Inklusion in der Schule
Inklusion in der Schule ist ein viel diskutiertes Thema – und das aus gutem Grund. Denn wenn Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam lernen, geht es um weit mehr als nur um Unterricht: Es geht um Teilhabe und Chancengleichheit.

Was bedeutet Inklusion in der Schule?
Inklusion in der Schule heißt: Alle Kinder lernen gemeinsam – unabhängig von Behinderung, Herkunft oder Lernvoraussetzungen. Mindestens genauso wichtig wie Lesen, Schreiben, Rechnen oder das Erlernen von Fremdsprachen ist, die positive Persönlichkeitsentwicklung von Menschen zu fördern. Inklusive Bildung bedeutet deshalb auch individuelle Förderung und Unterstützung.
Chancen und Potentiale

Individuelle Förderung statt Standardisierung
Jedes Kind lernt anders. Der Blick auf die Stärken und Schwächen macht deutlich, dass alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig von Behinderungen oder diagnostizierten Förderbedarfen, verschieden sind. Alle Kinder haben unterschiedliche Interessen und Begabungen, die es zu fördern gilt. Möglich ist eine gezielte Förderung allerdings nur, wenn Lehr- und Lernformen etabliert werden, die ein individuelles Arbeiten möglich machen. Das Ergebnis: Benachteiligungen werden besser verhindert und Begabungen besser erkannt und gefördert. Zieldifferenter Unterricht, offene Lernsettings sowie individuelle Förderangebote machen es möglich, dass Kinder und Jugendliche ihre Potenziale besser entwickeln und entfalten können.
Vielfalt als Normalität erleben
Was Kinder und Jugendliche gelernt haben, prägt sie auch als Erwachsene: Wer früh mit Unterschieden und Vielfalt umgeht, empfindet Inklusion im späteren Leben als ganz selbstverständlich. Weniger auf Unterschiede und Defizite zu schauen als vielmehr auf Gemeinsamkeiten und Potenziale spielt auch im Berufsleben eine große Rolle. Menschen mit Inklusionserfahrung nutzen die Potenziale, die sich durch einen inklusiven Arbeitsmarkt und die Zusammenarbeit in heterogenen Teams ergeben, denn Vielfalt sorgt oft auch für neue Ideen.
Menschen mit Behinderung haben durch eine inklusive Schullaufbahn eindeutig bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und damit auf ein selbstbestimmtes Leben: durch den inklusiven Bildungsweg haben sie häufig einen besseren Bildungsabschluss. Das macht eine aufwändige Nachqualifizierung oder spätere Unterstützung durch Transferleistungen überflüssig.

