Inklusionsbarometer Jugend
Mit dem Inklusionsbarometer Jugend legt die Aktion Mensch erstmals eine Vergleichsstudie über die Teilhabechancen junger Menschen zwischen 14 und 27 Jahren in Deutschland vor. Die Ergebnisse sind ernüchternd: Junge Menschen mit Beeinträchtigung haben in allen untersuchten Lebensbereichen eine deutlich schlechtere Chance auf Teilhabe, machen häufiger Diskriminierungserfahrungen, und es treiben sie öfter Zukunftssorgen um. Auch fällt es ihnen deutlich schwerer, Freundschaften zu schließen.

Ähnliche Interessen, unterschiedliche Teilhabechancen
Über 1.400 junge Menschen wurden für die Studie in persönlichen Interviews befragt. Etwa die Hälfte von ihnen hat eine Beeinträchtigung. In den Antworten der Studienteilnehmer*innen wird deutlich: Ihre Bedürfnisse und Herausforderungen ähneln sich, unabhängig davon, ob sie eine Beeinträchtigung haben oder nicht. Jedoch sehen sich junge Menschen mit Beeinträchtigung in allen fünf untersuchten Teilbereichen – soziale Beziehungen, Alltagsleben, Selbstbestimmung, individuelle Entfaltung und Diskriminierung – mit deutlich größeren Herausforderungen konfrontiert. So verbinden zwar junge Menschen mit und ohne Beeinträchtigung die gleichen Vorlieben bei der Freizeitgestaltung. Allerdings haben Erstere weniger Möglichkeiten, diese gleichberechtigt wahrzunehmen und dabei zu sein – beispielsweise aufgrund des eklatanten Mangels an Barrierefreiheit. Dies gilt ebenso für ihren Schul-, Ausbildungs- und Berufsalltag.
Studie zum Download

Inklusionsbarometer Jugend
- Veröffentlichung: 03.09.2024
- 166 Seiten
- 58 Abbildungen
- 20 MB
Präsentation zur Studie als Kurzversion
In einer 18-seitigen Präsentation sind die wichtigsten Informationen zum Aufbau und den Ergebnissen der Studie zusammengefasst. Allen, die sich einen schnellen Überblick verschaffen wollen, bietet sie als Kurzversion einen guten ersten Eindruck.
Im Hinblick auf soziale Beziehungen geben junge Menschen mit Beeinträchtigung als wichtigste Stütze mit 72 Prozent die Familie an. Für junge Menschen ohne Beeinträchtigung liegen dagegen Freundschaften mit 86 Prozent auf Platz eins. Jungen Menschen mit Beeinträchtigung fällt es der Studie nach deutlich schwerer, neue Freundschaften zu schließen, als jungen Menschen ohne Beeinträchtigung. Freundschaften sind aber ein essenzieller Teil junger Lebenswelten, die die Persönlichkeitsentwicklung maßgeblich beeinflussen. Doch für den Aufbau von Freundschaften ist es wichtig, dabei sein zu können, was in vielen Fällen an physischen Barrieren oder Hemmungen und Unsicherheit scheitert. Infolgedessen fühlen sich junge Menschen mit Beeinträchtigung mit 26 Prozent doppelt so häufig einsam, wie junge Menschen ohne Beeinträchtigung.
Einige Ergebnisse aus der Studie
Darüber hinaus bemängelt mehr als die Hälfte, dass ihnen zu wenig zugetraut wird – gegenüber lediglich 29 Prozent der Jugendlichen ohne Beeinträchtigung. Das wirkt sich negativ auf das Selbstbewusstsein und das Gefühl der Selbstwirksamkeit aus. So glaubt die Hälfte der Befragten mit Beeinträchtigung, andere in ihrem Alter könnten viel mehr als sie selbst.
Mit ihrem Leben insgesamt zufrieden ist nur die Hälfte der befragten jungen Menschen mit Beeinträchtigung – gegenüber mehr als drei Viertel derjenigen ohne Beeinträchtigung. Zudem treiben Erstere deutlich mehr Zukunftssorgen um.
Die Ergebnisse der vorliegenden Studie zeigen: Eine gleichberechtigte Teilhabe aller Teilgruppen der Gen Z insgesamt sicherzustellen, ist bislang nur unzureichend gelungen. Ganz besonders gilt das im Hinblick auf die in sich heterogene Gruppe junger Menschen mit Beeinträchtigung. Mehr als 15 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention ein beschämendes Zeugnis und gleichzeitig ein Weckruf, Angebote für Jugendliche endlich inklusiv zu denken. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, alle jungen Menschen in die Gestaltung der für sie relevanten Lebensbereiche einzubeziehen.
Drei Wege zu mehr Teilhabe: Interview mit Gramoz Krasniqi
Gramoz Krasniqi, 28, lebt in Düsseldorf und arbeitet als Sozialarbeiter an einer inklusiven Realschule. In seiner Freizeit rappt er unter dem Namen „Rolling G“. 2023 nahm er zusammen mit Eko Fresh und Onita Boone für die Aktion Mensch den Song „Neue Wege“ auf.
Handlungsansätze und Schlussfolgerungen
Abgeleitet von den Kernergebnissen der Studie lassen sich Gelingensfaktoren und Handlungsansätze als Schlussfolgerungen für verschiedene Akteur*innen formulieren, die im Jugendkontext tätig sind. Diese Hebel sind wichtige Faktoren für eine inklusive Gestaltung junger Lebenswelten und müssen intensiver als bislang verfolgt werden:
- Diskriminierung vorbeugen und abbauen.
- Inklusive Begegnung ermöglichen
- Freizeitangebote inklusiv und barrierefrei ausrichten
- Bildungswege inklusiv öffnen und ausbauen
- Familien stärken und entlasten
- (Soziale) Medien verstehen und kompetent nutzen
- Selbstbestimmte Lebensführung individuell unterstützen
- Persönlichkeitsentwicklung fördern und stärken
- Beteiligungsangebote jugendgerecht gestalten
Über die Studie
Durchgeführt wurde die Studie von der Aktion Mensch in Zusammenarbeit mit dem Sozialforschungsinstitut Ipsos Public Affairs und einem Kreis von Ko-Forschenden. Er bestand aus einer jungen, divers zusammengesetzten Gruppe von Menschen mit und ohne Beeinträchtigung im Alter der Befragten, die von der Planung bis zur Auswertung die Arbeit an der Studie in allen Phasen begleitet und mitbestimmt haben. So war sichergestellt, dass die Perspektive der Beforschten von Anfang an in die Studienentwicklung eingebunden war.
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