Logo der Aktion Mensch

Barrierefreiheit bei Sportveranstaltungen

Noch werden Services wie Gebärdensprach­dolmetscher*innen, Untertitel oder Audiodeskription bei Sportveranstaltungen zu selten angeboten. Die gute Nachricht ist: Die Bereitschaft ist da. Die Schlechte: Es fehlt an Wissen und Mut, aktiv voranzugehen. Der Sportjournalist Florian Eib spricht Audiodeskriptionen bei Sport- und Kultur-Veranstaltungen ein. Hier fasst er einige Erkenntnisse zur Barrierefreiheit bei Sportveranstaltungen zusammen. 

10. September 2026|6 Minuten Lesedauer|Florian Eib
Handballfans in Leipzig verfolgen das Spiel mit Audiodeskription

Großveranstaltungen als gesellschaftliche Erlebnisräume

Vor einigen Jahren fragte mich mein blinder Bekannter Maurice, ob wir nicht einmal gemeinsam zu einem Handballspiel gehen wollten. Die Stimmung in einer Sporthalle, nah am Spielfeld, zwischen vielen anderen jubelnden Menschen und geschützt vor Wind und Wetter ist natürlich etwas anders als in den fast immer offenen Fußballstadien, die wir vorher besucht hatten. So komisch es klingt: Mir wurde in diesem Moment bewusst, dass es nicht nur Fußballstadien sind, in denen sich viele tausend Gleichgesinnte, Sportliebhaber, aber auch Musik- oder Kulturfans treffen können. Jung und alt, klein und groß, füllig und schmal – kurz: ein Querschnitt unserer Gesellschaft. Seit diesem Gespräch mit Maurice betrachte ich jegliche Formen von Großveranstaltungen mit anderen Augen. Es sind Begegnungsräume, in denen wir über die Leidenschaft zu einer Handballmannschaft, einer Musikgruppe oder einem Theaterstück und auch vielem mehr ins Gespräch kommen können. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen: Großveranstaltungen bieten als Orte, wo Menschen zumeist freiwillig ihre Freizeit verbringen, optimale Bedingungen, um Barrieren – auch in unseren Köpfen – abzubauen.

Services zur Barrierefreiheit – die Bereitschaft ist da 

Barrierefreiheit fängt nicht erst im Stadion an, sondern beginnt bereits beim Ticketverkauf und bei der Anfahrt. © HörMal Audiodeskription

Es gibt dafür allerdings eine Voraussetzung: Es muss noch ein besserer Zugang für Menschen mit Behinderung geschaffen werden. Teilhabe ist das Stichwort. Nur wenn Menschen mit Behinderung an Veranstaltungen auch wirklich teilhaben können, im besten Falle durch Services zur Barrierefreiheit unterstützt werden, geht die Rechnung auf. Doch hier fehlt es Sportstätten, Kultureinrichtungen, Städten, Kommunen oder auch Privat-Veranstaltern häufig an Kenntnis über die verschiedenen Bedürfnisse, Möglichkeiten und auch Chancen, die Services zur Barrierefreiheit mit sich bringen. Eine grundlegende Bereitschaft und den Willen zur Unterstützung von Menschen mit Behinderung spüre ich. Die meisten Veranstalter mit denen ich spreche, begegnen dem Thema sehr offen, erkennen dessen gesellschaftliche Bedeutung. Und haben sicherlich auch verstanden, dass zahlreiche mögliche Besucherinnen und Besucher bisher im übertragenen Wortsinn „nicht abgeholt“ wurde. 

Teilhabe bei Sportveranstaltungen ermöglichen – aber wie? 

Viele Veranstaltungsorte bezeichnen sich selbst als „barrierefrei“, was nicht stimmt. Natürlich ist dieser Hinweis grundlegend gut gemeint. Fakt ist jedoch, dass mit „barrierefrei“ fast immer nur die so genannte „bauliche Barrierefreiheit“ gemeint ist. Also zum Beispiel die Möglichkeit des Zugangs. Die Stichworte sind häufig: „Rollstuhlrampen“, „ebenerdig“, „Fahrstühle“ und „behindertengerechte WCs“. Wünschenswert, aber seltener sind Leitlinien angebracht, die Menschen mit einer Sehbehinderung bei der Orientierung helfen würden. 

