Rolle der Prozessbegleitung

Der hilfreiche Blick von außen

Ein Mann im Rollstuhl sitzt vor einer Gruppe von Menschen und hält einen Vortrag.

Im Modellprojekt der Aktion Mensch unterstützen Prozessbegleiter*innen die Netzwerke in den fünf Kommunen Schneverdingen, Schwäbisch Gmünd, Erlangen, Rostock und Nieder-Olm. Sie sind erste Ansprechpartner*innen für die Projektleiter*innen und beraten die Netzwerk-Partner*innen: beispielsweise dazu, wie sie vor Ort ihr Netzwerk am besten aufbauen und wie sie zusammenarbeiten, damit das Projekt Erfolg hat.

Warum eine Prozessbegleitung ein Gewinn für jedes Inklusionsprojekt ist und wie sie sich organisieren lässt, lesen Sie hier.

Empfehlungen der Aktion Mensch:

  • Lassen Sie Ihr Inklusionsprojekt von Berater*innen begleiten: Das kann eine Prozessbegleitung sein oder eine wissenschaftliche Begleitung mit beratender Funktion.

  • Planen Sie die professionelle Begleitung von Anfang an finanziell und strategisch ein.

  • Klären Sie zu Projektbeginn gemeinsam mit der Prozessbegleitung, welche Rolle sie erfüllen und welche konkreten Aufgaben sie übernehmen soll.

  • Falls keine professionelle Prozessbegleitung möglich ist: Planen Sie andere Überprüfungsmethoden ein. Beispielsweise einen Tag mit einer externen Moderation, an dem Sie den Stand Ihres Projektes gemeinsam reflektieren.

  • Denken Sie daran: Der Erfolg Ihres Projekts hängt nicht von der Anzahl der umgesetzten Maßnahmen ab. Sondern von einer guten Planung, einem klar strukturierten Netzwerk und Arbeitsprozessen sowie einer Aufgabenverteilung, die eindeutig auf Ihre Projektziele ausgerichtet sind.

Zsuzsanna Majzik und Thomas Kruse, Prozessbegleiterin und Prozessbegleiter im Modellprojekt Kommune Inklusiv im Interview

Ein Portraitfoto von Zsuzsanna Majzik. (c) matrix gmbh & Co. KG

Zsuzsanna Majzik

Im Auftrag der Aktion Mensch stehen Zsuzsanna Majzik und Thomas Kruse des Beratungsunternehmens matrix den fünf Modellkommunen als Berater*innen zur Seite. Ein Fazit aus der bisherigen Zusammenarbeit: Die besten Ergebnisse entstehen, wenn die Prozessbegleitung und die Akteur*innen vor Ort eine Herausforderung gemeinsam lösen.

Warum ist Ihrer Erfahrung nach eine Prozessbegleitung wichtig für Inklusionsprojekte?

Zsuzsanna Majzik: Ich war selbst elf Jahre lang in der Praxis tätig, habe unter anderem in der Stadt Erlangen soziale Projekte im Gesundheitsbereich geleitet. Dabei habe ich mitbekommen, welche Fehler immer wieder gemacht werden. Das fängt bei der Antragstellung an. Ein Projekt kann nicht nachhaltig erfolgreich sein, wenn Ziele, Zielgruppen und Maßnahmen so hingebogen werden, dass sie zu den Förderkriterien passen. Es führt auch nicht zu dauerhaften Veränderungen in der Gesellschaft, wenn in einem Projekt nur eine Maßnahme nach der nächsten umgesetzt wird, ohne dass sich Strukturen ändern. Hier können wir als Prozessbegleiterinnen und -begleiter den wichtigen Blick von außen liefern, Denkanstöße geben, den Finger auch mal in die Wunde legen.

Wie unterstützen Sie Projekte dabei, nachhaltig erfolgreich zu sein?

Zsuzsanna Majzik: Wir fördern neue Prozesse und Strukturänderungen: Nach und nach findet ein Umdenken im Projektmanagement statt. Es werden kooperative Erfolgsmethoden ausprobiert. Dabei begleiten und unterstützen wir die Kommunen. Soziale Träger, Vereine, Organisationen und Kommunalverwaltungen lernen, nicht mehr nur in Förderprogrammen zu denken. Sie nehmen das Heft selbst in die Hand und schauen, gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern, was die Menschen vor Ort wirklich brauchen. Kennen sie die Bedarfe, haben sie Antworten: Sie wissen dann, wie sie das Projekt aufstellen müssen, um diese Probleme zu lösen. Und genau dafür suchen sie Geldgeberinnen und Geldgeber. Diese partizipativen Methoden sind wichtig, damit sich eine Gesellschaft wirklich verändern kann. Wir helfen dabei, dass die Projektpartner*innen in den Kommunen diese Methoden kennen und dass sie sie anwenden können.

