Menschen für selbstbestimmte Teilhabe stärken

Sechs Frauen und ein Mann stehen für Gruppenbild zusammen. Die Frau in der Mitte sitzt in einem E-Rolli.

Empowerment für alle

Empowerment ist eine wichtige Voraussetzung für eine inklusive Gesellschaft. Empowert sein bedeutet: gestärkt und selbstbewusst sein, das Leben in die eigene Hand nehmen und Verantwortung übernehmen. Es bedeutet auch: an der Gesellschaft teilhaben – beispielsweise an Freizeit- und Kulturangeboten oder an politischen Prozessen. Wer empowert ist, kann auch andere Menschen dafür begeistern, ihr Leben selbstbewusster in die Hand zu nehmen.

Ein Ziel bei Kommune Inklusiv: Alle Menschen lernen mehr über ihre Stärken und ihre Fähigkeiten. Sie werden sich bewusst darüber, wie sie sich in das Projekt oder in die Stadt- oder Dorfgesellschaft einbringen können und möchten. Das gilt für Menschen aus den Zielgruppen genauso wie für Profis und Entscheider*innen.

Weshalb Empowerment für alle Menschen vor Ort wichtig ist, welche Methoden es gibt und warum Partizipation und Empowerment immer zusammengehören, lesen Sie in diesem Kapitel.

Das empfiehlt die Aktion Mensch:

  • Machen Sie sich während des Projekts immer wieder bewusst: Empowerment ist die Voraussetzung für Partizipation – und Ihr Projekt kann nur mit Partizipation Erfolg haben.
  • Empowern Sie alle Menschen, die sich in Ihrem Projekt engagieren und die Sie mit Ihrem Projekt erreichen möchten. Bieten Sie beispielsweise Empowerment-Seminare für alle Bürger*innen an.
  • Machen Sie Bürger*innen stark für einen Austausch auf Augenhöhe mit Profis und Entscheidungsträger*innen.
  • Machen Sie Entscheider*innen und Profis, die sich in Ihrem Projekt engagieren, stark für einen Austausch auf Augenhöhen mit den Bürger*innen.
  • Es gibt viele Methoden für Empowerment und Partizipation. Für jede gilt: Die Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten müssen gehört und berücksichtigt werden.

Wer empowert ist, kann aktiv werden 

Ein Grundprinzip von Empowerment ist: Menschen nicht als hilfsbedürftig ansehen – sondern ihren Blick auf ihre Fähigkeiten und Stärken zu lenken. Der US-amerikanische Psychologe Julian Rappaport definierte Empowerment in den 1980er Jahren als „ressourcenorientierte Denkweise und Lebenshaltung“. Unter anderem auf Rappaport geht der Empowerment-Ansatz in der Sozialarbeit zurück. Der Psychologe schrieb in einem Buch 1984: Empowerment ist ein Prozess, durch den Menschen, Organisationen und Gemeinschaften Kontrolle über ihr eigenes Leben erhalten.

In Deutschland haben Sozialwissenschaftler*innen verschiedene Ebenen des Empowerments definiert. 

Persönliche Ebene: Selbstvertrauen gewinnen und das eigene Leben selbstbestimmt gestalten

Menschen lernen, welche Stärken sie haben und dass sie mehr können, als sie dachten. Sie entwickeln Selbstvertrauen und treffen eigene Entscheidungen. Sie lernen, für ihre Bedürfnisse und Wünsche einzutreten. Sie erkennen, dass sie selbst für ihr Leben verantwortlich sind. Das bedeutet beispielsweise, dass sie sich Problemen stellen und wissen: Ich kann diese Herausforderungen lösen. Persönliches Empowerment bedeutet auch zu wissen, wo es Unterstützung gibt: im Freundes- und Bekanntenkreis, in Selbsthilfegruppen, Initiativen oder bei Behörden. Persönliches Empowerment ist für alle Menschen wichtig. Denn jede*r von uns gerät mal in eine persönliche Krise, in eine herausfordernde Situation oder einfach an einen Punkt, an dem er oder sie etwas im Leben ändern möchte. Persönliches Empowerment ist außerdem eine wichtige Voraussetzung für gemeinschaftliches und politisches Engagement.

