Aktuelle Studie zum Arbeitsmarkt

Inklusionsbarometer Arbeit 2021

Das Handelsblatt Research Institute hat im Auftrag der Aktion Mensch ein weiteres Inklusionsbarometer erstellt. Demnach waren im Oktober 2020 13 Prozent mehr Menschen mit Schwerbehinderung arbeitslos als zur selben Zeit im Vorjahr. Durch die Corona-Krise hat auch die Inklusion auf dem Arbeitsmarkt einen deutlichen Rückschlag erlitten. Besonders schwerwiegend äußert sich die Situation in Bayern, Hamburg und Baden-Württemberg.

Die Corona-Pandemie erschüttert die Situation für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt das zweite Jahr in Folge: In den ersten zehn Monaten 2021 waren im Durchschnitt 174.006 Menschen mit Behinderung arbeitslos – und damit sogar noch einmal mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Den traurigen Höchststand seit Beginn der Krise markierte der Januar mit 180.047 Arbeitslosen mit Behinderung. Zu diesem Ergebnis kommt das aktuelle Inklusionsbarometer Arbeit der Aktion Mensch und des Handelsblatt Research Institutes.

Acht Prozent mehr Arbeitslose als vor der Pandemie

Auch wenn die Studienergebnisse zeigen, dass sich der seit Beginn der Pandemie vorherrschende negative Trend im Jahresverlauf 2021 etwas verlangsamt, ist eine Entwarnung aus Sicht der Aktion Mensch noch lange nicht gegeben. So waren im Oktober dieses Jahres zwar rund vier Prozent weniger Menschen mit Behinderung in Deutschland ohne Arbeit als im Oktober des Vorjahres – doch noch immer über acht Prozent mehr als im Vergleichszeitraum vor der Pandemie.

Erreichte Fortschritte sind verloren

„Insgesamt liegt das Niveau der Inklusion auf dem Arbeitsmarkt weiterhin auf dem Stand von 2016. Da sich die Situation in den Jahren vor Corona fast stetig verbesserte, heißt das: Alle seither erreichten Fortschritte sind verloren“, bestätigt Prof. Dr. Bert Rürup, Präsident des Handelsblatt Research Institutes. „Aktuell entwickelt sich die Lage für Menschen mit Behinderung zudem weniger positiv als für Menschen ohne Behinderung. Denn erfahrungsgemäß ist der Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung von einer geringeren Dynamik geprägt.“ Für den Ausblick bedeutet dies: Menschen mit Behinderung werden deutlich länger gegen die Negativfolgen der Pandemie anzukämpfen haben.

Langzeitarbeitslose mit Behinderung: Vom Arbeitsmarkt vergessen

Damit steigt weiterhin auch die Gefahr, dass noch mehr Menschen mit Behinderung in die Langzeitarbeitslosigkeit geraten. Schon im letzten Jahr waren knapp 70.000 Personen mit Behinderung mindestens ein Jahr ohne Beschäftigung, davon über die Hälfte sogar länger als zwei Jahre. „Die Langzeitarbeitslosigkeit ist auch unabhängig von der derzeitigen Krise ein gravierendes Problem“, erklärt Christina Marx, Sprecherin der Aktion Mensch. „Für Menschen mit Behinderung, die schon lange arbeitssuchend sind, bestehen ohne eine aktive Unterstützung seitens Wirtschaft und Politik kaum Chancen, auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Diese Menschen werden schlichtweg vergessen und durch strukturelle Barrieren auf dem Arbeitsmarkt benachteiligt.“

Kaum Erholung auf Länderebene – Hamburg und Bayern weiterhin stark betroffen

Trotz der leicht positiven Entwicklung, die sich seit Anfang dieses Jahres flächendeckend in Deutschland – mit der Ausnahme Mecklenburg-Vorpommerns – abzeichnet, liegt die Anzahl arbeitsloser Menschen mit Behinderung in durchweg allen Bundesländern weiterhin über der des Vor-Corona-Zeitraums. Den höchsten Anstieg der Arbeitslosenzahlen infolge der Pandemie verzeichnen dabei nach wie vor die Bundesländer Hamburg mit fast 16 Prozent sowie Bayern mit rund 14 Prozent (Vergleichszeitraum Oktober 2019 und 2021).

... Prof. Dr. Bert Rürup, Präsident der Handelsblatt Research Instituts

Wie hat die Corona-Pandemie die Arbeitsmarktzahlen im Kontext der Inklusion von Menschen mit Behinderung verändert?

