Kooperativ planen

Nicht nur dabei sein, sondern aktiv mitgestalten: Diese Möglichkeit sollen alle Menschen in den Modellkommunen bekommen. Die Arbeitsgruppe Gesundheit in der Verbandsgemeinde Nieder-Olm geht dazu den Weg der kooperativen Planung.  

Zwei Frauen stehen vor einer Metaplanwand und halten einen Vortrag vor Publikum.

Partizipation ist eine Grundvoraussetzung für Inklusion. Durch sie haben mehr Menschen die Möglichkeit, mitzuentscheiden – und so mitzulenken, wie sich eine (Stadt-)Gesellschaft entwickelt. Langfristig sorgt das für erhöhte Lebensqualität. Allerdings nur dann, wenn es sich um echte Partizipation handelt und nicht etwa um Alibi-Beteiligung. Auf unserem Infoblatt Die Stufen der Partizipation lernen Sie, echte Partizipation von unechten Formen zu unterscheiden. 

Je partizipativer eine Kommune ist, desto inklusiver ist sie also auch. Die Modellkommunen beginnen deshalb nach und nach, schon auf der Planungsebene mit den Bürger*innen zusammenzuarbeiten. Die AG Gesundheit in der Verbandsgemeinde Nieder-Olm folgt seit Oktober dem Ansatz der kooperativen Projektplanung. In unserem Praxishandbuch stellen wir Ihnen diese Methode ausführlich vor. Hier sitzen die Zielgruppen von Anfang an mit im Boot. Und können maßgeblichen Einfluss nehmen auf Bereiche wie die Politik, Wirtschaft, Mobilität, Kultur, Bildung oder Gesundheit.

Schaubild zur kooperativen Projektplanung

Der Königsweg der Partizipation

„Wir hatten uns in der AG Gesundheit Ziele gesetzt, die sich so nicht umsetzen ließen“, erklärt Koordinatorin Gracia Schade. „Jetzt möchten wir die angesprochenen Zielgruppen motivieren, sich einzubringen und gemeinsam mit den Partner*innen Lösungen für gewisse Probleme zu finden.“ Denn die Menschen aus den Zielgruppen sind Expert*innen in eigener Sache und haben einen wertvollen Blick auf die Situation.  

In Nieder-Olm sollen im Rahmen der kooperativen Projektplanung gezielt Menschen mit Fluchterfahrung, Menschen mit kognitiver Einschränkung und Senior*innen mitmachen. Die Ergebnisse dieses Prozesses fließen später in die Inklusionsstrategie der VG ein. 

„Im März haben wir in einem Workshop die Ausgangslage analysiert. Dann kam Corona und der Prozess lag lange brach. Erst im Oktober konnten wir die Arbeit wieder aufnehmen“, berichtet Gracia Schade. Bei dem Treffen im Oktober ging es zunächst darum, Menschen aus den Zielgruppen zu finden und anzusprechen. Denn in der ersten Phase jeder kooperativen Planung stehen Interviews mit ihnen an. Die Zielgruppen sollen ins Erzählen kommen.

Das Team der AG Gesundheit sammelte deshalb Fragen und entwickelte einen Eisbrecher für ein mögliches Gespräch. Es überlegte auch, wie sich Menschen interviewen lassen, die wegen einer Behinderung oder Erkrankung nicht sprechen. Gracia Schade: „Es gibt Leute, die sich selbst gar nicht äußern können. Möchten wir echte Partizipation schaffen, braucht es auch hierfür Lösungen“. Solche könnten etwa darin bestehen, Sprachcomputer zu nutzen oder Collagen durch die Zielgruppen-Vertreter*innen basteln zu lassen.

Durch Corona erschwert

Das kooperative Planen ist ein komplexer und vielschichtiger Prozess, der mehrere Monate bis zu ein Jahr beanspruchen kann. Laut Gracia Schade erschwere und hemme Corona ihn: „Wir erreichen derzeit viele Zielgruppen nicht. Etwa Menschen mit Behinderung in Werkstätten. Auch an viele Partner*innen kommen wir nicht ran, die uns Zugang zu diesen Zielgruppen verschaffen könnten.“ Erschwert ist das Ganze auch dadurch, dass einige Einrichtungen die Besuchsregeln verschärft haben.

Derzeit stockt die kooperative Projektplanung deshalb bei den Zielgruppen-Interviews. Einerseits müssen Interviewer*innen gefunden werden, die Kontakt und ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Gruppen haben. Zum Beispiel Werkstatträte. Andererseits lassen sich die Befragungen durch Corona nicht so einfach umsetzen wie früher. Denn viele Menschen aus den Zielgruppen gehören zur Risikogruppe, sodass nur Online-Interviews mit ihnen möglich sind. Manchen von ihnen fehlten dazu jedoch die technischen Möglichkeiten, so Gracia Schade. Zum Beispiel Senior*innen. Andere wiederum wollten an Online-Gesprächen prinzipiell nicht teilnehmen.  

Wie geht es weiter?

Nach den Zielgruppen-Gesprächen würde normalerweise ein Workshop mit den Zielgruppen folgen. „Diese Workshops sind dazu da, sich gegenseitig kennenzulernen, die Berührungsangst zu verlieren. Und die funktionieren digital nicht. Die müssen wirklich stattfinden.“ Solange das coronabedingt nicht möglich ist, heißt es für die VG Nieder-Olm: abwarten. Die kooperative Projektplanung wird vermutlich erst im Jahr 2021 wieder richtig Fahrt aufnehmen.

An der Situation durch Corona lässt sich gegenwärtig nichts ändern. Daher gilt, mit den Bedingungen zu arbeiten, die man hat. Gerade Partizipation ist schließlich ein Prozess, der schon mit kleinen Schritten beginnt. Das „Wohin“ ist dabei viel wichtiger als das „Wie schnell.“ Auch Rostock und Erlangen haben schon angefangen, den Ansatz der kooperativen Planung zu integrieren.