Überhaupt keine Barrierefreiheit ist garantiert, wenn es um das Erlebnis der Veranstaltung geht. Menschen mit einer Hörbehinderung können gesprochene Informationen nicht oder nur eingeschränkt wahrnehmen. Dabei geht es um ganze 7,3 Millionen Menschen in Deutschland, die hochgradig schwerhörig sind, weitere 80.000 sind gehörlos. Im Zweifel bekommen sie den Hallensprecher, Halbzeit-Gewinnspiele, Sicherheitsinformationen oder auch die Einlauf-Musik nicht mit. Es helfen Untertitel auf einer Videoleinwand oder ein Gebärdensprachdolmetscher – am besten beides. Nebenbei können Untertitel auch für Deutschlernende eine sinnvolle Unterstützung darstellen.

Fast gänzlich unbeachtet ist bisher die Gruppe der sehbehinderten und blinden Menschen – rund 1,2 Millionen Personen in Deutschland – Tendenz steigend. Ihnen kann eine so genannte Audiodeskription helfen (übersetzt: Hör-Beschreibung, manchmal auch „Blindenreportage“ genannt). Es handelt sich dabei um eine Art zusätzliches Hör-Erlebnis, das je nach Veranstaltung aufgezeichnet oder auch live gesprochen werden kann. Geschulte Reporter beschreiben und erklären alles, was für Menschen, die nicht oder nur eingeschränkt sehen können, nicht zugänglich ist. Beispielsweise die Parade eines Torhüters, wo genau sich der Ball auf dem Spielfeld befindet oder mit wie viel Abstand eine Sprinterin ein Rennen gewonnen hat und wie sie ihren Sieg feiert.  

Audiodeskription kann auch für Menschen mit bestimmten körperlichen Einschränkungen, Menschen mit Lernschwierigkeiten oder älteren Menschen eine sinnvolle Unterstützung sein.

Leitfäden zur Barrierefreiheit

Umfangreiche Leitfäden zur Barrierefreiheit bei Veranstaltungen finden sich mittlerweile zuhauf. Unter anderem auf dem Inklusionsportal der Aktion Mensch, auf der Website des VdK Sachsen oder beim Portal Ramp-up des Berliner Vereins SOZIALHELDEN . 

Hier ein Hör-Eindruck verschiedener Blindenreportagen: 

Videoplayer wird geladen

Veranstaltungsplanung mit Weitsicht 

Basketballfans mit Sehbehinderung.  © Niners Chemnitz

Neben den Angeboten zur Barrierefreiheit am Veranstaltungstag kann die Unterstützung für Menschen mit Behinderung auch noch viel früher beginnen. Denn die Entscheidung, zu einer Veranstaltung zu gehen, beginnt nicht erst im Stadion oder in der Halle.

Themen wie Ticket-Kauf, zielgruppenspezifische Bewerbung von Veranstaltungen, Hilfestellungen bei der Anfahrt, Begleitservices oder auch eine auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung abgestimmte Sitzplatzverteilung rücken in der Arbeit zur Barrierefreiheit bei Veranstaltungen mehr und mehr in den Fokus. Gut so! Es ist aber noch viel zu tun, denn auch hier hängt Deutschland im europaweiten Vergleich eher zurück.

Hier kannst du eine kompakte Checkliste zur Barrierefreiheit deiner Veranstaltung herunterladen.

Projekte, die Barrierefreiheit und Teilhabe anpacken

Immerhin ist mit einigen Projekten im Bereich der Fußball-Bundesliga sichergestellt, dass die Themen Barrierefreiheit und Teilhabe mitgedacht und angepackt werden. So gibt es zum Beispiel für Fußballfans mit Handicap die Beratungsstelle Inklusion im Fußball „KickIn!“ . Über Schulungen, Projekte und Beratung für Fans, Verbände und Vereine sollen im deutschen Profifußball nachhaltig inklusive Strukturen für alle Beteiligten geschaffen werden – unabhängig von Geschlecht, Herkunft, Fähigkeiten und sozialem Status.