Stärkung der Persönlichkeit
Der selbstverständliche Umgang mit Vielfalt trägt zur Wertebildung bei und schafft ein Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung. Kinder und Jugendliche, die durch inklusive Bildung gelernt haben, mit unterschiedlichen Menschen umzugehen, sind besser auf die Herausforderungen ihres weiteren Lebens- und Ausbildungsweges vorbereitet.
Gesellschaftlicher Mehrwert
Kinder und Jugendliche erzielen in inklusiven Settings und im gemeinsamem Unterricht teilweise bessere Leistungen. Wie erklärt sich das? Gelungene Inklusion steigert eindeutig die Qualität von Bildung. Außerdem werden die kognitiven Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen geschult und verbessert. Ein deutlicher Schwerpunkt liegt auf der Vermittlung von Werten, Einstellungen und einem gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein.
Kooperation als Schlüssel
In inklusiv gestalteten Umgebungen der Kinder- und Jugendarbeit lernen alle gemeinsam und auch voneinander. Altersklassenübergreifende und kooperative Lernformen und Gruppenaktivitäten machen es möglich. Alle profitieren von den Stärken der anderen und bringen gleichzeitig ihre eigenen Fähigkeiten ein. Gemeinsam lösen Kinder und Jugendliche Probleme und hinterfragen die eigene Arbeitsweise. Aufgaben werden im Team nach persönlichen Stärken und Talenten verteilt.
Gute Beispiele
Dass Inklusion an Schule und OGS gelingen kann, zeigen gelungene Beispiele.
Herausforderungen und Kritik
Kritiker*innen von Inklusion in der Schule argumentieren:
- Leistungsstarke Kinder werden nicht genug gefördert.
- Kinder mit Behinderung bremsen das Lerntempo.
- Kinder mit Behinderung erleben an Regelschulen Spott, Ausgrenzung und Versagen.
- Es fehlen oft qualifizierte Lehrkräfte, Assistenzpersonal sowie barrierefreie Materialien.
- Die gleiche Förderung und Unterstützung, die Kinder mit Behinderung auf Förderschulen erhalten, ist an der Regelschule nicht finanzierbar.
Alle Studien zum Lernerfolg zeigen allerdings: Schüler*innen lernen nicht schlechter, wenn Kinder mit Förderbedarf die Klasse besuchen. Sie lernen genauso gut wie Schüler*innen in nicht inklusiven Klassen.
Es ist empirisch belegt, dass Kinder mit sogenanntem Förderbedarf im Gemeinsamem Unterricht mehr lernen, besser abschneiden als vergleichbare Schüler*innen an Förderschulen, im Vergleich bessere Schulabschlüsse erreichen und weniger von Stigmatisierung betroffen sind. Das gilt unabhängig vom konkreten Förderbedarf.
Allerdings sind inklusive Schulen und Klassen heute oft noch unzureichend mit personellen Ressourcen ausgestattet. In der aktuellen Diskussion um die Umsetzung schulischer Inklusion ist häufig von systematischer Unterfinanzierung die Rede. Damit ist gemeint, dass die schulische Inklusion finanziell schlechter dasteht als die Separation.
Schulen, die alle Kinder gemeinsam unterrichten sind langfristig weniger kostenintensiv als ein komplexes System unterschiedlicher Schultypen. Mangelhaft ausgebildete junge Menschen nachträglich zu qualifizieren ist ebenfalls teurer.
Was sagen Lehrkräfte zu Inklusion an Schulen?

Lehrkräfte sehen die Chancen inklusiver Bildung – doch die Realität hinkt hinterher. 62 Prozent halten gemeinsames Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung grundsätzlich für sinnvoll, aber nur 17 Prozent finden es unter aktuellen Bedingungen praktikabel. Hauptprobleme sind: fehlendes Fachpersonal, große Klassen und mangelnde Ausstattung.
Dies ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) unter Lehrkräften an allgemeinbildenden Schulen.
So kann Inklusion in der Zukunft gelingen

Tatsache ist: Inklusion läuft nicht an allen Schulen gut. So entsteht bei vielen Menschen der Eindruck, Inklusion sei der falsche Weg. Dass Inklusion aber an vielen Schulen gelingt, wird häufig übersehen. Und auch, dass für einen erfolgreichen inklusiven Unterricht bestimmte Bedingungen erfüllt sein müssen.
Zuallererst braucht es den Rückhalt durch die Politik: Land und Kommunen müssen Reformen in der Schulorganisation anstoßen und ermöglichen. Ob es nun um bauliche Veränderungen oder um Unterrichtskonzepte geht. Sie müssen Lehrer*innen auf die neue Vielfalt in den Klassenzimmern vorbereiten und zusätzlich Sonderpädagog*innen in den Schulen einsetzen. Und die Politik muss bereit sein, dafür Geld zu geben.
Aber: Geld ist nicht alles. Inklusion ist auch eine Frage der Haltung. Lehrer*innen müssen – ebenso wie Eltern von Kindern ohne Behinderung – offen für die Veränderungen in der Schule sein und konstruktiv zusammen arbeiten. Der Erfolg von schulischer Inklusion hängt also stark von den Menschen vor Ort ab.
Alle Beteiligten müssen sie wollen.
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