Traut euch!

Benjamin Piwko, 39, ist Kampfsportler, Schauspieler und tanzte in der TV-Show „Let’s Dance“. Im Alter von acht Monaten verlor er sein Gehör durch eine Infektion. Er möchte dazu beitragen, dass Hörende und Gehörlose sich besser verstehen lernen.

Der 39-jährige Benjamin Piwko sitzt entspannt mit Tasse in der Hand auf einem Sofa in einer Hotellobby Fotos: Jan-Christoph Hartung

Benjamin Piwko in der Lobby eines Berliner Hotels, in dem das Gespräch für diesen Beitrag stattfand.

Seit Wochen reist Benjamin Piwko mit der „Lets Dance“-Live-Tour durch Deutschland. Jetzt hat er sich doch noch die fiese Erkältung geholt, die unter den Tänzer*innen grassiert. In wenigen Stunden soll er in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin tanzen und hofft inständig, dass er die Show durchhält. Er lässt sich in einen Sessel fallen und erzählt, trotz allem fröhlich, von der Apothekerin, die ihm gerade einen Haufen Vitamintabletten verkauft hat: „Als sie gemerkt hat, dass ich gehörlos bin, hat sie mit mir Pantomime gemacht, um mich beraten zu können. Das fand ich toll!"

Hauptsache man probiert es

Intuitiv hat diese Apothekerin damit genau das getan, was Benjamin sich von allen Menschen im Umgang mit Gehörlosen wünschen würde: Sie hat ihre Hemmungen überwunden und mit Händen und Füßen gesprochen, ohne zu wissen, wie das richtig geht. „Viele Hörende trauen sich so etwas leider nicht“, bedauert Benjamin. „Dabei stört es mich überhaupt nicht, wenn jemand die Gebärdensprache nicht kann. Die Hauptsache ist doch, dass man es irgendwie probiert! Ich kann ja auch nicht perfekt sprechen.“

Während er mit den Händen erzählt, gehen sein Körper und die Mimik ausdrucksvoll mit. Dazu artikuliert er die Wörter mit leiser Stimme. Sein Blick ruht dabei unverwandt auf Mund und Augen des Gegenübers. „Den meisten Hörenden ist dieser direkte Blickkontakt unangenehm“, sagt er, „aber für uns Gehörlose ist er ganz normal. Wenn man sich in die Augen schaut, redet man übrigens auch nicht so viel Quatsch, sondern kommt gleich auf die wichtigen Dinge zu sprechen.“ Die nonverbale Kommunikation sagt ihm fast ebenso viel wie die Gebärden oder Worte des anderen. Weil ihm der Hörsinn fehlt, nimmt Benjamin auch feinste Nuancen im Verhalten seiner Gesprächspartner*innen wahr und fühlt sich in ihre Stimmungen ein.

Obwohl er merklich angeschlagen ist, lächelt er viel an diesem grauen Nachmittag, wirkt selbstbewusst und in sich ruhend. Dabei waren die letzten Jahre nicht einfach für ihn. Er hat seine Mutter und einen Freund verloren. Nach einer Lungenembolie musste er 2016 sein Kampfsport-Studio in Hamburg aufgeben. Er spielte zwar in einem „Tatort“-Krimi mit, hing danach aber beruflich lange in der Luft. Im Frühjahr 2019 stieg er schließlich als Kandidat in die diesjährige Staffel der RTL-FernsehshowLet’s Dance ein. Derzeit ist er Publikumsliebling der zugehörigen Live-Tour, gemeinsam mit seiner Tanzpartnerin Isabel Edvardsson. Während der Shows muss er Isabels Füße ständig im Auge behalten, weil er seine eigene Schrittfolge von ihrer ableitet. Nur so schafft er es, im Takt der Musik zu tanzen, die er nicht hören kann.

Der Brückenbauer

Benjamin möchte aufklären und Brücken bauen: „Ich wünsche mir, dass Hörgeschädigte und Hörende sich näherkommen, anstatt bei ihren Vorurteilen zu bleiben. Die Leute sind schon viel offener mit mir geworden, seit ich im Fernsehen bei „Let‘s Dance“ und in Talk Shows etwas über den Umgang mit Gehörlosigkeit erzählt habe.“ Man würde ihn inzwischen auch nicht mehr ganz so oft für blöd halten, ergänzt er, sondern schneller begreifen, dass er nur nicht hören kann. Trotzdem sieht er noch viele Hürden, die er gerne niederreißen würde: Er wünscht sich eine flächendeckende Untertitelung im deutschen Fernsehen, damit Gehörlose endlich barrierefrei daran teilhaben können. Außerdem, findet er, müssten die Bildungschancen gehörloser Menschen weiter verbessert werden, insbesondere der Erwerb der Schriftsprache – wofür die Untertitelung ein wichtiger Schritt sei.

