Beispiel Hamburg Lurup – Bildung und Unterstützung für alle

Eine Frau schneidet mit einem Kleinkind etwas aus

Es war höchste Zeit zu handeln im Jahr 2006, als Ulrike Kloiber und Annette Berg Bildung für Klein- und Grundschulkinder im Hamburger Stadtteil Lurup ganz neu dachten. „Alles war so schlimm,“ erinnert sich Ulrike Kloiber, „dass - egal was wir machen würden - es nur besser werden konnte.“ Das Quartier rund um das Bildungshaus Lurup ist das ärmste Viertel im Hamburger Westen, viele arbeitslose Menschen, ein hoher Anteil an Alleinerziehenden und Menschen mit Zuwanderungsgeschichte. Das Viertel hatte einen schlechten Ruf, die Schule dementsprechend auch.

Also wagten die Leiterin der örtlichen Kita Ulrike Kloiber und die Grundschulleiterin Annette Berg etwas Neues: Sie gründeten das Bildungshaus Lurup mit dem Ziel, den Kindern die bestmögliche Förderung zukommen zu lassen. Ein Jahr lang ließen sich die Teams der staatlichen Grundschule und der Kita in der Trägerschaft der Evangelischen Stiftung Alsterdorf fortbilden. In dieser Zeit entwickelten sie verbindliche Leitideen und Grundsätze: zum Beispiel, dass Grenzen und der Konkurrenzgedanke zwischen Kita und Grundschule völlig aufgehoben werden sollten. Grund- und Sonderschullehrer*innen, Erzieher*innen, Sozialpädagog*innen und Heilerziehungspfleger*innen mussten zusammenfinden und gemeinsame Ziele entwickeln. „Das war nicht immer einfach“, erinnert sich Kloiber, „doch am Ende kamen wir immer einen Schritt weiter.“

Mittlerweile gibt es das Bildungshaus seit fast 15 Jahren und die Entwicklung dauert noch immer an. Die regelmäßigen Evaluationen zeigen, dass die Kinder des Bildungshauses sich bis zur 4. Klasse sehr stark weiterentwickeln. Doch es gibt auch immer wieder Anlass, Lernmethoden neu zu bewerten und nachzubessern. Über die Jahre entwickelte sich das Bildungshaus von einem integrativen zu einem inklusiven Bildungsansatz, der heute die ganze Familie und das Wohnviertel miteinbezieht.

Unterstützung für für die ganze Familie

Kleinkinder spielen

„Wir haben schnell gemerkt, dass nicht nur Schule und Betreuung für die Entwicklung der Kinder wichtig sind“, berichtet Kloiber. „Manche Eltern, vor allem Alleinerziehende, sind stark belastet - und auch das wirkt sich darauf aus, wie die Kinder sich verhalten und wie sie sich entwickeln.“ Einige pflegen ein Kind mit Behinderung oder zusätzlich ihre alten Eltern. Viele sprechen nur wenig Deutsch und sind außerdem sehr arm. „Also haben wir hier im Stadtteil alle Initiativen und Vereine gefragt: Wollt ihr mit euren Angeboten zu uns ins Bildungshaus kommen?“

Sie wollten. So kamen die Volkshochschule, die Verbraucherzentrale, die Diakonie, die Hamburger Kinder- und Jugendhilfe e.V., die Erziehungsberatungsstelle Altona-West und viele mehr. Dadurch müssen sich zum Beispiel Eltern mit einem Kind mit Behinderung nicht auf die Suche nach der zuständigen Behörde machen oder sich durch schwer verständliche Anträge, Regeln und Anforderungen kämpfen. „Sie bekommen im Eltern-Kind-Zentrum alle erdenklichen Hilfeleistungen aus einer Hand“, sagt Kloiber. „Auch müssen sie nicht mehr durch halb Hamburg fahren, was sich viele bei einem Fahrpreis von sechs Euro für die Hin- und Rückfahrt ohnehin gar nicht leisten können.“

Teilhabe für alle Menschen im Stadtteil

Eine große Gruppe von Kindern von einer Raumschiffattrappe

Daneben gibt es Erziehungs-, Bildungs-, Koch- oder Nähkurse, Eltern-Kind-Lesestunden oder Turnstunden. Für einige Frauen seien diese Angebote nahezu die einzige Möglichkeit, die Sprache zu lernen und in Deutschland anzukommen, sagt Kloiber. „Auch viele Menschen aus dem Stadtteil kommen zu uns. Senioren, die gerne mehr sozialen Kontakt haben wollen oder sich über ein kostenfreies Mittagessen freuen. Menschen mit Behinderung, die sich ehrenamtlich für Senioren einsetzen, oder Migranten, die schon länger in Deutschland leben und nun den zugewanderten Menschen beim Ankommen in Deutschland helfen wollen.“


Dem Bildungshaus in Lurup ist etwas ganz Besonderes gelungen: echte inklusive Teilhabe für alle Menschen im Stadtteil. Zuvor voneinander getrennte Institutionen und Träger arbeiten heute Hand in Hand zusammen und setzen sich für dieses gemeinsame Ziel ein.