Erfolgsstrategie: Über Projektgrenzen hinaus denken

Nordstadt.Mehr.Wert: Ein Stadtteil wird inklusiv

Menschen sitzen unter einer Holzkuppel.

Die Hildesheimer Nordstadt ist das, was man landläufig einen „Problemstadtteil“ nennt. Hier sind mehr als doppelt so viele Menschen arbeitslos wie in anderen Stadtteilen. Auch gibt es doppelt so viele arme Kinder wie in anderen Vierteln. Etwa 100 verschiedene Nationalitäten leben auf engem Raum.

Deshalb hat Frank Auracher von der Lebenshilfe Hildesheim das Projekt Nordstadt.Mehr.Wert ins Leben gerufen. Ziel: den Austausch zwischen den Bewohner*innen des Stadtteils fördern. Und die Nordstadt zu einem Viertel machen, in dem sich alle wohl fühlen und die gleichen Chancen haben. Unterstützt haben ihn sein Projektträger, die Lebenshilfe Hildesheim, und Jutta Rübke, damals Mitglied des Landtags in Niedersachsen. Von 2012 bis 2015 hat die Aktion Mensch das Projekt mit mehr als 97.000 Euro gefördert.

Männer und Frauen stehen und sitzen an einem Brunnen und halten Spielzeuge in der Hand.

Ein Netzwerk aus Bürger*innen, Stadtverwaltung und Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren schon viel bewirkt: Lebendige Plätze sind entstanden, Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen wie Sauberkeit, Feste und Feiern oder Begegnung geben Anregungen an den Stadtrat weiter. Bei Freizeitangeboten wie einem Stadtteilfrühstück oder einem Gospelchor können Bewohner*innen einander begegnen.

Für solche Angebote sind feste Gruppenräume und Treffpunkte sehr wichtig. Um Begegnungsräume bauen zu können, bemühte sich Projektleiter Auracher schon vor Ende des Förderzeitraums um eine Anschlussförderung. Der Hildesheimer Oberbürgermeister und ein Teil des Stadtrats unterstützten ihn. So ist es ihm gelungen, mit dem Projekt in das Städtebauförderprogramm „Soziale Stadt“ zu kommen. Das wird von Bund, Land und Stadt finanziell unterstützt.

Ein 2017 gegründeter Verein ist seitdem das Aushängeschild für Inklusion im Stadtteil. Durch die Förderung „Soziale Stadt“ gibt es finanzielle Unterstützung für Bauprojekte: ein Kultur- und Bildungszentrum, die Sanierung einer Sporthalle und eine Erweiterung des Familienzentrums. An den Baukosten beteiligen sich auch zwei Wohnungsbaugesellschaften und die lokale Sparkasse. 

Das anfängliche angebotsorientierte Quartiers-Projekt hat sich zu einem Sozial-Programm für den gesamten Stadtteil erweitert. Ein weiterer Erfolg: Die Stadt Hildesheim hat einen dauerhaften Förderbetrag für das Projekt Nordstadt.Mehr.Wert in den Haushalt aufgenommen.

Nachgefragt bei Frank Auracher, hauptamtlicher Koordinator des Projekts Nordstadt.Mehr.Wert

Ein Portraitfoto von Frank Auracher

Was waren Ihre Schritte, um mit dem Projekt ins Förderprogramm „Soziale Stadt“ zu kommen?

Wichtig war, mit einer Gruppe an Akteuren, Stadtteilbewohnerinnen und -bewohnern und dem Ortsbürgermeister den damals neu gewählten Hildesheimer Oberbürgermeister einzuladen. Wir haben ihn bei dem Treffen sehr genau über den Stand unserer Arbeit informiert. Dabei haben wir auch betont, dass wir dringend weitere Unterstützung brauchen: Um mehr Gebäude für das Projekt zu bauen, die Infrastruktur zu verbessern und um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bezahlen.

Im Stadtrat haben auch andere Politikerinnen und Politiker unsere Pläne unterstützt. Sie haben bei den Wohnungsbaugesellschaften und bei der Sparkasse finanzielle Unterstützung für unser Projekt organisiert.

Die Finanzierung über das Städtebau-Förderprogramm „Soziale Stadt“ ist jetzt in die Verlängerung bis 2025 gegangen. Was möchten Sie bis dahin erreichen?

Dass die Förderung verlängert wird, hat uns sehr erleichtert, denn im Moment könnte der 2017 gegründete Stadtteilverein Nordstadt.Mehr.Wert noch nicht auf eigenen Beinen stehen. Zwar konnte er, unabhängig von der „Sozialen Stadt“, eine sogenannte Stadtteil-Aktivkasse aufbauen, um kleine nachbarschaftliche Projekte zu fördern. Der ehrenamtlich geführte Verein wäre aber noch bei weitem überfordert von der Umsetzung der nötigen Baumaßnahmen.

Wir haben seit 2013 vieles angestoßen, das nun noch verstetigt werden muss. Zum Beispiel die Arbeit der einzelnen Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern. Die Bauprojekte, die von den diversen Geldgebern finanziert werden, sind alle in der Planung. Zusätzlich zu diesen neuen oder sanierten Gebäuden sollen Straßen umgebaut, Radwegeverbindungen und Schulwegsicherheit verbessert und Spiel- und Sportflächen im Umfeld einer Kindertagesstätte neu angelegt werden.

Und nach 2025 kommt Nordstadt.Mehr.Wert ohne weitere Fördergelder aus?

Es kann gut sein, dass wir dann keine weiteren Investitionen tätigen können. Bis dahin ist aber auch alles fertig gebaut. Der Stadtteilverein könnte die Angebote pflegen und verwalten. Und weiterhin dafür sorgen, dass es aktive Arbeitsgruppen von Bürgerinnen und Bürgern gibt. Eine zentrale Koordinationsstelle für das Netzwerk sollte bestehen bleiben: Denn die Hildesheimer Nordstadt wird auf lange Sicht die Rolle eines Ankunftsortes und damit des zentralen Integrationsortes in der Stadt beibehalten. Damit wird es langfristig nötig sein, dass eine hauptamtliche Stelle das Projekt begleitet. Die kann natürlich auch bei der Stadt oder einem anderen Träger angegliedert werden. Durch unsere bisherige Arbeit ist es uns bereits gelungen, der Stadt deutlich zu machen, dass sie hier eine besondere Verantwortung trägt: Ein dauerhaft in den Etat der Stadt aufgenommener Förderbetrag für das Projekt Nordstadt.Mehr.Wert beweist diese veränderte Haltung in der Sozialpolitik.

Kontakt: Frank Auracher, , Tel: 05121 - 281 63 11