Benjamin ist gehörlos geworden, bevor er sprechen konnte. Dass er trotzdem von den Lippen liest und Wörter artikulieren kann, ist ungewöhnlich. Gelernt hat er es unter harten Bedingungen. Als kleines Kind verbrachte er mit seiner Mutter vier Jahre bei einer bekannten Audio-Pädagogin in der Schweiz, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, gehörlosen Menschen das Sprechen beizubringen – damit sie sich, so ihre Annahme, besser in die Gesellschaft integrieren könnten.


Buchtipp

Coverseite des Buchs "Man hört nur mit dem Herzen gut" von Benjamin Piwko

Er ist Kampfsportmeister, Schauspieler und Tänzer: Benjamin Piwko, der durch eine Infektion mit acht Monaten gehörlos wurde, hat viele Talente. Im November 2019 ist sein erstes Buch erschienen. Es trägt den Titel "Man hört nur mit dem Herzen gut" und ist eine Art persönliches Sachbuch über zwischenmenschliche Kommunikation. Kurzweilig beschäftigt sich Piwko darin mit den Chancen und Missverständnissen zwischenmenschlicher Kommunikation: Er erklärt, warum der Blickkontakt für Gehörlose so wichtig ist, verrät, was die Körpersprache über einen Menschen aussagt und gewährt Einblicke in sein Privatleben. Hinzu kommen praktische Übungen. Wer noch nicht näher mit gehörlosen Menschen in Berührung gekommen ist, erfährt viel Neues.

Man sieht nur mit dem Herzen gut
Mosaik-Verlag, 237 Seiten, 16 Euro
ISBN-13: 9783442393688


Benjamin Piwko lehnt lässig an einem Baum in einem Park

"Kommunikation" sollte Pflichtfach in der Schule sein

Auf seinem Handy zeigt er ein Video aus dem Unterricht. Die Pädagogin und der zweijährige Benjamin wiederholen darin ununterbrochen den Satz: „Ich will Kirschen pflücken.“ Die Frau redet laut und übertrieben artikuliert, drückt Benjamins Händchen auf ihren Kehlkopf und stößt dabei ihren Zeigefinger und Mittelfinger in den Mund des verängstigt wirkenden Kleinen.

Der Anblick ist zutiefst verstörend. „Das ist bei Weitem nicht das schlimmste Video“, sagt Benjamin. „Oft wusste ich vor Angst nicht mehr aus, noch ein.“ Er ist der Ansicht, dass ihm damals Gewalt angetan wurde. Auch die Gebärdensprache, heute sein hauptsächliches Ausdrucksmittel, lernte er dadurch erst mit 14 Jahren.

„Ich würde viel lieber nicht sprechen und von den Lippen lesen können, als diese Erfahrung gemacht zu haben“, sagt er mit Nachdruck. „Deshalb finde ich es vollkommen ausreichend, wenn gehörlose Kinder die Gebärdensprache lernen und sich nicht unnötig quälen müssen.“ Liebend gerne aber würde er das Pflichtfach „Kommunikation“ in den Schulen einführen – damit man früh lernt, sich freundlich und respektvoll zu verständigen, in allen Lebensbereichen und mit allen Menschen, so verschieden sie auch sind. „Wenn dieses Fach kommt, gehe sogar ich noch mal gerne in die Schule“, sagt Benjamin. Hustet und lacht.

Benjamin hat uns seine Geschichte erzählt

Benjamin Piwko beim Interview in einem Hotelzimmer

Wir haben im August über unsere Webseite unsere Leser*innen dazu aufgerufen, uns ihre Geschichten zu erzählen – zu ihren eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung, Hürden oder Barrieren im Alltag oder ihr eigenes Engagement für Inklusion von Anfang an.

Benjamin hat sich bei uns gemeldet, seine Geschichte erzählt und davon berichtet, wie er sich dafür einsetzt, dass Hörende und Gehörlose Wege finden miteinander zu kommunizieren. Du hast selbst eine Geschichte, die du mit anderen teilen willst? Dann schreib uns und sei als #Inkluencer mit dabei, um Barrieren in den Köpfen abzubauen!

Schicke uns deine Geschichte!

Noch mehr Geschichten

Die Reise-Bloggerin Simone L. in ihrem Rollstuhl vor einer grünen Hecke.

Reisetipps für Rollstuhlfahrer

Simone ist Bloggerin und sitzt im Rollstuhl. Am liebsten schreibt die quirlige Stuttgarterin über ihre Reisen. Mit ihren Erfahrungen macht sie anderen Rollstuhlfahrern Mut.

Simones Geschichte lesen
Ein Porträtfoto von Ina.

Schwanger im Rollstuhl?

Als Ina erfuhr, dass sie schwanger ist, konnte sie es erst nicht glauben. Glückwünsche gehören vermutlich zu den typischen Reaktionen. Doch stattdessen legte der Arzt ihr nahe, sich zu überlegen, ob sie das Kind behalten möchte.

Inas Geschichte lesen