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KI und Barriere­freiheit

Inklusion von Anfang an

Automatische Unter­titel, intelligente Screen­reader, Über­setzungen in Leichte Sprache: Für viele Menschen sind KI-gestützte Pro­gramme im Alltag unverzichtbar. Sie können Barrieren abbauen und Inklusion fördern. Doch es gibt auch Hürden: Viele KI-Anwendungen sind selbst nicht barrierefrei. Oft wird Barriere­freiheit nicht von Anfang an mitgedacht, sondern versucht, sie mit KI „nachzurüsten“. Wir erklären, wann KI wirklich barriere­frei ist und wie sie zum Abbau von Barrieren eingesetzt werden kann.

Ein blinder Mann arbeitet am Laptop

KI als Booster für Barriere­freiheit?

Um Barrierefreiheit zu fördern, wird immer öfter auch Künstliche Intelligenz (KI) eingesetzt. Zum Beispiel, um Filme und Videos auf Plattformen wie Netflix oder YouTube automatisch zu untertiteln. Oder um Texte in Einfache oder Leichte Sprache zu übersetzen. KI-Anwendungen können Bilder beschreiben, Texte vorlesen oder Gesprochenes live transkribieren. Das ist für viele Menschen sehr hilfreich und macht Inhalte und Angebote zugänglicher.

Gleichzeitig gibt es aber auch viele KI-Anwendungen, die nicht ausreichend barriere­frei sind. Menüs sind zum Beispiel nicht gut lesbar, es fehlt Einfache oder Leichte Sprache, die Navigation funktioniert nur per Maus. Dadurch können nicht alle Menschen sie nutzen – oder nur eingeschränkt. Barriere­freiheit ist im Zusammen­hang mit KI zu oft noch eine Neben­sache.

 Wie barrierefrei sind deutsche Webshops?

Aktion Mensch und Google haben zum dritten Mal getestet, wie barrierefrei deutsche Webshops sind. Ergebnis: Internet­seiten von gewerblichen Anbietern sind zu einem großen Teil nicht barrierefrei.

Drei Voraussetzungen für barriere­freie KI

Damit KI-Anwendungen barrierefrei sind, müssen drei Voraus­setzungen erfüllt sein: technische Standards, klare Regeln und inklusive Entwicklungs­prozesse.  

Barrierefreiheit und KI: Was gut läuft

KI und Bildbeschreibungen

KI in Kombination mit Screen­readern können genau analysieren, was auf einem Bild­schirm zu sehen ist. Das kann zum Beispiel hilfreich sein, um zu beschreiben, wie eine Programm­oberfläche aussieht. Auch Fotos, die mit dem Smart­phone gemacht wurden, können von KI-Modellen beschrieben werden. Dazu werden sie in der Regel in einen Chatbot, oder spezielle Apps wie SeeingAI hochgeladen. Ein Bot kann neben der Bild­beschreibung auch weitere nützliche Informationen ausgeben. Beim Museums­besuch oder im Supermarkt kann das sehr hilfreich sein. 

KI und Accessibility-Testing

KI kann beim Testen unter­stützen, wie barriere­frei digitale Produkte sind. Die Anwendung a11y- AI (gesprochen: Ally-AI) zum Beispiel erstellt Personas, die Menschen mit unter­schiedlichen Behinderungs­erfahrungen simulieren. So kann man zum Beispiel heraus­finden, wie gut sich eine Internet­seite aus Perspektive einer Person mit Seh­behinderung bedienen lässt. Oder was bei einem Web­shop für Menschen wichtig ist, die keine Maus bedienen können. Das Programm fasst seine Ergebnisse in einem Test­bericht zusammen. 

KI und automatische Unter­titel

Automatisch erstellte Unter­titel sind mittler­weile weit verbreitet. Plattformen wie Netflix oder YouTube bieten zu beinahe allen Inhalten Unter­titel an. Immer mehr Inhalte lassen sich sogar von einer Sprache in eine andere übersetzen. Auch auf Social Media sind automatisch generierte Unter­titel zunehmend Standard. Gleiches gilt für viele Live-Streaming Angebote. Allerdings sind die Über­setzungen nicht fehlerfrei.

KI und automatisch vereinfachte Texte

KI-Übersetzungs-Angebote wie www.einfachesprache.xyz machen KI-generierte Über­setzungen in Einfache oder Leichte Sprache möglich. Sie haben die Regeln für Einfache und Leichte Sprache gelernt. Die Tools können komplizierte und lange Texte analysieren und Verbesserungs­vorschläge machen. Die Initiative Erwachsenenbildung Digital hat sogenannte Custom-GPTs für Einfache und Leichte Sprache entwickelt. Sie sind frei verfügbar und lassen sich mit ChatGPT verbinden. Auch hier gilt: Texte müssen auf Richtigkeit geprüft werden.

