlich zu arbeiten.

Dalton ähnelt der Montessori-Pädagogik, ist aber für die Sekundarstufen weiterentwickelt worden.

Die Schüler arbeiten 2/3 der Unterrichtszeit in Klassen bei ihrem Fachlehrer. Das restliche Drittel ist Daltonzeit, in der Schüler eigene Lernwege wählen. Sie planen und dokumentieren ihre Aufgaben (Lernaufträge) in allen Fächern in einer Wochenübersicht. Die Klassenlehrer kontrollieren regelmäßig die Fortschritte. Jeder Schüler hat einen Lernordner, in dem die Lernpläne aller Fächer abgeheftet. Die Pläne werden von den Fachlehrern in Fünf-Wochen-Phasen erstellt. Lernaufträge sind individuell und haben unterschiedliche Schwierigkeitslevels. So wird jeder Schüler ganz persönlich gefördert und gefordert. In den Lernplänen stehen die Unterrichtsthemen der jeweiligen Woche, die Lernaufträge, welche Lernziele und Fähigkeiten erreicht werden sollen. Auch Eltern können so kontrollieren woran und wie erfolgreich ihre Kinder in den Fächern arbeiten.

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Buddy-Prinzip

Die Marie-Kahle-Gesamtschule verbindet die Dalton-Pädagogik mit dem Buddy-Prinzip. Nach dem Motto „Aufeinander achten, füreinander da sein, miteinander lernen“ unterstützen sich die Schüler gegenseitig. Auf Augenhöhe lernen und arbeiten die „Buddys“ miteinander.

Egal ob es um Mathe, Deutsch, Englisch oder Projektarbeiten geht – hier können die Schüler ihre Fragen loswerden. Viele haben dabei deutlich weniger Scheu, Schwächen zuzugeben als im Unterricht mit ihren Lehrern. Ein weiterer Vorteil: Schüler sprechen untereinander die selbe Sprache und wer lernt, anderen Themen verständlich zu erklären, wird selbst noch sicherer und besser in den jeweiligen Fächern. Nach dem Buddy-Prinzip setzen die Marie-Kahle-Schüler auch Projekte um.

Stattdessen werden immer mal einzelne Fragen und Aspekte bei Elternabenden oder Infotagen angesprochen. Eltern bringen sich aktiv in der Elternpflegschaft, in Arbeitsgruppen oder bei regelmäßigen Stammtischen ein. Der Austausch mit den Eltern ist uns sehr wichtig. Deshalb sind wir über viele unterschiedliche Kommunikationskanäle erreichbar. Uns anzusprechen soll für jeden so niederschwellig und einfach wie möglich sein.

Was sind hilfreiche Organisationsstrukturen im inklusiven Schulalltag?

Wir arbeiten viel mit Teamsitzungen. Das ist gerade im Zusammenhang mit multiprofessionellen Teams wichtig, um Absprachen zu treffen. Wir haben sehr klare Konferenz- und Arbeitsstrukturen. Jeder muss genau wissen, wie wir arbeiten und welche Rolle er im Unterricht und bei anderen Abläufen übernimmt. Diese Rahmen sind festgelegt, erleichtern die Arbeit und regeln auch unsere Kommunikation. Das geht sogar auch so weit, dass wir geregelt haben wann und wie oft E-Mails gelesen und beantwortet werden. Das ist wichtig, damit Lehrer auch einmal das Gefühl haben, mit der Arbeit fertig zu sein. Inklusion braucht Standards – aber viele davon, kann man als Schule selbst entwickeln.

Was zeichnet Ihr Schulkonzept aus?

Wir schätzen die Vielfalt unserer Schüler – das ist unser Motor. Wir können Dinge entscheiden, ausprobieren und für gut oder schlecht befinden. Es ist mir sehr wichtig, dass wir uns als Schule an die Bedürfnisse unserer Kinder anpassen. Um noch mehr individuelle Förderung für alle Schüler möglich zu machen, haben wir zum Beispiel unser Lernzentrum ins Leben gerufen. Wir haben keine Angst davor, uns immer wieder zu hinterfragen und etwas anders zu machen als bisher.

Was raten Sie Schulen, die auch inklusiv werden wollen?

Um anzufangen sollten Schulen sich ihrer Stärken bewusst sein. Sie können schon viel, was es für gelungene Inklusion braucht. Eine große Hilfe war uns der Index für Inklusion. Mit ihm lässt sich gut erarbeiten, welche Leitfragen einer Schule wichtig sind und wo man dabei auf dem Weg zur Inklusion bereits steht. Man sollte Prioritäten setzen und mit einigen Schwerpunkten anfangen und diese bearbeiten. Den Film „Treibhäuser der Zukunft“ über Schulen haben wir über Wochen hinweg geschaut, um herauszufinden, welche Schulkonzepte uns gefallen. Es macht auch Sinn an einer Schule zu hospitieren, die Inklusion bereits erfolgreich umsetzt. Wir haben uns viel Input von außen geholt.

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Lernzentrum

Die Sonderpädagogen, die an der Marie-Kahle-Gesamtschule arbeiten, unterrichten nicht nur, sie gestalten die Schule auch aktiv mit. Gemeinsam mit den Fachkräften für sprachsensibles Lernen (zuständig für Lernen mit Blick auf Deutsch als Zweitsprache) haben sie beispielsweise das Lernzentrum entwickelt.

Seit 2017 können Kinder und Jugendliche hier kurzzeitig individuelle Förderung bekommen, sobald sich zeigt, dass sie im Unterricht nicht mehr mitkommen. Dafür braucht es keinen ausgewiesenen Förderbedarf und auch nicht schlechte Klassenarbeiten oder Zeugnisse. Das Ziel: Schüler sollen Hilfe beim Lernen bekommen, bevor Wissenslücken und Schulprobleme auftreten. Alle können hier deshalb phasenweise und in ruhigem Umfeld konzentriert lernen und arbeiten anstatt am üblichen Unterricht teilzunehmen. Damit die gezielte Förderung möglich ist, können immer nur einige wenige Schüler gleichzeitig im Lernzentrum sein. Die Arbeit hier ist keine Disziplinarmaßnahme.

Wer hat Sie unterstützt?

Der Verein „Gemeinsam leben, gemeinsam lernen“ hat uns zum Beispiel für die Idee der Inklusion begeistert. Sie haben uns später viele Eltern vermittelt, mit denen wir uns rege ausgetauscht haben. Der Verein hat uns auch mit einschlägiger Literatur versorgt oder den Kontakt zu renommierten Wissenschaftlern verschafft. Für Inklusion gibt es kein Patentrezept, weil es auch keine Gebrauchsanleitung für Menschen mit Behinderung oder anderen Besonderheiten gibt. Der Kontakt zu erwachsenen Betroffenen war mir aber sehr wichtig. Ich wollte wissen, welche Erfahrungen und Wünsche haben Eltern und ehemalige Schüler mit Förderbedarf in Bezug auf Schule.

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