Partizipation in Mölln
Selbstvertreter*innen gestalten die Stadt mit
Das Prinzip „Nichts über uns ohne uns“ setzt Mölln Inklusiv konsequent um. Menschen mit Behinderung haben als Selbstvertreter*innen von Beginn an mitentschieden und mitgestaltet – sie schrieben unter anderem das Leitbild von Mölln Inklusiv . Sie engagieren sich in allen Arbeitskreisen, organisieren Veranstaltungen und setzen sich politisch ein.
Vor der Gründung der Arbeitskreise Freizeit, Bildung, Arbeit, Mobilität und Digitalisierung haben die Netzwerkkoordinator*innen zehn Workshops organisiert. Die Teilnehmer*innen sagten, was sie sich von den Arbeitskreisen wünschen und welche Ideen sie haben.
Wichtig war den Selbstvertreter*innen zum Beispiel, dass sie in den Arbeitskreisen nicht nur reden, sondern viele Sachen ausprobieren. Denn erst dann können sie sagen, ob sie ein Angebot gut finden oder nicht, ob sie daran teilnehmen können oder ob Barrieren abgebaut werden müssen.
Die Teilnehmer*innen im Arbeitskreis Digitales testen nun beispielsweise kostenlose Apps, die den Alltag bereichern, Kommunikation unterstützen oder einfach Spaß machen. Im Arbeitskreis Freizeit überprüfen die Menschen Angebote darauf, ob alle teilnehmen können: Dafür machen sie bei Wandertouren oder Stadtspaziergängen mit, erkunden Mölln mit dem Fahrrad oder besuchen Konzerte. Im Anschluss geben sie Empfehlungen, wie die Angebote barrierefreier gestaltet werden können. Die Teilnehmer*innen des Arbeitskreises Mobilität organisieren Begehungen und überprüfen, wie barrierefrei Hotels, Bildungs- oder Freizeiteinrichtungen vor Ort sind.
Inklusion vor Ort Mölln
Diese Herausforderungen gab es:
Zu wenige engagierte Menschen ohne Behinderung: Die Netzwerkkoordinator*innen stellten zu Beginn fest: In manchen Arbeitskreisen nahmen zu wenige Menschen ohne Behinderung teil. Das Team von Mölln Inklusiv machte deshalb noch einmal stärker Öffentlichkeitsarbeit für das Projekt. Es veranstaltete unter anderem Inklusionsfeste in der Stadt und fand weitere Menschen, die sich engagieren.
Oft die gleichen Engagierten: In verschiedenen Arbeitskreisen engagierten sich außerdem oft die gleichen Menschen. Deshalb besuchten die Netzwerkkoordinator*innen und die Selbstvertreter*innen unter anderem Wohngruppen für Menschen mit Behinderung und stellten ihnen die Ziele und die Arbeit in den Arbeitskreisen persönlich vor. Sie besprachen mit den Menschen, was nötig ist, dass jede*r an den Arbeitskreisen teilnehmen kann. Auf diese Weise konnten sie weitere Teilnehmer*innen gewinnen.
Mehr Unterstützung notwendig: Selbstvertreterin Sonja Schacht und Koordinatorin Tanja Höfert haben zudem Vor- und Nachbereitungsgruppen für die Arbeitskreise eingeführt: Vor und nach jedem Treffen besprechen sie Protokolle und Themen mit den Teilnehmer*innen, fragen, ob etwas unklar ist, und bereiten sich gemeinsam auf die nächste Sitzung vor.
Das haben die Selbstvertreter*innen erreicht:
Die Haltung der Möllner*innen ändert sich
Menschen mit Behinderung werden immer öfter als Expert*innen in eigener Sache wahrgenommen. Beispielsweise fragten Hotelbesitzer*innen das Team vom Arbeitskreis Mobilität, ob es ihr Hotel auf Barrierefreiheit überprüfen würde. Gemeinsam stellten sie fest: Es muss gar nicht so viel umgebaut werden, es funktioniert bereits ganz viel. Der Pflegestützpunkt in Mölln ließ sich von Selbstvertreterin Sonja Schacht zur Unterstützten Kommunikation beraten. Die Mitarbeiter*innen wollten von ihr wissen: Welche Fragen könnten Menschen ihnen stellen, die Hilfsmittel für Unterstützte Kommunikation brauchen? Worauf sollten sie sich vorbereiten?
Selbstbewusstsein und politische Teilhabe der Selbstvertreter*innen wachsen
Menschen mit Behinderung setzen sich öfter für ihre Wünsche und Bedürfnisse ein. Und sie werden politisch aktiv: Die Zielgruppenvertreter*innen Sonja Schacht und Ulli Rühmling beispielsweise organisieren den politischen Gesprächskreis Selbstvertretung mit. Die Teilnehmer*innen – darunter viele, die unterstützt kommunizieren – treffen sich zweimal im Monat und sprechen über Themen wie Selbstbestimmung, Empowerment, Barrierefreiheit und politische Teilhabe.
