Aktion Mensch Dialogforum
von Adina Rieckmann
Partizipation vor Ort: Teilhaben. Aushandeln. Verantwortung teilen.
Wie gelingt Beteiligung, die mehr ist als ein gut gemeinter Programmpunkt? Was braucht es, damit Menschen nicht nur ihre Meinung äußern, sondern tatsächlich mitgestalten können? Und wie lässt sich Verantwortung so teilen, dass daraus echte Mitbestimmung entsteht?
Mit diesen Fragen beschäftigten sich rund 120 Teilnehmer*innen aus ganz Deutschland beim Dialogforum „Partizipation vor Ort: Teilhaben. Aushandeln. Verantwortung teilen.“ im neu eröffneten Stadtforum Dresden. Vertreter*innen aus Verwaltung, Wissenschaft, Politik, Selbstvertretung und Zivilgesellschaft kamen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, voneinander zu lernen und neue Perspektiven auf Beteiligung und Inklusion kennenzulernen. Hinter dem Dialogforum standen die Aktion Mensch, die Landeshauptstadt Dresden und das Projekt „Gemeinsam in Dresden: Inklusion vor Ort“.
Die Themen reichten von kommunaler Beteiligung über Selbstbestimmung im Alltag und Bürgerforschung bis hin zu demokratischer Kultur und neuen Formen der Zusammenarbeit. Immer wieder ging es dabei um dieselbe Frage: Wie können Menschen Entscheidungen mitgestalten, die ihr Leben betreffen?
Eröffnungsvortrag: Was bringt Beteiligung, wenn sich am Ende nichts verändert?
Gleich zu Beginn stellte Prof. Stefan Godehardt-Bestmann vom Privaten Institut für Soziale Transformation eine Frage in den Raum, die viele bis zum Ende des Tages begleiten sollte: Was nützt Beteiligung eigentlich, wenn danach alles beim Alten bleibt?
Mit Tempo, Humor und zahlreichen Beispielen aus der Praxis sprach er weniger über Verfahren und Zuständigkeiten als über die Lebenswirklichkeit der Menschen. Seine Geschichten trafen offenbar einen Nerv. Die Teilnehmer*innen schmunzelten, lachten, nickten zustimmend und wechselten gelegentlich einen vielsagenden Blick mit der Sitznachbarin oder dem Sitznachbarn.
Godehardt-Bestmann sagte, dass Menschen ihren Alltag nicht verändern, weil Institutionen es planen. Veränderungen entstehen dort, wo Menschen selbst Möglichkeiten erkennen und nutzen.
Gleichzeitig beschrieb er, was vielen Zuhörer*innen vertraut war: Das Leben verläuft selten nach Plan. Es ist manchmal widersprüchlich und oft unübersichtlich. Institutionen dagegen arbeiten mit Regeln, Zuständigkeiten und festen Abläufen.
Besonders eindrücklich war seine Unterscheidung zwischen Beteiligung, Aktivierung und Selbstbestimmung. Menschen einzubeziehen sei etwas anderes, als sie für bereits festgelegte Ziele zu mobilisieren. Wirkliche Teilhabe beginne dort, wo Menschen Entscheidungen beeinflussen und ihr Leben selbst gestalten können.
Viele der Anwesenden erkannten Situationen aus ihrem Arbeitsalltag wieder. Denn oft werden Menschen angehört, Ideen gesammelt und Workshops durchgeführt – ohne dass später sichtbar wird, was daraus geworden ist.
Workshop: Demokratie-Fitness – Erst einmal durchatmen
Wer bei einer Fachtagung einen klassischen Workshop mit Präsentationsfolien erwartete, wurde hier überrascht. Als erstes hieß es: Augen schließen. Durchatmen. Einen Moment bei sich selbst ankommen.
Dann stellten Roland Mylog und Steffi Ruschke vom Bildungswerk Mehr Demokratie das Konzept der Demokratie-Fitness vor. Demokratie, so ihr Ansatz, lebt nicht allein von Wahlen und Institutionen. Sie lebt auch davon, dass Menschen einander zuhören, andere Sichtweisen aushalten und miteinander ins Gespräch kommen. Das konnten die Teilnehmer*innen im Workshop selbst erleben und üben.
Aus kurzen Begegnungen wurden persönliche Gespräche über Erfahrungen, Werte und Überzeugungen. Aufmerksam zuhören, nachfragen, gemeinsam weiterdenken: Demokratie begann hier nicht mit einer Abstimmung, sondern mit einer Begegnung.
Projektvorstellung: Orte bekommen Geschichten
Wer kennt einen Stadtteil besser als die Menschen, die dort leben? Mit dieser Frage eröffneten Derya Yildirim und Lana Lamsfuß vom Bildungsbüro Nürnberg ihren Beitrag zu „Nürnberg forscht 2“. In diesem Projekt werden die Menschen im Stadtteil nicht nur befragt. Sie entwickeln auch eigene Fragestellungen, sammeln Beobachtungen und erforschen ihr Lebensumfeld selbst.
Besonders anschaulich waren die Beispiele aus den Stadtteilspaziergängen: Bewohnerinnen und Bewohner markierten Orte, die ihnen wichtig sind, zeigten Treffpunkte der Nachbarschaft und erzählten von Plätzen, mit denen persönliche Erinnerungen verbunden sind. Gleichzeitig benannten sie Orte, an denen Hindernisse bestehen oder an denen sie sich nicht willkommen fühlen.
Aus den Stadtteilspaziergängen entstanden Landkarten gelebter Erfahrungen. Orte bekamen Geschichten und Zahlen erhielten Gesichter. Gerade die Stimmen, die sonst selten gehört werden, eröffneten dabei neue Blickwinkel auf das Zusammenleben im Stadtteil.
