Betreutes Wohnen mit Corona-Notfallplan

Die Mitarbeiter*innen des AWO Bezirksverbands Niederrhein in Hilden strukturieren ihre Angebote um und arbeiten im Corona-Modus: Masken nähen, Einkäufe für Menschen mit psychischer Erkrankung übernehmen, Tafel-Lebensmittel ausfahren und telefonische Beratung stehen jetzt im Mittelpunkt.

In einer alten Fabrikhalle sind mehrere Personen bei der Herstellung von Masken zu sehen.

In Hilden am Niederrhein unterstützen ehrenamtliche Helfer*innen die Mitarbeiter*innen der AWO bei der Produktion von Mund-Nasen-Masken.

Die Nachricht von der Maskenpflicht bestürzte viele Menschen im Betreuten Wohnen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Hilden. Das Geld reicht oft nicht mal für Lebensmittel vom Supermarkt, wie soll man sich da noch einen Mund-Nasen-Schutz leisten? „Als die AWO mir zwei Masken geschenkt hat, war ich sehr gerührt. Als Sozialhilfeempfängerin konnte ich bisher nur meinen Schal nutzen. Eine Maske kaufen, war nicht drin“, sagt Klientin Diana Stopa.

Werner Eike ist Leiter des Wohnverbundes der AWO in Hilden. Ein Team aus Sozialarbeiter*innen, Krankenpfleger*innen und Ergotherapeut*innen unterstützt die Bewohnerinnen und Bewohnern. Im Fritz-von-Gehlen-Haus betreuen sie 21 Menschen stationär. Weitere 50 Menschen mit psychischen Erkrankungen leben in ihren eigenen Wohnungen und erhalten vom AWO-Team Alltagsunterstützung.

Die Corona-Krise hat den Arbeitsalltag ziemlich umgekrempelt: Es gab neue Hygiene-Auflagen, aber Desinfektionsmittel wurden überall knapp und teils doppelt so teuer. Die tagesstrukturierenden Angebote, Klient*innen-Treffs und die Ergotherapie – abgesagt. Stattdessen machen sie mehr telefonische Beratung. Verunsicherungen und Ängste machen sich breit - sowohl bei den Klient*innen als auch bei den Mitarbeitenden. „Wir versuchen positiv zu bleiben und unsere Arbeit anzupassen“ sagt Werner Eike.

Masken nähen - Solidarität konkret

Auf einem Tisch ausgebreitet liegen selbstgenähte Masken der AWO in Hilden.

Die Schutzmaskenaktion war Auftakt des Notfallprogramms für die Corona-Krise. In einer gemeinsamen Aktion von Mitarbeiter*innen und Ehrenamtlichen haben sie bisher in einer Woche gut 200 Stoffmasken genäht. „Das ist Solidarität konkret“, sagt Eike.

Eine der Näherinnen ist Chiara Fortak. Sie arbeitet normalerweise im Bundesfreiwilligen-Dienst in einer Kindertagesstätte. Als diese wegen Corona geschlossen wurde, brach von heute auf morgen ihre Arbeit weg. „Zuhause ist mir die Decke auf den Kopf gefallen. Beim Corona-Projekt mitzumachen war meine Rettung“, sagt die junge Frau.

Genäht haben sie in der erst 2019 eröffneten Tageseinrichtung „Fabrik“. Hier fanden bis April Angebote statt für Menschen mit psychischer Erkrankung: gemeinsames Kochen, Kreativkurse, Spieletreffs, ein Café. Klientin Elke Camphausen nennt die Fabrik gern einen „sicheren Hafen“. Der ist jetzt wegen Corona geschlossen.

Isolation und Einsamkeit mildern

„Ich fühle mich derzeit wie eingesperrt und sehr allein“, sagt Camphausen. Sie trifft die Corona-Krise doppelt: Keinen direkten Kontakt zu Freunden und anderen mehr zu haben, verstärke ihre Depression. Wegen der Lungenerkrankung COPD sei sie zudem Risikopatientin.

„Unsere Klient*innen leben vorwiegend allein in der eigenen Wohnung. Sie spüren die Isolation und Vereinsamung deutlich“, sagt Werner Eike. Flexible und schnelle Hilfen seien jetzt notwendig. Wie der neue Einkaufsdienst.