Gemeinschaftliche Ebene: Sich als Gruppe verstehen und aktiv werden

Empowerment-Prozesse finden oft in Gruppen statt. In einer Gruppe lernen sich die Teilnehmer*innen gegenseitig kennen und fassen Vertrauen zueinander. Sie lernen, sich selbst und andere besser zu verstehen. Das sind Voraussetzungen dafür, sich gegenseitig zu unterstützen und zu bestärken. Wer sich verstanden und gewertschätzt fühlt, ist eher bereit, sich für andere einzusetzen. Das gilt für alle Menschen: für Menschen mit Behinderung oder in schwierigen Lebenslagen ebenso wie für Fachleute aus der Sozialarbeit und Entscheider*innen aus Wirtschaft und Politik.

Empowerment auf der gemeinschaftlichen Ebene heißt auch: ermutigt sein, sich mit anderen Menschen zusammenschließen und sich in der Gruppe für die eigenen Interessen und für die Interessen anderer einzusetzen. Es bedeutet, sich zu organisieren, beispielsweise in Selbsthilfegruppen, in Vereinen, in ehrenamtlichen Initiativen. Empowerment hilft beim Engagement für die eigene Nachbarschaft und in einer sozialen Gemeinschaft (Community) oder beim Einsatz für bessere Bedingungen am Arbeitsplatz.

Politische Ebene: Politisch aktiv werden

Menschen, die sich gestärkt fühlen und selbstbestimmt leben, sind auch eher politisch aktiv. Politische Teilhabe bedeutet hier mehr als an Wahlen teilzunehmen. Politisches Empowerment und politische Partizipation helfen Menschen, sich für bessere Lebensbedingungen in ihrem Viertel, ihrer Stadt oder Gemeinde einzusetzen. Sie sind befähigt und ermutigt, politische Entscheidungen zu beeinflussen. So können sie ihr Lebensumfeld mit gestalten.

Institutionelle Ebene: Einrichtungen verändern sich

Das Ziel des Empowerments auf institutioneller Ebene: Soziale Einrichtungen, kommunale Verwaltungen und Politik erkennen, dass Partizipation gut und sinnvoll ist. Sie schaffen Möglichkeiten für alle Menschen, als Expert*innen in eigener Sache in einem Projekt oder in einem Gremium zu partizipieren. Sie sind ermutigt, die Interessen der Menschen in ihre Arbeit und ihre Entscheidungen einzubeziehen. Das kann beispielsweise heißen: Soziale Einrichtungen und soziale Projekte garantieren Menschen aus ihren Zielgruppen selbstverständlich Partizipation, beispielsweise bei der Entwicklung und der Evaluation von Angeboten. Institutionelles Empowerment kann dazu führen, dass die Institutionen sich in ihren Grundstrukturen ändern und offen werden für die Bedürfnisse und Sichtweise aller Menschen.

Mehr darüber lesen, warum Partizipation so wichtig ist 

 

 

 

Ein Mann und eine Frau stehen neben Bücherregalen in denen Bücher in Leichter Sprache liegen

Erfahrungen aus den Modellkommunen

Den Akteur*innen bei Kommune Inklusiv ist es wichtig, alle Menschen in den Modellkommunen für Teilhabe und Partizipation zu stärken. Dafür finden beispielsweise in allen Modellkommunen Empowerment-Seminare statt. Die Seminare machen die Teilnehmer*innen an mehreren Terminen nach und nach stark dafür, sich für ihre Interessen einzusetzen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Persönliches Empowerment

