Seit acht Jahren macht Jacqueline Wandertouren wie diese, geht außerdem Klettern, Bouldern und Bergsteigen. „Draußen zu sein, das ist eine andere Welt, ein anderer Rhythmus, das erdet mich“, sagt Jacqueline. Mit nur einem Bein auf Berge zu steigen, wirkt auf manche Zweibeiner ungewöhnlich. „Muss das denn sein?“, würde sie immer wieder gefragt, so die Pfälzerin.
Jacqueline war nicht ihr ganzes Leben lang auf einem Bein unterwegs. Bis sie 15 Jahre alt ist, reitet sie, tanzt auf Leistungssport-Niveau. Dann passiert der Unfall. „Ich bin beim Balletttraining umgeknickt“, sagt Jacqueline, „ein Bänderriss im Sprunggelenk.“ Eine Operation folgt, doch die Verletzung wird schlimmer. Sieben Jahre zieht sich der Kampf, bis 2009 – Jacqueline ist gerade 22 – das rechte Bein knieabwärts amputiert wird. Für die junge Frau bricht eine Welt zusammen. „Ich wollte das nicht. Lieber sterbe ich, habe ich gedacht.“
Die anschließende Reha führt sie ins Allgäu. Ausgerechnet. „Ich habe die Berge gehasst“, erinnert sich Jacqueline. Weil sie aber unter der Woche oft allein ist, zwischen Orthopädiehaus und Reha-Zentrum pendelnd, will sie wenigstens am Wochenende unter Freunden sein – doch die gehen wandern. Jacquelines Ehrgeiz ist geweckt, sie trainiert heimlich und wandert am Ende der Reha mit auf eine Hütte. „Das war nichts Großes, aber es hat Spaß gemacht“, sagt sie. Jacqueline beginnt regelmäßig zu wandern, auf Krücken die Allgäuer Alpen rauf, immer weiter und höher.
Jeden Sommer ist die Sportlerin seitdem in den Bergen unterwegs. Bis sie 2016 das schier Unglaubliche wahr macht und einbeinig die Alpen überquert. 312 Kilometer, ohne Seilbahn, ohne Auto, ohne Hilfsmittel. In vier Wochen, nur mit Krücken und 15 Kilo Gepäck auf dem Rücken, steigt Jacqueline mit einer Freundin von Garmisch-Partenkirchen bis ins Hochgebirge auf 3.500 Meter, über Wanderwege, Klettersteige und Geröllfelder, bis nach Meran. Einzig für die Kletterpassagen trägt sie eine Prothese aus Carbon.