„Schlange stehen, Abstand halten, vergebliche Suche nach Klopapier und Nudeln – das halten viele unserer Klienten kaum aus“, erklärt Eike. Deshalb bietet das Projekt jetzt Einkaufshilfe an. Für deren Umsetzung konnte dank der Corona-Soforthilfe der Aktion Mensch eine neue Kollegin eingestellt werden. Die Menschen aus dem Betreuten Wohnen rufen bei Bedarf Doro Günthner an. Die holt dann den Einkaufszettel bei ihnen zu Hause ab, erledigt die Besorgungen und stellt die Einkäufe wieder vor die Tür. „Zusätzlich zum Einkaufsservice, sorgt das auch für einen kleinen zwischenmenschlichen Austausch“, sagt Günthner.

Eine Gruppe von Menschen mit und ohne Behinderung in einem Park.

Verbund für Menschen mit psychischer Erkrankung in Hilden

Der AWO Bezirksverband Niederrhein setzt sich dafür ein, dass Menschen, die in ihren körperlichen oder geistigen Fähigkeiten beeinträchtigt sind, in der Gesellschaft akzeptiert werden. Die Mitarbeiter*innen der AWO unterstützen sie darin, ihr Leben weitgehend selbstständig und selbstverantwortlich gestalten zu können, indem sie gemeinsam mit ihnen passende und angemessene Wohn- und Betreuungsformen entwickeln.

Im Fritz-von-Gehlen-Haus, der Fabrik und im Betreuten Wohnen im AWO Wohnverbund Hilden sind es Offenheit und das tiefe Vertrauen in die Klientinnen und Klienten, die eine wesentliche Rolle spielen. Junge Erwachsene und ältere Menschen mit verschiedenen psychischen Krankheitsbildern leben und arbeiten in den unterschiedlichen Einrichtungen. Schritt für Schritt werden sie zurück in ein selbständiges Leben geführt, zu einer eigenen und neuen Lebensperspektive.

Die AWO leistet hier Hilfe zur Selbsthilfe, ganz ohne Druck, individuell auf den jeweiligen Menschen und seine Lebensperspektive ausgerichtet.

Mehr über das Projekt erfahren

Lebensmittel-Pakete von der Tafel

Zwei Frauen stellen Lebensmitteltüten für Bedürftige zusammen.

Aus der Corona-Krise sind in Hilden auch neue Kooperationen entstanden, zum Beispiel mit der Tafel. Ab Mai packen die ehrenamtlichen Helfer*innen der Tafel gespendete Lebensmittel vor und die Mitarbeiterin des AWO-Projektes liefert sie dann bis vor die Haustür. „Bisher haben sich schon zwölf Personen gemeldet und es werden immer mehr“, sagt Günthner.

Für den Lieferservice hat die AWO von der Soforthilfe der Aktion Mensch ein Lastenrad angeschafft. Die Idee hatte eine Mitarbeiterin in der Ergotherapie, Janny Graap: „Mich nervt zum Beispiel die Parkplatzsuche. Mit dem Fahrrad komme ich schneller in der Stadt voran als mit dem Auto.“ Auf einem normalen Rad bekommt man allerdings nicht alle Einkäufe verstaut. Da war ein Elektro-Lastenrad die Lösung. Zum Glück wurde es zügig geliefert, so dass es gleich für den neuen Tafel-Lieferservice genutzt werden kann. Die Probefahrten liefen glatt – elektrische Unterstützung war bisher nicht nötig. Das ändert sich vermutlich, wenn der Lebensmittel-Lieferdienst gut angenommen wird. So hilft ein Lastenrad den Menschen im Betreuten Wohnen ein Stück durch die Krise. Bestimmt hilft es auch nachhaltig im Arbeitsalltag nach Corona.

Weitere Informationen in der Corona-Krise

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Eine Postkarte mit dem Text "Halt! Leichte Sprache".

Links zu Informationen in Leichter, Einfacher und Gebärdensprache

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Warum Helfen jetzt so wichtig ist

Drei Kinder sitzen zusammen und essen.

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