Wenn Menschen mit Behinderung die Vorbilder fehlen

Ich bin Dani und seit mehr als sechs Jahren gehe ich ohne Füße, dafür aber mit zwei Beinprothesen durch die Welt. Ich liebe es, neue Dinge auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Auf Reisen rund um den Globus entdecke ich gerne die Vielfalt von Menschen und Kulturen – davon konnte mich auch die Amputation meiner beiden Beine nicht abhalten.

Daniela sitzt auf einer Steinmauer und lächelt.

Auf der Suche

Allerdings war der Weg dorthin alles andere als einfach, denn mir fehlten Vorbilder, die öffentlich über ihre Lebens- und Reiseerfahrungen mit Schwerbehinderung berichteten. Mein lebensveränderndes Jahr war 2013. Die Amputation war eine Folge einer HIT Typ II-Erkrankung und der damit einhergehenden Sepsis. Mein Körper reagierte wie mit einem allergischen Schock auf Bestandteile des Medikaments Heparin, das mir verabreicht wurde. Daraufhin bildeten sich Antikörper. Heparin wurde mir aufgrund einer akuten Venenentzündung verschrieben. Als Nebenerkrankung bildeten sich Thrombosen und meine Beine wurden nicht mehr mit Blut versorgt, dadurch kam es zu einer Blutvergiftung, die lebensbedrohlich war und die Amputation war meine einzige Überlebenschance.

Daniela zeigt das Cover des Magazins, auf dem Amy Purdy, ihr Vorbild, abgebildet ist.

Lange war nicht klar, ob ich überleben würde und ich verbrachte fast ein ganzes Jahr durchgehend in Krankenhäusern. Als ich das Schlimmste überstanden hatte und auf dem Weg der Besserung war, fing ich an, nach Menschen zu suchen, die Ähnliches durchgemacht hatten. Denn ich wollte mein Leben wieder in Angriff nehmen, die Welt bereisen und mich wieder frei und unabhängig fühlen. Teilweise fehlte mir jedoch die Vorstellungskraft, wie ich das alles bewältigen sollte. Meine Suche nach Vorbildern war sehr ernüchternd.

Erstes Vorbild auf dem Magazin-Cover

Eines Tages brachte mir mein Bruder eine Zeitschrift mit ins Krankenhaus – auf dem Cover war Amy Purdy abgebildet. Sie war die erste Frau ohne Füße, mit der ich mich identifizieren konnte. Sie war in meinem Alter, war aufgrund einer schwerwiegenden Erkrankung beidseitig unterschenkelamputiert, liebte das Tanzen, Reisen und Mode ebenso wie ich. Und sie gründete einen Verein, dessen Aufgabe es ist, jungen Menschen mit Amputation zu helfen, wieder aktiv am Leben teilzunehmen.

Ich recherchierte zu ihr im Internet und las ihr Buch, das sie über ihren Kampf zurück ins Leben geschrieben hatte. Es ersetzte aber nie den persönlichen Kontakt für mich. Diesen Kontakt fand ich erst, als ich vom Akutkrankenhaus in die Reha verlegt wurde. Der persönliche Austausch mit anderen, teilweise schon langjährig amputieren Anwendern half mir, mit meinen Herausforderungen viel besser klar zu kommen. Zum Beispiel bekam ich von ihnen Praxistipps im Umgang mit Druckstellen oder Infos, auf was ich beim Schuhkauf zukünftig achten sollte.

Als Peer für andere da sein

Diese positiven Erfahrungen führten dazu, dass ich mich seit einigen Jahren ehrenamtlich für das Projekt "Peers im Krankenhaus" engagiere. Hierbei beraten Menschen, die selbst von einer Amputation betroffen sind, Patienten, die die Amputation noch vor sich haben. Bei einem ersten Beratungsgespräch gibt es die Möglichkeit, über Sorgen und Ängste zu sprechen und auf den Erfahrungsschatz des Peers zurückzugreifen. Unser Peer-Netzwerk agiert deutschlandweit, nur leider machen wir die Erfahrung, dass Kliniken unser Angebot nur zögernd annehmen, wobei dies doch so wichtig für den Einzelnen sein kann.

Natürlich gibt es auch Patienten, die den persönlichen Kontakt erstmal scheuen, für diejenigen habe ich vor zwei Jahren meinen Blog "Perspektivenwechsel mit Prothesen" ins Leben gerufen. Meine Internetseite soll eine Anlaufstelle für Menschen sein, die wie ich damals das Netz nach ersten Informationen nach einer Amputation durchforsten. Dort finden die Leser neben meiner persönlichen Geschichte auch viele Erfahrungsberichte rund um Themen, die ein Leben mit Amputation mit sich bringt.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass noch mehr Menschen mit Behinderung ihre Geschichten öffentlich teilen und damit möglicherweise ein Vorbild sein können – für Betroffene, denen die Vorstellungskraft fehlt, was für ein großartiges Leben sich einem bieten kann, auch ohne Füße.

Daniela hat uns ihre Geschichte erzählt

Ein Bild von Daniela mit ihren Prothesen. Eine der Prothesen steht vor ihr.

Wir haben im August über unsere Webseite unsere Leser*innen dazu aufgerufen, uns ihre Geschichten zu erzählen – zu ihren eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung, Hürden oder Barrieren im Alltag oder ihr eigenes Engagement für Inklusion von Anfang an.

Daniela hat sich bei uns gemeldet, ihre Geschichte erzählt und davon berichtet, wie sie selbst zum Vorbild für viele andere geworden ist. Du hast selbst eine Geschichte, die du mit anderen teilen willst? Dann schreib uns und sei als #Inkluencer mit dabei, um Barrieren in den Köpfen abzubauen!

Schicke uns deine Geschichte!

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