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Analphabetismus in Deutschland

Jeder siebte Erwachsene in Deutschland ist funktionaler Analphabet. Aber was genau heißt das eigentlich? Und was sind die Ursachen?

8. März 2021|1 Minuten Lesedauer|Anja Schimanke
Ein junger Mann mit Brille beugt sich über ein Papier, das auf einem Tisch liegt. Seinen Finger nutzt er als Lesehilfe.

„Füllen Sie mir das bitte schnell noch aus“, sagt die Zahnarzthelferin und reicht Arnold Reinhard (Name geändert) ein Klemmbrett. Darauf ein Zettel mit vielen Fragen zu seiner Gesundheit. Damit hat Arnold Reinhard gerechnet – und wird dennoch nervös. Sein Lächeln wirkt gequält, als er auf seinen Arm zeigt, der in einer Schlinge steckt: „Könnten Sie das Schreiben für mich übernehmen?“

Mit Reinhards Arm ist alles in Ordnung, die Schlinge eine Attrappe, die Verletzung nur simuliert. Echte Probleme hat er mit dem Lesen und Schreiben. Einen Fragebogen ausfüllen? E-Mails beantworten? Lesen, was auf seinem Display steht? Das schafft er oft auch mit viel Zeitaufwand nicht. Arnold Reinhard ist funktionaler Analphabet. Im Gegensatz zu Analphabeten, die keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse haben, kann Arnold Reinhard zwar einzelne Wörter und Sätze lesen und schreiben, aber nicht immer verstehen.

Oft für dumm gehalten

Warum er das nicht offen zugibt? „Man wird für dumm gehalten, wenn man nicht lesen und schreiben kann“, sagt der zweifache Familienvater. Darum meidet er möglichst solche Situationen und geht nur im Notfall zu Ärzten*Ärztinnen und Ämtern. Zu Hause übernimmt seine Frau für ihn den Schreibkram. Kolleg*innen im Betrieb, in dem er als Schichtführer arbeitet, hält Arnold Reinhard „bewusst auf Sicherheitsabstand“. Er weiß aber von drei Mitarbeiter*innen, die ebenfalls Probleme mit der Schriftsprache haben. Offen zugegeben hat das nur eine*r.

Was sind die Gründe für Analphabetismus?

Funktionaler Analphabetismus hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Er entsteht vielmehr durch ein Zusammenspiel von individuellen Faktoren - zum Beispiel in der Familie, der Schule oder Gesellschaft. Trotzdem leiden viele Betroffene unter Minderwertigkeitskomplexen und haben schon in jungen Jahren verletzende Erfahrungen gemacht.

Wie verbreitet Analphabetismus ist und andere Fakten

Jeder siebte Erwachsene

in Deutschland ist funktionaler Analphabet.


7,5 Millionen Menschen

zwischen 18 und 64 Jahren können zwar einzelne Sätze lesen oder schreiben, haben aber Probleme, zusammenhängende kürzere Texte zu verstehen.


Jeder zweite funktionale Analphabet

hat Deutsch als Muttersprache, der Großteil einen Schulabschluss und mehr als die Hälfte einen Job.


Jede*r Vierte

in Berufen, in denen der Anteil funktionaler Analphabeten überdurchschnittlich hoch ist, kann nicht lesen und schreiben. Das sind Hilfsarbeiter*innen auf dem Bau (jeder Zweite) sowie Köche*Köchinnen, Maler*innen und Lkw-Fahrer*innen.


Die Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung

hat das Bundesbildungsministerium 2015 ausgerufen, um die Lese- und Schreibkompetenzen von Erwachsen in Deutschland bis 2026 deutlich zu verbessern. Dazu werden Bildungsangebote und Selbstlern­möglichkeiten geschaffen.

(K)ein Tabu am Arbeitsplatz

Das Ergebnis einer Studie der Stiftung Lesen zeigt: Ein Drittel der Mitarbeiter*innen in Betrieben und Unternehmen kennen oder vermuten funktionalen Analphabetismus bei mindestens einem*r Kolleg*in. Einige haben es vom Betroffenen selbst erfahren. „Analphabetismus am Arbeitsplatz ist kein echtes Tabu, und Betroffene werden nicht diskriminiert“, sagt Dr. Simone C. Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen.

Ablehnung oder gar eine Stigmatisierung, wie Arnold Reinhard und andere Betroffene befürchten, gibt es meist nicht. So wissen beispielsweise auch 42 Prozent der befragten Arbeitgeber, welche Mitarbeiter*innen schlecht lesen und schreiben können, und setzen sie in den Bereichen ein, wo diese Fähigkeiten nicht nötig sind. Darüber hinaus helfen Symbole wie Farbkarten oder eben andere Mitarbeiter*innen weiter. Pragmatische Umgangsweise, nennt das die Wissenschaftlerin. Das sei positiv wie negativ. Erführen Betroffene viel Unterstützung, werde das Problem verdeckt.

Tipp! Einfache Sprache für den Einstieg

Eine große Hilfe für den Einstieg ins Lesen und Schreiben bieten Texte in Einfacher Sprache. Sie sind so geschrieben, dass etwa 95 Prozent der Menschen in Deutschland sie lesen und verstehen können: Ein Satz hat in der Regel nicht mehr als 15 Wörter und höchstens ein Komma. Auf Fremdwörter wird, wo es geht, verzichtet, oder sie werden erklärt.

Menschen mit Leseschwierigkeiten profitieren besonders von Einfacher Sprache.

Du willst mehr über Einfache Sprache erfahren? In unserem kostenlosen Selbstlernkurs findest du viele spannende Infos sowie Übungen rund ums Thema Einfache Sprache.

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