Cathrin Öhler aus der Verbandsgemeinde Nieder-Olm wurde im Empowerment-Seminar darin bestärkt, einen neuen Job zu finden. Sie hatte fast 15 Jahre in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gearbeitet. Heute ist sie als Hauswirtschaftshilfe in einer Kindertagesstätte beschäftigt. Außerdem leitet sie eine Freizeitgruppe für Kommune Inklusiv. Öhler sagt: „Ich bin nicht mehr so zurückhaltend, offener geworden, trau mir auch mehr Sachen zu als vorher.“

Mehr über Cathrin Öhler erfahren

Sich als Gruppe verstehen

In der Modellkommune Schwäbisch Gmünd fanden Empowerment-Seminare für alle Bürger*innen statt. Teilnehmer*innen mit und ohne Behinderung erzählen, dass sie anfangs skeptisch waren und Berührungsängste hatten. Während des Seminars wuchsen sie als Gruppe zusammen und lernten sich gegenseitig schätzen. Sie haben heute weiterhin Kontakt, unterstützen sich gegenseitig und engagieren sich bei Kommune Inklusiv.

Mehr über die Modellkommune Schwäbisch Gmünd erfahren

Politisches Empowerment

Claudia Kaube aus der Modellkommune Schneverdingen fand in einem Empowerment-Seminar Kraft und Selbstvertrauen wieder. Nachdem bei ihr eine chronische Krankheit festgestellt worden war, hatte sie zunächst ihre Zuversicht verloren. Heute arbeitet sie unter anderem in der Steuerungsgruppe von Kommune Inklusiv in Schneverdingen mit. Außerdem setzt sie sich für mehr Barrierefreiheit in der Kommune ein.

Mehr über Claudia Kaube lesen

Neue Perspektiven gewinnen

In Empowerment- und Partizipations-Prozessen können auch Profis viel lernen: Wissenschaftlerin Annika Frahsa spricht im Interview von einem neuen Blick, den Entscheider*innen gewinnen können.

Rolf Weinreich hat diese Erfahrung gemacht.  Er ist Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion in der Modellkommune Schneverdingen und auch Vorsitzender der Steuerungsgruppe von Kommune Inklusiv. In der niedersächsischen Stadt müssen unter anderem Bushaltestellen barrierefrei umgebaut werden. Verwaltung und Politik haben gemeinsam mit Menschen mit Behinderung eine Begehung am zentralen Busbahnhof ZOB gemacht. Die Frage war: Wie muss diese Haltestelle umgebaut werden?

Bei der Begehung habe er zwei Dinge gelernt, so Weinreich. „Erstens: Abgesenkte Bordsteine sind nicht für alle Menschen ein Traum.“ Sie helfen zwar Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator. Doch für Menschen mit Sehbehinderung sind sie ein Risiko: Mit einem Stock können sie nicht den Übergang zur Straße ertasten. „Zweitens: Der Unterstand für wartende Fahrgäste an der Bushaltestelle und das Schild mit dem Fahrplan sind zwar eigentlich ein guter Service – aber für Menschen im Rollstuhl oder mit Rollator ein Hindernis“, sagt Weinreich. „Unterstand und Schild sind auf dem begehbaren und erhöhten Bordstein so platziert, dass die Menschen nicht problemlos vorbeikommen, wenn sie in den Bus einsteigen wollen.“ Weinreich will sich dafür einsetzen, dass an Begehungen immer Menschen mit Behinderung als Expert*innen teilnehmen. „Es ist unerlässlich, dass Personen dabei sind, die sich mit Barrierefreiheit besser auskennen als ich. Nur sie können die Frage beantworten, wie wir es besser machen sollten.“ 

Weinberg bei Nieder-Olm
Eine Gruppe von etwa 20 Menschen hört dem Vortrag eines Mannes zu.

Empowerment und Partizipation

Damit Inklusion in der Gesellschaft selbstverständlich wird, braucht es den Einsatz aller Menschen vor Ort. Manche Menschen brauchen Ermutigung oder Unterstützung, damit sie an Partizipationsprozessen teilnehmen können.