Thomas Kruse: Am Anfang steht meistens der Wunsch der Akteurinnen und Akteure, mit der Zielgruppe noch viel besser in Kontakt zu kommen und so die eigene Arbeit zu verbessern. Dabei ist klar: Damit sich die Lebensbedingungen für die Zielgruppe dauerhaft verbessern und die Arbeit somit nachhaltig erfolgreich ist, braucht die Zielgruppe Freiräume für Mitbestimmung und Selbstverantwortung. Sobald die Akteurinnen und Akteure vor Ort das anerkannt und gemeinsam beschlossen haben, startet unsere Zusammenarbeit. Wir zeigen auf, mit welchen Methoden sich dieser Prozess hin zu mehr Partizipation starten und umsetzen lässt, beispielsweise mit der Methode der kooperativen Planung. Wenn gewünscht, moderieren wir Treffen und Veranstaltungen im Rahmen des Prozesses. Der Prozess erfordert, dass wir mit den Akteuren im Gespräch bleiben, immer wieder darüber reden, wie weit sie sind. Es erfordert auch, alle Beteiligten zwischendurch mal zu motivieren, denn der Weg ist nicht immer ganz einfach. Zurzeit diskutiert die Arbeitsgruppe Gesundheit in der Modellkommune Nieder-Olm, mit der Methode der kooperativen Planung zu arbeiten. Die Zielgruppe hatte einige Angebote nicht so gut angenommen wie erhofft - nun möchte die Arbeitsgruppe die Zielgruppe von Beginn an beteiligen.

Wie sieht Ihr Alltag als Prozessbegleitung bei Kommune Inklusiv aus?

Zsuzsanna Majzik: Wir reisen sehr viel in die Kommunen, dann sind die Tage auch mal 14 Stunden lang. Denn es ist wichtig, dass wir uns ein Bild von der Situation und von den Prozessen vor Ort machen. Wir müssen den Sozialraum kennen lernen, in dem das Projekt wirken soll. Wir brauchen ein gutes Gefühl dafür. Die Reisetage wechseln sich ab mit etwas kürzeren Tagen im Homeoffice. An Homeoffice-Tagen telefoniere ich meistens insgesamt sechs Stunden, schreibe Statusberichte, tausche mich aus mit meinem Kollegen, stimme mich sehr eng mit der Kommune-Inklusiv-Projektleiterin bei der Aktion Mensch ab. Wir Prozessbegleiter reden entweder - und wenn wir nicht reden, dann schreiben wir. Für die Modellkommunen sind wir für bestimmte Themen und Belange erste Ansprechpartnerinnen und -partner. Von Kommune zu Kommune unterscheiden sich diese aber. Die einen brauchen mehr Unterstützung und fordern uns strategisch. Die anderen arbeiten sehr autark - da haben wir eher eine Backup-Funktion.

Ein Portraitfoto von Thomas Kruse. (c) matrix gmbh & Co. KG

Thomas Kruse

Wie bekommen Sie denn dieses gute Gefühl für die Kommune, die Sie begleiten?

Thomas Kruse: Wir gehen zum Beispiel vor Ort auf Veranstaltungen. Da bekommen wir gut mit, wie die Stimmung vor Ort ist. Unsere Hauptansprechpartnerinnen und -partner sind die Netzwerkkoordinatorinnen und -koordinatoren. Doch wir reden auch mit vielen anderen Akteurinnen und Akteuren, um ein noch genaueres Bild zu bekommen. Es ist wichtig, dass wir uns vor Ort mit möglichst vielen verschiedenen Menschen austauschen. Was wir auch machen: einfach einen „Google-Alarm“ zu Inklusionsthemen in den Kommunen einrichten. Uns also jeden Tag die aktuellen Nachrichten in einer Übersicht zuschicken lassen. So bekommen wir mit, was es an Inklusionsprojekten und -strukturen vor Ort gibt. Und können es vermeiden, parallel zu anderen Vereinen oder Institutionen an ganz ähnlichen Projekten zu arbeiten.

Was sind für Sie jeweils die größten Herausforderungen in dem Job?

Thomas Kruse: Mit der Rolle als Prozessbegleiter geht eine große Verantwortung einher. Ich stehe vor Ort im Wort. Ich entwickle mit den Akteurinnen und Akteuren das Konzept, bleibe bei der Umsetzung dabei und trage Mitverantwortung dafür, dass das Konzept funktioniert. Wenn ich einen Rat oder eine Empfehlung gebe, tue ich das auch aus persönlicher Überzeugung. Wenn etwas schief geht, müssen es die ausbaden, die ich beraten habe. Das ist schon ein herausfordernder Gedanke. Aber: Die Arbeit hat mit Menschen zu tun - das ist das Allerwichtigste und das motiviert mich.

Zsuzsanna Majzik: Für mich ist es eine Herausforderung, den Mittelweg zu finden zwischen Anregungen und Unterstützung geben und nicht zu viel Verantwortung übernehmen. Da ich selbst elf Jahre lang ähnliche Projekte geleitet habe, muss ich darauf achten, mich selbst zurückzunehmen, wenn es nötig ist. Meine Ansprechpartnerinnen und -partner entscheiden selbst, ob sie Ratschläge annehmen oder nicht, ob sie mich einbinden oder nicht. Wir Prozessbegleiterinnen und Prozessbegleiter wissen nicht immer alles besser, wir haben die Weisheit nicht mit Löffeln gegessen. Die besten Ergebnisse entstehen, wenn wir gemeinsam mit den Menschen in den Modellkommunen an einer Erkenntnis arbeiten.

Das leistet eine Prozessbegleitung

Eine Gruppe von etwa 20 Menschen hört dem Vortrag eines Mannes zu.

Prozessbegleiter*innen bringen den wertvollen Blick von außen aufs Projekt ein und können bei Konflikten vermitteln. Sie unterstützen die Projektleiter*innen in vielen Bereichen und können die Partizipation der Zielgruppen stärken.

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