Ein Fazit aus der Projektvorstellung: Vertrauen entsteht nicht an einem Nachmittag. Es wächst, wenn Menschen immer wieder die Erfahrung machen, dass sie ernst genommen werden und ihre Beiträge nicht in einer Schublade verschwinden.
Vorstellung Leitfaden: Gemeinsam wirksam werden
Wie wird aus Teilhabe Kollaboration, also echte und gelungene Zusammenarbeit? Mit dieser Frage beschäftigte sich Isabel Gahren von betterplace lab, ein gemeinnütziges Labor für zukunftsfähige Gesellschaft.
Isabel Gahren sagte, dass Zusammenarbeit und Vernetzung von Organisationen dabei helfen gut mit demokratischen Krisen umzugehen. Verschiedene Organisationen können beispielsweise in einem ko-kreativen Prozess gemeinsame Ziele erreichen, die alleine unerreichbar scheinen. Kollaboration macht dabei echte Teilhabe möglich - aus Mitreden wird Mitgestalten.
Kollaboration sei damit nicht nur eine Methode, so Gahren, sondern eine Haltung – etwas, das Räume eröffnet für geteilte Verantwortung, gemeinsame Lernprozesse und kollektive Wirksamkeit. Sie erfordert die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben, Unsicherheiten auszuhalten und das gemeinsame Handeln auf ein gemeinsames Ziel auszurichten – auch dann, wenn der Weg dorthin noch unklar ist.
Am Ende des Workshops stellt Isabel Gahren klar, dass Kollaboration kein Selbstläufer sei: sich auf andere einzulassen, auf „Geben und Nehmen“ zu vertrauen, sei heraufordernd. Kollaboration sei energieaufwändig und verlange Aufmerksamkeit und ein immer wieder neues Einverständnis über den gemeinsamen Weg. In unserer heutigen Zeit sei sie allerdings unerlässlich, denn sie schaffe Wirksam- und Nachhaltigkeit und sei damit die Zukunftskompetenz im Umgang mit Krisen.
Ihr Apell: Kollaborative Räume sind Orte, an dem echte Veränderung beginnt! Traut euch, sie zu bauen.
Kommunales Beispiel: Beteiligung, die sichtbar wird
Wie Mitwirkung dauerhaft Teil kommunaler Entscheidungen werden kann, zeigten Manuela Scharf und Carolin Teichert anhand des Dresdner Aktionsplans zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention.
Besonders greifbar wurde dies am Beispiel „Umbau Dresdner Altmarkt“. Ein Anliegen des Umbaus: der Altmarkt soll barrierefrei werden. Menschen mit Behinderungen wurden bereits früh in die Planung einbezogen. So konnten sie ihre Erfahrungen einbringen. Das Ergebnis: Das bisher unebene Pflaster wird durch glattes geschnittenes Granitsteinpflaster ersetzt. Das geschnittene Pflaster gehört heute selbstverständlich zum Stadtbild. Wer über den Altmarkt geht, läuft damit auch über ein Stück Beteiligungsgeschichte.
Darüber hinaus stellten die Referentinnen verschiedene Formate vor, die in Dresden einen regelmäßigen Austausch zwischen Verwaltung und Bürgerschaft ermöglichen.
Ihr Fazit: Wenn Menschen von Anfang an einbezogen werden, dann erhält man gute Ergebnisse.
Konzeptvorstellung: Die Kommune als gemeinsamer Gestaltungsraum
Lotte Langer vom Institut für Partizipatives Gestalten stellte das Konzept der „Kokreativen Kommune“ vor. Keine Verwaltung, keine Initiative und keine Organisation kann die großen Herausforderungen vor Ort wie zum Beispiel den demografischen Wandel, die soziale Spaltung oder die Umsetzung von Inklusion allein bewältigen. Deshalb müssen Politik, Verwaltung, Wirtschaft und Bürgerschaft gemeinsam nach Antworten suchen.
Wie das aussehen kann, zeigte unter anderem die Stadtwerkstatt Berliner Mitte. Bürgerinnen und Bürger werden dort frühzeitig in die Entwicklung zentraler Stadträume einbezogen und arbeiten an konkreten Vorhaben mit.
Viele Teilnehmende berichteten von ähnlichen Erfahrungen aus ihren eigenen Kommunen. Es ging um Vertrauen, Geduld und die Frage, wie gute Ideen den Weg von einer Diskussion in die Praxis finden.
Schlussvortrag: Die Menschen, die oft nicht im Raum sind
Den Abschluss des Dialogforums gestaltete Andreas Meinlschmidt von der gemeinnützigen Organisation More in Common. Er sprach über die Menschen, die bei Veranstaltungen oft gar nicht im Raum sind. Während manche Gruppen ihre Interessen selbstverständlich vertreten, fühlen sich andere von gesellschaftlichen Debatten wenig angesprochen oder längst nicht mehr gemeint.
Statt zu fragen, warum Menschen sich nicht beteiligen, warb er für eine andere Perspektive: Wie können wir Angebote gestalten, damit sie unterschiedliche Menschen wirklich erreichen? Außerdem plädierte er dafür, stärker auf gelungene Beispiele zu schauen. Menschen beteiligen sich eher, wenn sie sehen, was ihr Engagement bewegen kann.
Nach dem offiziellen Ende des Dialogforums blieben viele noch eine Weile im Stadtforum Dresden. Sie diskutierten weiter, tauschten Visitenkarten aus und verabredeten sich. Dabei stand die Frage im Raum: Wie sorgen wir bei uns vor Ort für echte Beteiligung, damit nicht alles beim Alten bleibt?