Auf einem Bein über alle Berge

Als Bergsteigerin hat Jacqueline Fritz in den vergangenen fünf Jahren über 100 Berge bestiegen, sammelte über 50.000 Höhenmeter und legte 5.000 Kilometer zurück. Alles auf Krücken, denn sie hat nur noch ein Bein. Über eine Frau, die auch anderen Mut machen will ihre Grenzen auszutesten.

Eine junge einbeinige Frau auf Krücken beim Bergwandern

Jacqueline Fritz verlor mit 22 Jahren ein Bein. Heute ist sie passionierte Bergsteigerin.

Es ist kurz nach Drei in der Nacht, als sie sich auf den Weg macht. Der Nebel hängt tief, die kleine Waldlichtung ist nur schemenhaft zu erkennen. Eine Stirnlampe leuchtet den schmalen, steil ansteigenden Weg, der hier beginnt. Geübt tastet sich Jacqueline Fritz voran: Erst die Krücken aufstellen, kurz den Halt prüfen, dann zieht sie sich mit Schwung hinterher, setzt ihren linken Fuß auf und macht den nächsten Schritt. Die 34-Jährige ist auf dem Weg zum Mittagkopf, 2249 Meter hoch erhebt sich der Gipfel über dem Tiroler Paznaun-Tal. Zum Sonnenaufgang will sie da sein.

Meter für Meter geht es höher, die Bäume werden weniger, bis nur noch Sträucher und massive Lawinenschutzgitter den Weg säumen. Man könnte jetzt ins Tal schauen – würde nicht der Nebel wie eine weiße Decke darüberliegen. Jacqueline Fritz, groß, die braunen Haare zum Zopf gebunden, Rucksack auf dem Rücken, steigt unbeirrt weiter, Krücken, Fuß, Krücken, Fuß. Ihre Gehhilfen haben extra breite Enden, damit sie auf dem unebenen Gelände Halt findet.

"Ich habe die Berge gehasst.“

Seit acht Jahren macht Jacqueline Wandertouren wie diese, geht außerdem Klettern, Bouldern und Bergsteigen. „Draußen zu sein, das ist eine andere Welt, ein anderer Rhythmus, das erdet mich“, sagt Jacqueline. Mit nur einem Bein auf Berge zu steigen, wirkt auf manche Zweibeiner ungewöhnlich. „Muss das denn sein?“, würde sie immer wieder gefragt, so die Pfälzerin.

Jacqueline war nicht ihr ganzes Leben lang auf einem Bein unterwegs. Bis sie 15 Jahre alt ist, reitet sie, tanzt auf Leistungssport-Niveau. Dann passiert der Unfall. „Ich bin beim Balletttraining umgeknickt“, sagt Jacqueline, „ein Bänderriss im Sprunggelenk.“ Eine Operation folgt, doch die Verletzung wird schlimmer. Sieben Jahre zieht sich der Kampf, bis 2009 – Jacqueline ist gerade 22 – das rechte Bein knieabwärts amputiert wird. Für die junge Frau bricht eine Welt zusammen. „Ich wollte das nicht. Lieber sterbe ich, habe ich gedacht.“

Die anschließende Reha führt sie ins Allgäu. Ausgerechnet. „Ich habe die Berge gehasst“, erinnert sich Jacqueline. Weil sie aber unter der Woche oft allein ist, zwischen Orthopädiehaus und Reha-Zentrum pendelnd, will sie wenigstens am Wochenende unter Freunden sein – doch die gehen wandern. Jacquelines Ehrgeiz ist geweckt, sie trainiert heimlich und wandert am Ende der Reha mit auf eine Hütte. „Das war nichts Großes, aber es hat Spaß gemacht“, sagt sie. Jacqueline beginnt regelmäßig zu wandern, auf Krücken die Allgäuer Alpen rauf, immer weiter und höher.

Jeden Sommer ist die Sportlerin seitdem in den Bergen unterwegs. Bis sie 2016 das schier Unglaubliche wahr macht und einbeinig die Alpen überquert. 312 Kilometer, ohne Seilbahn, ohne Auto, ohne Hilfsmittel. In vier Wochen, nur mit Krücken und 15 Kilo Gepäck auf dem Rücken, steigt Jacqueline mit einer Freundin von Garmisch-Partenkirchen bis ins Hochgebirge auf 3.500 Meter, über Wanderwege, Klettersteige und Geröllfelder, bis nach Meran. Einzig für die Kletterpassagen trägt sie eine Prothese aus Carbon.