Was noch nicht gut läuft

Falsche oder fehler­hafte Unter­titel

Untertiteln KI-Programme Inhalte auto­matisch, passieren Fehler: Wörter werden falsch oder gar nicht übersetzt, Stimmen werden nicht richtig zugeordnet oder erkannt. Gerade bei Live-Formaten kann es zu Fehlern kommen. Zum Beispiel, wenn mehrere Menschen gleich­zeitig sprechen. Ein weiteres Problem sind Wörter, die sehr ähnlich klingen: „kein“ und „ein“ zum Beispiel. Ob etwas „ein“ Problem oder „kein“ Problem ist, macht natürlich einen großen Unterschied.

Fehlerhafte Bild­erkennung und Bild­beschreibung

Auch bei der Bild­erkennung und Bild­beschreibung kommt es immer wieder zu Fehlern. Ein Beispiel: ChatGPT bekommt ein Foto einer Presse­konferenz. Das Programm beschreibt genau, was auf dem Foto zu sehen ist: Männer und Frauen an Mikro­fonen, Kameras und im Hinter­grund das Logo eines Ministeriums zum Beispiel. Das Programm verrät aber nicht, wer auf dem Foto zu sehen ist. Es ist nämlich angewiesen, die Privat­sphäre von Menschen zu schützen. Das ist zwar meistens gut, führt aber in diesem Fall dazu, dass wichtige Informationen fehlen.

Kreative Sprach-Assistenten

Blinde Menschen und Menschen mit eingeschränktem Seh­vermögen verlassen sich im Alltag oft auf Sprach­assistenten – zum Beispiel auf ihrem Smart­phone. Es kommt aber immer wieder vor, dass diese Assistenten Informationen nicht richtig wieder­geben oder sogar frei erfinden. Sie sind nicht dafür gemacht, Informationen zu über­prüfen. Sprach­assistenten haben außerdem immer noch Schwierigkeiten, Menschen mit eingeschränktem Sprach­vermögen oder abweichender Sprache zu verstehen. 

Gebärdensprach-Avatare

Mit KI können sogenannte Gebärdensprach-Avatare generiert werden. Diese virtuellen Figuren über­setzen Laut­sprache in Gebärden­sprache. Sie sind allerdings umstritten. Der Deutsche Gehörlosen­bund rät in einer Stellungnahme sogar dringend davon ab, sie einzusetzen. Die Avatare seien unverständlich, ihre Übersetzungen zu ungenau. Außerdem seien die Programme nicht durch qualifizierte Personen oder Mitglieder der Community geprüft worden. Die Community selbst fühlt sich durch die Avatare nicht richtig repräsentiert.

Accessibility Overlays

Overlays sind Lösungen, die nach­träglich für mehr Barriere­freiheit sorgen sollen. Sie werden einem bestehenden Produkt quasi „über­gestülpt“. Zum Beispiel können Betreiber*innen eines Web­shops sie hinzubuchen. Kritiker*innen sagen, dass Overlays Probleme nicht lösen, sondern nur verstecken. Schlecht gemacht, können sie Internet­seiten unbedienbar machen. Zum Beispiel, weil automatisiert erzeugte Alternativ­texte unverständlich oder fehler­haft sind. Oder weil alternative Navigations­möglichkeiten nicht richtig funktionieren. Eine weitere Gefahr ist, dass Unter­nehmen zum Beispiel keine Verantwortlichen für Barriere­freiheit mehr einstellen.

Barrierefreiheit: Eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft

Barrierefreiheit ist kein technisches Problem, das sich mit Künstlicher Intelligenz lösen lässt. Sie ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Viele der Modelle, auf denen KI-Anwendungen aufbauen, haben sogar selbst ein Problem mit Ableismus und Diskriminierung. Ihre Daten­grundlage ist voll von diskriminierenden Annahmen. Wenn sie unhinterfragt eingesetzt wird, um vermeintlich barrierefreie Lösungen zu bauen, kann das nach hinten losgehen. Je mehr schlecht gemachte, KI-generierte Accessibility-Lösungen es gibt, desto schwieriger wird es außerdem, gute Angebote zu finden. Ganz ähnlich ist es bereits mit anderen KI-generierten Inhalten: Je mehr schlechte und falsche KI-Inhalte das Internet fluten, desto schwieriger wird es, hilfreiche und verlässliche Informationen zu finden.

Das soll aber nicht heißen, dass wir auf KI-gestützte Lösungen verzichten sollten. Künstliche Intelligenz bietet vielfältige Möglich­keiten, Barriere­freiheit neu zu denken. Viele neue Lösungen für Barriere­freiheit werden durch KI überhaupt erst möglich. Es sollte aber der Leitsatz gelten: Nichts über uns ohne uns! Menschen mit Behinderung sollten Digitale Barriere­freiheit mit­gestalten. Dazu gehört, dass Unternehmen mit Accessibility-Expert*innen und Menschen mit unterschiedlichen Behinderungs­erfahrungen zusammen­arbeiten. Es braucht die Bereitschaft, Menschen auszubilden und zu sensibilisieren. Es braucht Expert*innen, die Lösungen mitgestalten und bewerten können.

Echte Barriere­freiheit bedeutet Arbeit. Sie ist ein fortlaufender Prozess, der sich an technische und gesellschaftliche Veränderungen anpassen muss. Wenn wir es richtig machen, profitieren am Ende alle: Je mehr Menschen Zugang zu digitalen Angeboten haben, desto besser werden sie. 

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