Stellvertretend für alle Gesprächskreis-Teilnehmer*innen haben Sonja Schacht und Ulli Rühmling einen Antrag an die Kommune gestellt: Sie wollen, dass die Bürger*innen den oder die Beauftragte*n für Menschen mit Behinderung künftig selbst wählen. Bisher bestimmt die Stadt, wer diese Aufgabe übernimmt. Sonja Schacht hat außerdem den Antrag gestellt, dass es in Mölln einen Inklusionsbeirat gibt. Die Kommunalpolitik hat erklärt, dass sie beides ebenfalls will. Nun arbeitet die Verwaltung gemeinsam mit den Selbstvertreter*innen daran, die Forderungen umzusetzen.
So gelingt Partizipation - Das empfehlen die Expert*innen aus Mölln:
- Halten Sie aus, dass Entscheidungen länger dauern: Partizipation braucht Zeit. Konzentrieren Sie sich zunächst auf den Prozess der Partizipation, der die Zielgruppen voranbringt, statt auf Ergebnisse nach außen. Diese werden im Laufe des Projekts sichtbar.
- Erkennen Sie alle Formen der Kommunikation als gleichwertig an: Mit Lauten oder durch Gesten, unterstützt durch Talker oder Bilder, mit Gebärden oder in Leichter Sprache – egal in welcher Form Menschen ihre Meinung äußern: Jede Meinungsäußerung ist gleich wichtig.
- Nehmen Sie Partizipation ernst: Setzen Sie gemeinsam erarbeitete Entscheidungen um, am besten gemeinsam mit der Zielgruppe. Informieren Sie sie regelmäßig darüber, was bereits passiert ist und was die nächsten Schritte sind.
- Geben Sie Entscheidungsmacht ab: Lernen Sie, die eigenen Kompetenzen in Frage zu stellen, und erkennen Sie die Menschen aus den Zielgruppen als Expert*innen an.
Drei Fragen an die Lebenswelt-Expert*innen
Wofür setzen Sie sich ein?
Ulli Rühmling: Ich setze mich dafür ein, dass Menschen mit Behinderung verstanden werden und auch gesehen werden. Ich möchte, dass Menschen mit Behinderung mitentscheiden können. Wir waren zu lange im Hintergrund. Ich will, dass die Regierung uns mehr unterstützt. Ich finde es gut, wenn Leute auf mich zukommen und Fragen stellen. Dann kann ich ihnen sagen, was wir für Hilfsmittel brauchen. Ich möchte außerdem, dass es in Mölln weniger Barrieren gibt.
Sonja Schacht: Ich setze mich für Menschen mit Behinderung ein. Außerdem ist es mir wichtig, dass die Bedarfe der Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Don Bosco-Haus gesehen werden. Ich nehme ihre Wünsche und Bedürfnisse mit in die Arbeitskreise und die Lenkungsgruppe von Mölln Inklusiv, damit sie bei Entscheidungen berücksichtigt werden. Für mich ist es außerdem wichtig, das Thema Unterstützte Kommunikation mehr zu verbreiten. Damit Menschen, die unterstützt kommunizieren, ernst genommen werden, direkt angesprochen werden und zusätzliche Assistenzleistungen bekommen.
(Foto: Mölln Inklusiv)
Was brauchen Sie?
Sonja Schacht: Ich brauche jemanden, der vor Veranstaltungen und Sitzungen mit mir die Themen vorher bespricht, damit ich sagen kann, was in meinem Talker vorbereitet sein muss. Ich möchte von allen ernst genommen werden, und zwar bei allen Themen. Dafür benötige ich Unterstützung auch von Politikern und Netzwerkpartnern. Sie sollen meine Meinung anerkennen.
Ulli Rühmling: Ich freue mich darüber, dass ich schon viel Unterstützung bekomme. Das wünsche ich mir weiterhin. Ich brauche Unterstützung vor allem bei Besuchen in Ämtern und Behörden.
Was wollen Sie noch erreichen?
Sonja Schacht: Ich möchte noch mehr Menschen und auch ihre Bedarfe kennenlernen, sodass ich mich wirklich für alle einsetzen kann. Damit noch mehr Menschen gut am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Wenn es einen Inklusionsbeirat gibt, werde ich dafür kandidieren.
Ulli Rühmling: Ich will zeigen: Menschen mit Behinderung machen in Werkstätten gute Arbeit. Dafür bin ich im Arbeitskreis Arbeit. Außerdem fordern wir: Mehr Menschen mit Behinderung sollen einen Arbeitsplatz finden, der nicht in einer Werkstatt ist. Dafür ist der Austausch mit vielen Menschen wichtig. Ich will mich in den Inklusionsbeirat wählen lassen.
Zu den Personen
Sonja Schacht vertritt bei Mölln Inklusiv für den Netzwerkpartner Don Bosco-Haus die Interessen von Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. Außerdem ist sie Mitglied in der Lenkungsgruppe. Sonja Schacht engagiert sich für politische Mitbestimmung. Sie ist Expertin für Unterstützte Kommunikation und spricht mit Hilfe eines Talkers, in den ihre Assistenz und sie Worte und Bilder eingeben.
Ulli Rühmling vertritt bei Mölln Inklusiv die Interessen von Menschen beim Lebenshilfewerk, vor allem im Bereich Arbeit. Er ist ebenfalls Mitglied in der Lenkungsgruppe. Ulli Rühmling setzt sich außerdem für mehr Inklusion im Sport und barrierefreie Sportangebote ein.
Sonja Schacht und Ulli Rühmling leiten gemeinsam den politischen Gesprächskreis Selbstvertretung.