Die Corona-Pandemie, bzw. der Lockdown der Wirtschaft, hatte im zweiten Vierteljahr einen massiven Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Leistung zur Folge. Für den Arbeitsmarkt hielten sich – dank der diversen Rettungsschirme und des verbesserten Kurzarbeitergelds – die negativen Folgen bislang in überschaubaren Grenzen. Allerdings zeigen sich bei näherem Hinsehen zwei Entwicklungen: Die Arbeitslosenzahl der Menschen mit Behinderung ist in diesem Oktober im Vergleich zum Oktober 2019 um mehr als 20.000 Personen auf über 173.000 angestiegen. Damit wurden die seit 2016 erreichten Erfolge bei der Arbeitsmarktinklusion zunichte gemacht. Gleichzeitig ist der Anteil der Menschen mit Behinderung an allen Arbeitslosen seit dem Frühjahr leicht gesunken. Das heißt, Menschen mit Behinderung haben ihren Arbeitsplatz seltener verloren als ihre Kolleg*innen ohne Behinderung.

Woran liegt es, dass die Arbeitslosenzahlen bei Menschen mit Behinderung – verglichen mit dem Rest der Bevölkerung – weniger stark ansteigen?

Dafür gibt es zwei Erklärungen: Die Arbeitslosenzahl ist im Frühjahr nicht zuletzt deshalb angestiegen, weil befristete Arbeitsverhältnisse nicht verlängert wurden, während Menschen mit Behinderung weniger häufig in befristeten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten. Zum Zweiten dürfte es am besonderen Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderung liegen, der die Beendigung des Beschäftigungsverhältnisses zumindest zeitlich verzögert. Daher ist noch nicht absehbar, ob es angesichts der gesamtwirtschaftlichen Erholung ab dem Sommer in den kommenden Monaten zu dem befürchteten Nachholeffekt bei den Entlassungen kommt.

Mit welcher Entwicklung ist für die kommenden Jahre zu rechnen?

Auf mittelfristige Sicht ist die gesamtwirtschaftliche und Arbeitsmarktentwicklung von der Verfügbarkeit eines wirksamen Impfstoffs gegen das Coronavirus abhängig. Wenn im Laufe des Jahres 2021 wirksame Seren flächendeckend verfügbar sein sollten, dürfte sich die Wirtschaft erholen und am Ende des Jahres 2022 wieder das „Vor-Corona-Niveau“ erreichen – und mit einer zeitlichen Verzögerung auch auf den Arbeitsmarkt durchwirken. Bereits in wenigen Jahren wird der Fachkräftemangel in Deutschland deutlich zunehmen, weil ab Mitte dieses Jahrzehnts die geburtenstarken Jahrgänge, die Babyboomer, in Rente gehen.

Weshalb sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung besonders gravierend?

Infolge der Krise liegt die Zahl der arbeitslosen Menschen mit Behinderung auf dem höchsten Stand seit 2016. Diese Entwicklung bereitet uns vor allem deshalb Sorgen, weil die Langzeitarbeitslosigkeit bei Menschen mit Behinderung ein gravierendes Problem ist. Sie finden sehr viel schwerer in den Arbeitsmarkt zurück als Menschen ohne Behinderung – im Schnitt sind sie 100 Tage länger arbeitslos. Daher ist zu erwarten, dass sich die Arbeitsmarktsituation für Menschen mit Behinderung nach der Pandemie langsamer erholen wird.

Wieso ist es für Menschen mit Behinderung so schwer, einen Arbeitsplatz zu finden?

Bei vielen Arbeitgeber*innen bestehen nach wie vor Unsicherheiten im Umgang mit Menschen mit Behinderung – auch wenn diese qualifiziert sind. Dass diese Befangenheit aber unbegründet ist, wird uns aus der Praxis bestätigt: So sagen vier von fünf von uns befragte Organisationen, die Menschen mit Behinderung beschäftigen, dass sie beispielsweise keine Leistungsunterschiede feststellen. Zudem stellen wir fest, dass Barrierefreiheit am Arbeitsplatz – auch digitale Barrierefreiheit – vielfach noch nicht mitgedacht wird. Damit aber auch Menschen mit Behinderung von dem Digitalisierungsschub profitieren können, den wir derzeit durch die Corona-Pandemie erleben, muss sich hier zwingend etwas ändern. Sonst resultieren die an sich großen Potenziale, die die Digitalisierung für Inklusion birgt, in einer noch größeren Ausgrenzung.