Raus aus der Komfortzone und über die Alpen

„Ich hatte so Bock zu laufen“, sagt Jacqueline. Möglichst viel oben am Berg sein, sehen, wie die Menschen auf den Almen leben, das habe sie interessiert. „Und ich wollte rausgehen aus meiner Komfortzone.“ Noch nie ist vor ihr ein Mensch auf die Art über die Alpen gewandert, nur Bruno Wintersteller hat 1865 einbeinig den Gipfel des Matterhorns erklommen. „Es war eine geile Erfahrung“, sagt Jacqueline rückblickend, „ich bin stolz auf mich. Und meinen Hund.“ Mischling Loui, ein ausgebildeter Bergbegleithund, begleitet die Sportlerin auf Schritt und Tritt.

Eine junge unterschenkelamputierte Frau klettert in einer Felswand

Klettern, Bouldern, Bergsteigen und Skiftouren: Die Pfälzerin Jacqueline Fritz macht so gut wie alles, was in den Bergen geht.

Heute sind Berg- und Klettertouren aus Jacquelines Leben nicht mehr wegzudenken. Vom „7-Summit“ im Stubaital, wo sie innerhalb von zwei Wochen auf vier Gipfel und drei Gletscher steigt, bis zur zweiwöchigen Wanderung durch den Val Grande Nationalpark mit Zelt und Schlafsack, hinauf auf die Signalkuppe im Monte-Rosa-Massiv. Ihr bisher größter sportlicher Erfolg: die Paraclimbing-Weltmeisterschaft im Sommer 2019. Im französischen Briançon erklettert sich Jacqueline, die in der Klasse ‚AL-2, beinamputierte Frauen‘ startet, die Bronze-Medaille im „Lead-Klettern“. Sie sei dankbar für das, was sie heute machen könne, so Jacqueline. „Die Zeit im Krankenhaus hat mich stark gemacht.“

„Wir kennen unsere Grenzen oft nicht.“

Wenn sie nicht gerade in den Alpen ist, betreibt die Grafikdesignerin aus Bad Bergzabern ihre eigene kleine Werbeagentur, engagiert sich außerdem ehrenamtlich: Sie hält Vorträge in Kliniken und Rehazentren, berät Firmen und Institutionen wie die Bundespolizei, die Menschen mit Handicap beschäftigen. Auch Reiten geht sie wieder, schwierig sei nur, allein aufs Pferd zu kommen. Eine Sonderbehandlung will sie trotzdem nicht. „Ich bin ein ganz normaler Mensch – mir fehlt nur ein Stück“, sagt Jacqueline. Wie schwer sich andere Menschen damit tun, hat die Bergsteigerin selbst erlebt, wenn Sponsoren sie unterstützen, aber kein Foto mit ihr veröffentlichen wollen.

Im Winter verfolgt Jacqueline inzwischen ein neues Ziel: Skitouren gehen – mit selbstgebauten Krücken, die auch auf Schnee und Eis halten. Muss das denn sein, werden wieder Einige fragen. Ja, es muss, auch wenn es manchmal mühsam ist, antwortet Jacqueline. „Wir kennen unsere Grenzen oft nicht, wissen nicht, was alles geht“, sagt Jacqueline.

Icon: Bildschirm mit Playpfeil in der Mitte.

Videos zu Jacqueline Fritz

Der BR hat Jacqueline Fritz auf einer Skitour begleitet: BR Reportage

Im Interview mit der SWR Landesschau Rheinland-Pfalz erzählt Jacqueline Fritz von ihrer Alpen-Überquerung: SWR Interview

Auf der Website von RTL gibt es ein kurzes Porträt der Sportlerin: RTL Porträt

"Es muss nicht jeder über die Alpen laufen, es kann auch was Kleines sein."

Sie möchte zeigen, was auch mit Handicap möglich ist. „Es muss nicht jeder über die Alpen laufen, es kann auch was Kleines sein.“ Menschen mit Handicap sollten für ihre Interessen eintreten, das sei ihr wichtig, genauso wie Berührungsängste abzubauen zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Im Sport funktioniert das besonders gut, findet Jacqueline, die sich auch ehrenamtlich engagiert. Als Klettertrainerin will sie ihr Wissen weitergeben und gehandicapte Jugendliche an den Sport heranzuführen. Die Ausbildung absolviert sie gerade.

Zurück in Tirol, auf dem 2249 Meter hohen Mittagkopf, wo es inzwischen kurz vor Sechs in der Früh ist und endlich das metallene Gipfelkreuz in Sichtweite kommt. Wolken fetzen über den Himmel, während Jacqueline das letzte Stück über Felsplatten und Geröll steigt. Oben angekommen lehnt sie sich auf ihre Krücken. „Man muss einfach machen, worauf man Lust hat“, sagt Jacqueline, als die ersten Sonnenstrahlen über die Bergspitzen leuchten, „man lebt nur einmal.“ (Text: Katrin Groth)

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