Spezieller mit dem Themenfeld Audiodeskription / „Blindenreportage“ vornehmlich im Sportbereich befasst sich das Projekt „T_OHR“ des AWO-Passgenau Trägerverbund der Fanprojekte e.V. Neben Audiodeskription im Fernsehen ist die Firma AUDIO2 aus Hamburg und Wien auf den Bereich (Live-)Untertitel spezialisiert.

Ich selbst habe vor einigen Jahren das gemeinnützige Unternehmen HörMal Audiodeskription ins Leben gerufen. Unser Team kooperiert sowohl mit Sportverbänden als auch mit Kulturveranstaltern, um (Live-)Audiodeskription als barrierefreien Service auf Veranstaltungen zu etablieren. Unser Ziel ist, Veranstalter auf die Belange von Menschen mit Behinderung aufmerksam zu machen. Deshalb beraten wir auch zu den Themen: barrierefreie Medien, Budgetplanung und zu Fragen der technischen Umsetzbarkeit von barrierefreien Angeboten. Wir arbeiten zudem eng mit Menschen mit Sehbehinderung an Verbesserungen von Veranstaltungserlebnissen zum Beispiel in Bezug auf barrierefreien Ticket-Kauf, Anreisemöglichkeiten und die zielgruppenspezifische Bewerbung von Veranstaltungsangeboten.

Alles in allem müssen barrierefreie Angebote gemeinschaftlich gestaltet werden. Die Erfahrungen der Betroffenen sollten unbedingt Gehör finden. Denn so gelingt es, wie bei meinem Erlebnis mit Maurice, über den Tellerrand zu blicken.

Lernort Stadion

Die Aktion Mensch unterstützt das Projekt „Lernort Stadion“. Das Projekt richtet sich an Jugendliche. Über den Fußball werden sie für Themen der politischen Bildung, wie Gleichberechtigung, Toleranz, gesellschaftliche Teilhabe, persönliche und soziale Verantwortung, angesprochen. Der Lernort wirkt dabei integrierend und motivierend auf die teilnehmenden Gruppen. Seit 2015 wird Lernort Stadion mit einem besonderen Fokus auf Inklusion vom Zentrum für inklusive politische Bildung (Dresden) und von Studierenden der Technischen Universität Dortmund begleitet.

Der Autor

Florian Eib, Sportjournalist, Sprecher und Experte für Audiodeskription bei Sport- und Kultur-Veranstaltungen. 2018 hat Florian Eib mit Kollegen HörMal Audiodeskription gegründet. Neben Sportveranstaltungen arbeitet HörMal Audiodeskription auch mit verschiedenen Kunst- und Kulturhäusern in ganz Deutschland zusammen.

Inklusiv am Ball bleiben

Die Publikation „Inklusiv am Ball bleiben“ ist eine Handlungsempfehlung zur Gestaltung und Vermittlung von Inklusion in außerschulischen Bildungsangeboten. Sie richtet sich vor allem an Lehrende in diesem Bereich. Mithilfe der Handlungsempfehlungen können sie das Thema Inklusion nach ihren Bedürfnissen und Möglichkeiten in ihre Lernangebote einbringen. Die Publikation bietet einen Überblick, wie Inklusion vermittelt werden kann und wie Inhalte inklusiv gestaltet werden können.

Das könnte dich auch interessieren

Drei Personen mit und ohne sichtbare Behinderungen in Basketballtrikots.

Inklusion im Sport macht vor allem eins: jede Menge Spaß! Mach deinen Sportverein inklusiv! Wir zeigen dir, wie das geht.

Drei Personen arbeiten in einem Besprechungsraum, eine Frau sitzt im Rollstuhl.

Du willst deine Organisation, deinen Verein oder deine Initiative inklusiver machen? Mit unseren 10 Tipps kannst du damit starten. Es lohnt sich.

Zwei Menschen unterhalten sich in Gebärdensprache.

Was ist sprachlich-kommunikative Barrierefreiheit? Und was musst du tun, um sie zu erreichen? Erfahre mehr darüber.