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Inklusion im Breitensport

Wo stehen wir in Deutschland?

Professor Dr. Thomas Abel von der Deutschen Sporthochschule Köln erklärt im Interview, wie inklusiv Sport in Deutschland ist – und wie er noch inklusiver werden kann.

11. März 2022|5 Minuten Lesedauer
Eine inklusive Basketball-Mannschaft hebt die Hände in die Luft.

Interview mit Professor Dr. Thomas Abel 

Auf einer Skala von 1 bis 10: Wie weit sind wir mit Inklusion im Sport in Deutschland insgesamt?

Da muss ich differenzieren: Für die Auseinander­setzung mit dem Thema „Inklusion im Sport“ gebe ich uns im Großen und Ganzen sechs Punkte, denn wir sind schon weit gekommen. Die Haltung zum gemeinsamen Sport von Menschen mit und ohne Behinderung hat sich deutlich verändert, auch die Wahr­nehmung und der Bekanntheits­grad der Thematik. Wir verfügen zudem über deutlich mehr Räume, in denen wir uns begegnen können. Wenn ich mir allerdings anschaue, wie viele Menschen mit Behinderung tatsächlich am Breiten­sport teilnehmen, muss ich die sechs Punkte leider auf vier oder sogar zwei korrigieren. Der Bundes­teilhabe­bericht des letzten Jahres zeigt, dass nur 32 Prozent der Menschen mit Behinderung regel­mäßig Sport machen, unter den Menschen ohne Behinderung sind es 48 Prozent. Ganze 55 Prozent der Menschen mit Behinderung geben an, gar keinen Sport zu treiben. Wir wissen, dass Menschen mit Behinderung die Liebe zum Sport mit den Menschen ohne Behinderung teilen. Dass wir trotzdem diese Differenz in den Zahlen sehen, ist eine negative Offenbarung, die zeigt: Unter uns gibt es viele Menschen, denen der Zugang zum Sport verwehrt wird oder die ihn erst gar nicht finden.

Zwei Tennis-Spielerinnen in einer Tennis-Halle, eine ist Fußgängerin, die andere Rollstuhlfahrerin.

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich da?

Im globalen Vergleich gar nicht so übel, denn viele Länder ermöglichen Menschen mit Behinderung gar keine Teil­habe gemäß Artikel 30 der UN-Behinderten­rechts­konvention. Sobald wir Deutschland aber mit Ländern vergleichen, die einen ähnlichen sozio­ökonomischen Status haben, müssen wir zugeben, dass viele Länder Inklusion besser umsetzen. Die Benelux-Staaten und Skandinavien sind beispielsweise schon deutlich weiter als wir, aber auch die USA, bei denen wir das vielleicht gar nicht erwarten würden. 

Was steht inklusiven Sport­angeboten im Weg?

Die größten Hürden sind aus meiner Sicht Hemmungen und Berührungs­ängste. Diese sehen wir auf beiden Seiten, bei Menschen mit und ohne Behinderung. Die Lösung ist hier, mutig das Mit­einander zu wagen und Ängste offen anzusprechen. Außerdem ist die Mobilität ein großes Problem, die Frage, wie ich von A nach B komme. Hier braucht es Hilfs­mittel und Transport­dienste. Zudem braucht es barriere­arme Sport­anlagen, wir müssen beim Bau von Sport­stätten von Anfang an inklusiv denken. Auch fehlt es an Vermittlung zwischen denen, die ein Angebot suchen, und den Vereinen, die eins anbieten können. 

Etwas komplexer ist die Lage beim Leistungs­sport. Dessen selektive Funktion setzt der Inklusion Grenzen, aber das ist immer so im Leistungs­sport und stellt für mich nicht unbedingt ein Problem dar. Es gibt Bereiche, in denen diese selektive Herangehens­weise Sinn ergibt. Mir gefällt der Ansatz, häufiger zur gleichen Zeit am gleichen Ort den gleichen Leistungs­sport zu machen, wenn auch mit unter­schiedlichen Wertungen, je nach vorhandener oder nicht vorhandener Behinderung.

Drei Menschen mit und ohne Behinderung beim Kegeln.

Was sind Erfolgsfaktoren für das Gelingen von Inklusion im Sport?

Ein großer Erfolgsgarant ist immer das Kennen­lernen: Wenn wir Ängste durch Begegnungen minimieren, Möglichkeiten erkennen und Spaß am gemeinsamen Sport haben. Ich würde mir wünschen, dass all die Menschen, die in unserer Politik eine wichtige Rolle spielen, selbst an inklusiven Sport­angeboten teilnehmen. Dann würden die Belange von Menschen mit und ohne Behinderung auto­matisch viel eher mitgedacht. Aus gemeinsamem Sport entsteht Haltung, und Haltung zieht Veränderung nach sich.

Was kann den inklusiven Sport weiter voranbringen?

Da kommt die Politik ins Spiel, und Politik folgt bekanntlich gesellschaftlichen Strömungen. Wir brauchen also eine Lobby. Jeder Kreis-, Stadt- oder Landes­sportbund müsste sich klar für die Wichtigkeit der Belange von Menschen mit Behinderung aussprechen und entsprechend agieren. Auch Schulen profitieren sehr von dem partizipativen Aspekt des inklusiven Sports. Die Ausbildung der Übungs­leiter*innen müsste angegangen werden, außerdem die Schaffung von Begegnungs­räumen. Wir brauchen weitere Förderungen und Gesetze.

Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung ein?

Der große Hype ist vorbei. Aktuell ist der politische Rücken­wind weg, den wir vor einigen Jahren in diesem Bereich hatten. Es stehen andere wichtige Themen im Vordergrund wie Migration, Pandemie, die Bedrohung unserer Demokratie, Kürzungen beim den Sozial­ausgaben. Aber wir müssen die Perspektive der Menschen mit Behinderung im Blick behalten, egal, wie viele andere wichtige Themen es außerdem gibt.

Ich denke, einiges wird sich beim Thema Inklusion im Sport selbst­ständig weiter­entwickeln. Ich blicke nicht mit düsterer Miene in die Zukunft, sondern bleibe offen, optimistisch und stolz auf das, was schon geschafft ist. Wichtig ist es jetzt, die Bemühungen zumindest aufrechtzuerhalten, sie am besten sogar zu verstärken.

Hintergrund zu Professor Dr. Thomas Abel

Portrait von Prof. Dr. Thomas Abel

Thomas Abel promovierte 2002 im Fach Sport­medizin an der Deutschen Sport­hochschule in Köln und ist dort seit 2003 am Institut für Bewegungs- und Neuro­wissenschaft tätig. Die Professur für Para­lympischen Sport hat er seit 2014 inne und ist zudem Rektorats- und Senats­beauftragter für Studierende mit Behinderung.

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