Kommunen werden inklusiv

Intensiver Erfahrungsaustausch kommunaler Experten in Bonn

Menschen stehen vor einem Tisch um sich für eine Tagung in die Teilnehmerlisten einzutragen

Das Thema Inklusion in Kommunen bewegte 100 Experten aus ganz Deutschland, am 17.9.2019 nach Bonn zu kommen, um aus der Praxis zu berichten und sich über  Herausforderungen und Gelingensbedingungen auszutauschen. Der Tag startete in einer lockeren, aber trotz der frühen Stunde sehr konzentrierten Atmosphäre. Bei ihrer Begrüßung machte Christina Marx, Leiterin der Aufklärung und Mitglied der Geschäftsleitung der Aktion Mensch, nochmal deutlich, welch hohe strategische Bedeutung der heutige Wissensaustausch für die Aktion Mensch habe.

In seiner Keynote stimmte Dr. Daniel Dettling, einer der renommiertesten Politikexperten und Zukunftsforscher des Landes, auf das Thema des Tages ein. Wir hatten noch nie so gute Werkzeuge, so Dettling, um eine inklusive Gesellschaft zu erreichen, auch wenn das Leitbild einer umfassenden Inklusion für Deutschland relativ neu sei. Einige der Stichworte, die er für das Gelingen einer inklusiven Gesellschaft nannte waren:  Selbstwirksamkeit − die Erfahrung, als Einzelner etwas bewirken zu können; Vernetzung − ein neues, durch die Digitalisierung befördertes Grundprinzip der Gesellschaft; Kollaboration − die gemeinsame Schaffung neuer Lebens- und Arbeitsformen, zum Beispiel beim Co-Working, generationenübergreifendem Wohnen, Carsharing und Co-Gardening; Kommunikation − die Entstehung neuer Räume der Begegnung in Nachbarschaften, Familien und Vereinen. Eine inklusive Gesellschaft führe am Ende immer auch zu mehr Wirtschaftswachstum, zu mehr Kreativität, zu mehr Wertschöpfung sowie auch zu einer höheren Lebenszufriedenheit. Und das Gute an der Zukunft: Wir haben die Möglichkeit, sie mitzugestalten.

Lebhafte Diskussionsrunden

Ein Referent steht vor Publikum und hält einen Vortrag

Jeweils drei gute Beispiele aus der Praxis und viel Raum und Zeit, um sich darüber auszutauschen,  gemeinsam neue Ideen zu entwickeln und sich thematisch mit anderen Akteuren zu vernetzen: Die Diskussionsrunden am Vormittag und am Nachmittag waren das Herzstück der Tagung. Hier einige der zentralen Ideen aus acht mal zwei Stunden intensiven Austauschs. 

Über Erfolgsfaktoren für erfolgreiche Netzwerkarbeit diskutierten die Teilnehmenden der Diskussionsrunde Netzwerkarbeit – Vom sinnvollen Miteinander. Sie hielten fest: Eine vernetzte Gesellschaft innerhalb einer Kommune braucht Persönlichkeiten, die koordinieren können. Eine Vision und eine gewisse Zähigkeit sind ebenfalls von Vorteil. Außerdem benötigt man die Unterstützung der Kommune, ausreichend Zeit, um stabile Beziehungen aufzubauen, und finanzielle Nachhaltigkeit. Impulse gaben hier die Projekte N-I-I-N Norderstedt, Quartiersmeisterei Bremerhaven und Caritas Geldern.

Empowerment-Seminare, Aktionspläne, Teilhabemanager und Internettools: Die Teilnehmenden der Diskussionsrunde Partizipation – Die Basis für demokratische Entscheidungen lernten verschiedene Methoden der Beteiligung kennen. Um Erfolg zu haben, sollte man mit kleinen Schritten beginnen, Politik und Verwaltung ins Boot holen und digitale Tools nutzen, ohne auf persönliche Begegnungen zu verzichten, so einige der Ideen. Vorgestellt wurden hier Projekte der Modellkommune Schwäbisch Gmünd, aus dem Landkreis Saalekreis und von der Initiative Liquid Democracy.

Eine Frau steht neben einer Metaplanwand.

Wie bewegt man Menschen dazu, sich zu engagieren – egal ob auf dem Dorf oder in der Stadt? Diese Frage diskutierte die Runde Engagement – Geben und Nehmen für ein gemeinsames Ziel. Am besten mit direkter Ansprache, so die Empfehlung der Runde. Gut gelingt das, wenn man barrierefreies und inklusives Engagement ermöglicht, so dass sich jeder und jede nach den individuellen Fähigkeiten einbringen kann – ob mit Behinderung oder ohne. Best Practice gab es hier von der Modellkommune Schneverdingen, der Freiwilligen-Agentur Halle-Saalkreis und der Initiative Gemeinsam in Steinheim.