Wie äußert sich die aktuelle Situation für Inklusionsbetriebe?

Die Situation ist vor allem für die rund 650 gemeinnützigen Inklusionsfirmen sehr problematisch. Von ihnen sind mehr als die Hälfte in Branchen angesiedelt, die in besonderem Maße von den Corona-Beschränkungen betroffen sind – etwa in der Gastronomie, Hotellerie oder Gemeinschaftsverpflegung. Zudem dürfen sie aufgrund ihrer Rechtsform keine nennenswerten Rücklagen bilden, was sie verwundbar macht. Ihre Situation ist für die Inklusion auf dem ersten Arbeitsmarkt vor allem deshalb dramatisch, da Menschen mit Behinderung mindestens 40 Prozent ihrer Belegschaft ausmachen.

Beispiele aus der Berufspraxis

Zwei Männer stehen auf einer Baustelle und schauen gemeinsam in einen Plan.

Jobverlust mit Happy End

Michael Wilde aus Hamburg war Mitte 50, als er im Zuge der Corona-Krise seinen Job verlor. „Das war’s“, dachte er, als sein alter Chef ihm sagte, dass er den Laden zumacht. „Ich bin 54 Jahre alt, habe zwei künstliche Hüften, Metallteile, um Leisten und Bandscheiben zusammenzuhalten, die Bizeps-Sehnen an beiden Armen gerissen, Probleme mit einem Auge und beiden Ohren. Ich war sicher, so bekomme ich keinen Job mehr.“

Wider Erwarten fand er jedoch direkt im Anschluss eine neue Stelle in einem kleinen Elektriker-Betrieb. Auch wenn der Chef rückblickend sagt: „Als ich hörte, dass er eine 60-prozentige Schwerbehinderung hat, bin ich erst mal hintenübergefallen“. Doch dann habe er sich erst einmal mehr Informationen besorgt. Die Inklusions-Lotsin der Handwerkskammer hat ihn über Fördermöglichkeiten aufgeklärt und ihm bis zur Einstellung von Michael Wilde beratend zur Seite gestanden. Nun bekommt er für die ersten beiden Jahre einen Lohnzuschuss, der fast die Hälfte des Gehaltes deckt.

„Ein paar Nächte lang habe ich damals nicht geschlafen“, erinnert sich Elektro-Meister Jens Voß. Und dennoch hat er sich mit seiner Entscheidung, Michael Wilde einzustellen, gegen den Rat seines Anwalts gewendet. Und findet heute: „Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens“.

Sie möchten mehr wissen oder haben Fragen?

Das könnte Sie auch interessieren

Weitere spannende Links

Aktion Mensch Podcast "All Inclusive"

Gründer und Aktivist Raul Krauthausen über Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt.

Jetzt reinhören

The Shift Initiative - Die Diversity Initiative der Handelsbaltt Media Group

Unter anderem mit einem Interview mit Dagmar Greskamp, Aktion Mensch, über das strukturelle Problem von Inklusion auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Jetzt lesen

Ein Mann sitzt in einem Rollstuhl in einer Fußgängerzone. Hinter ihm steht vor einer Eisdiele eine Eistheke.

Inklusion im Arbeitsalltag

Inklusive Erfolgsgeschichten – wir stellen Ihnen Menschen mit Behinderung vor, die eine passende Stelle gefunden haben und sich in ihrem Arbeitsalltag voll verwirklichen.
Eine junge Frau mit blonden Haaren steht in einer großen Werkstatt. Sie trägt eine Schutzbrille und bearbeitet ein Metallblech.

Unterstützung & Förderung

Anträge, Förderung und Zuschüsse: Welche Möglichkeiten gibt es für Unternehmen und Organisationen, die inklusiver werden möchten? Wir geben eine Übersicht.
Ein Mann im Rollstuhl sitzt an seinem Schreibtisch vor dem Rechner.
Logo der KOFA Partnerbeitrag

Schritt-für-Schritt-Anleitung

In Kooperation mit dem Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung (KOFA) haben wir Handlungsempfehlungen für diejenigen Arbeitgeber entwickelt, die Inklusion in ihrem Unternehmen umsetzen und Menschen mit Behinderung beschäftigen wollen.