Mit Beharrlichkeit, Begeisterung, Kreativität und auch mit einem sensiblen Einsatz von Sprache: Die Diskussionsrunde Bewusstseinsbildung – Gutes tun und darüber reden tauschte sich zu vielfältigen Möglichkeiten aus, die Öffentlichkeit für das Thema Inklusion zu gewinnen. Die Empfehlung der Teilnehmenden: „Bei den Bürgern ein ‚Hallo wach!‘ erzeugen, sich nicht beirren lassen und alte Strukturen aufbrechen.“ Impulse gaben hier NIRF Freiburg, VIA Blumenfisch und die Modellkommune VG Nieder-Olm.

Menschen mit Behinderung und ältere Menschen haben es nach wie vor schwer auf dem ersten Arbeitsmarkt. Die Runde Arbeit – EIN Arbeitsmarkt für ALLE  tauschte sich über gute Ansätze aus, die trotzdem Zugänge schaffen. Dazu braucht es vor allem Geduld und Beharrlichkeit, Vernetzung und einen guten Draht zu Unternehmern, so einige Erfahrungen der Teilnehmenden. Best Practice präsentierten hier Perspektiva Fulda, Access aus der Modellkommune Erlangen und das Jobnetzwerk 50 plus.

Drei Männer stehen vor einem Monitor und halteneinen Vortrag vor Publikum

Vom Kleinkind- bis zum Erwachsenenalter: Eine „inklusive Bildungskette“ vor Ort gelingt, wenn sie gewollt ist, die Unterstützung der Politik hat und wenn es Pioniere gibt, die sich dafür einsetzen. Das hielten die Teilnehmenden der Diskussionsrunde Bildung – Inklusion über Kita und Grundschule hinaus fest. Multiprofessionelle Teams, verbindliche Verantwortlichkeiten, gesicherte Ressourcen und eine gute Netzwerkarbeit können dazu beitragen, dass dabei die Handlungssicherheit gewährleistet bleibt. Präsentierte Projekte waren hier die VHS Stuttgart,  die AG Inklusion an Oldenburger Schulen und der Aktionsplan der Christian-Albrechts-Universität Kiel.  

Manchmal kann alles so leicht und selbstverständlich wirken – wie bei den vorgestellten Impulsen für inklusive Freizeitangebote Nationalpark EifelPaderborn all inclusive und Inklusives Sommercamp der Modellkommune Rostock. Die Runde Freizeit – Erlebnisse und Begegnungen ohne Barrieren sprach sich dafür aus, gute Beispiele bekannter zu machen, und anderen Regionen das eigene Know-how zur Verfügung zu stellen. Zudem sind Zugänglichkeit und Barrierefreiheit Voraussetzungen für den Erfolg.

Es gibt schon gute Ansätze, wie digitale Innovationen Mobilität fördern können, so ein Fazit der Runde Mobilität durch Digitalisierung – Ideen für mehr WIR. Doch vor allem im ländlichen Raum fangen viele Projekte gerade erst mit der Arbeit an. Hier geht es vor allem darum, Senioren und Menschen mit Behinderung autonome Mobilität zu ermöglichen. Daher ist die Weiterentwicklung von digitalen Tools entscheidend. Gute Beispiele waren hier BIRNE7 aus der Modellkommune Erlangen, Companion2Go und das Forschungsprojekt „Ick bün all dor“ der Hochschule Osnabrück.

Ausblick

Mit einem „Dank für Kopf, Herz und Hände“ verabschiedete Christina Marx die Gäste nach einem Tag voll intensivem Austausch, persönlichen Begegnungen sowie mit vielen Impulsen für die Arbeit in den Modellkommunen und darüber hinaus.
Wie es nach der Tagung weitergeht, erläutert Caroline Zibell, Projektleiterin der Initiative „Kommune Inklusiv“:  „Die Erkenntnisse aus dem Expertenaustausch fließen in den Wissenstransfer ein, den wir auf unserer Webseite aufbereiten. Damit möchte die Aktion Mensch auch anderen Kommunen Mut machen, ihnen gute Beispiele zeigen und Arbeitsmaterial zur Hand geben für ihren Weg zu einer inklusiven Gesellschaft. Die Arbeit in den Modellkommunen geht natürlich auch weiter: Mit der Entwicklung von Maßnahmen für inklusive und partizipative Strukturen im Netzwerk und vor Ort.“