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Brailleschrift

Ein Symbol für Selbstbestimmung

Seit Louis Braille im Jahr 1825 sein taktiles Schrift­system entwickelte, hat es Millionen von Menschen weltweit Zugang zu Bildung, Kultur und Selbst­bestimmung verschafft. Die Rede ist von der Braille­schrift. Im Jahr 2025 feiert diese ihr 200-jähriges Bestehen. Für viele blinde und sehbehinderte Menschen bleibt die Braille­schrift bis heute ein unverzichtbares Werk­zeug.

13. Juli 2026|8 Minuten Lesedauer|Stefanie Wulff
Eine Person liest Brailleschrift

Wie die Braille­schrift entstanden ist

Die Geschichte der Braille­schrift beginnt 1825 mit einem französischen Jungen namens Louis Braille. Im Alter von 16 Jahren entwickelte der nach einem Unfall erblindete Jugendliche ein einfaches, tast­bares Punkt­system und damit eine uni­verselle Schrift­form für Blinde. Mit Entwicklung der Braille­schrift wurde also Lesen und Schreiben für blinde und seh­behinderte Menschen möglich. Bis dahin waren sie in weiten Teilen von schriftlicher Kommunikation und grund­sätzlich von Bildung ausgeschlossen. Die Entwicklung der Braille­schrift war somit ein Meilen­stein auf dem Weg zu mehr Bildungs­gerechtigkeit, Selbst­bestimmung und Inklusion für blinde Menschen. Was viele nicht wissen: Louis Brailles Erfindung wurde erst Jahre nach seinem Tod offiziell anerkannt. Zunächst in Frankreich, später auch darüber hinaus. Heute gibt es Brailleschrift in fast allen Sprachen.

Meilensteine der Brailleschrift

Von der Erfindung eines französischen Jungen zu digitalen Braille-Systemen heute.

So funktioniert Brailleschrift

Die Basis der Brailleschrift bilden sechs Punkte, die in zwei senk­rechten Reihen mit je drei Punkten neben­einander angeordnet sind. Ein Raster von sechs Punkten hat sich deshalb bewährt, weil dieses Muster gut mit den Finger­kuppen erkannt werden kann. Außerdem sind die Punkte viel leichter zu ertasten als zum Beispiel die erhaben dargestellten Buchstaben des lateinischen Alphabets. Die genauen Maße und die Form der Braille­punkte sind standard­mäßig festgelegt und gelten weltweit.

Um zu erklären, wie Braille­schrift funktioniert, wird oft das Beispiel eines Eier­kartons für sechs Eier verwendet: Die Mulden sind durch­nummeriert von 1 bis 6. Je nachdem, welche Positionen mit einem Ei gefüllt sind, entsteht ein Buchstabe. Liegt beispielsweise nur ein Ei (ein Punkt) an Position 1 (oben links), ergibt das ein A. Liegen zwei Eier an den Positionen 1 und 2, entsteht ein B. Je nachdem, wie viele Eier im Karton sind und wo Felder leer bleiben, ergeben sich verschiedene Buch­staben, Ziffern oder Satz­zeichen.  

Brailleschrift-Versionen

In Deutschland werden in der Regel drei Versionen der Brailleschrift verwendet:

  • Die Basisschrift: Sie umfasst das Alphabet, Zahlen- und Satzzeichen. 
  • Die Vollschrift: Sie enthält zusätzliche Zeichen für Doppellaute wie au, eu, äu, ei sowie für ch und sch. 
  • Die Kurzschrift: Diese Schrift dient dem schnellen Lesen und Schreiben, da sie Abkürzungen für Wörter, Lautgruppen und Silben verwendet. 

Daneben gibt es Spezialschriften, etwa für Mathematik oder Musik. Für das Arbeiten am Computer existiert das sogenannte Computerbraille, das nicht auf sechs, sondern auf acht Punkten basiert. 

Wie man Braille schreiben kann

Per Hand: Wer per Hand schreibt, macht dies mit einer Schablone und einem Griffel: Punkt für Punkt wird von rechts nach links ins Papier gestochen, damit der Text auf der Rückseite ertastbar ist. 

Mechanisch schreiben lässt sich mit einer Punktschriftmaschine. Das ist eine Art Schreibmaschine mit sechs Tasten, von denen jede einem Punkt der Brailleschrift entspricht. 

Am Computer kommt moderne Technik zum Einsatz: sogenannte Braillezeilen wandeln Text vom Bildschirm in tastbare Punkte um, die sich mechanisch heben und senken. Über Braille-Tastaturen können Nutzer*innen Texte eingeben, die der Computer in Normalschrift übersetzt.

Auch auf Smartphones ist Braille inzwischen angekommen. Virtuelle Braille-Tastaturen verwandeln den Bildschirm in eine Tastfläche mit sechs Punkten. Mit je drei Fingern der linken und rechten Hand tippt man Buchstaben wie auf einer Punktschriftmaschine. Vibrationssignale und Sprachausgabe helfen bei der Orientierung, wo sich die jeweiligen Punkte befinden. 

Wie du Braille lernen kannst

Blinde Schüler*innen lernen Braille in der Regel in Förder­schulen mit dem Schwer­punkt Sehen. Beispiele sind die Deutsche Blindenstudienanstalt (blista) in Marburg oder die Louis-Braille-Schule in Lebach im Saar­land. Auch an Regel­schulen wird Brailles­chrift im Rahmen inklusiven Unterrichts vermittelt. Hier kommen meist spezialisierte Lehr­kräfte im Rahmen von mobilen Diensten in die Schulen, um blinde und seh­behinderte Schüler*innen vor Ort zu unterrichten. 

Auch Erwachsene können die Punkt­schrift erlernen. Kurse in Präsenz­unterricht bieten verschiedene Blinden- und Seh­behinderten­zentren, unter anderem der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV), der auch bei der Suche nach lokalen Lehr­kräften behilflich sein kann. Wer lieber selbständig oder online lernen möchte, kann mittler­weile auch online auf viele Materialien oder Lern­software zurückgreifen. 

Mehr dazu erfahren Sie unter anderem beim DBSV, bei der blista oder beispielsweise auf der Plattform fakoo.de. Auch verschiedene Apps wie den Braille Tutor und den Braille-Trainer für iOS können Lernwillige dazu nutzen. 

Literatur in Brailleschrift finden

Wer auf der Suche nach Büchern in Brailleschrift ist, wird in herkömmlichen Buch­handlungen selten fündig. Doch es gibt spezialisierte Biblio­theken, zum Beispiel diese: 

Braille auch nach 200 Jahren noch wichtig

Braille­schrift ist mehr als nur ein Schrift­system. Sie ist ein Schlüssel zur gesellschaft­lichen Teilhabe. Laut der Europäischen Blindenunion (EBU) bleibt Braille auch im digitalen Zeit­alter unverzichtbar, denn die Punkt­schrift fördert durch Lesen und Schreiben aktive, kognitive Pro­zesse. Reine Sprach­ausgaben von Texten können diese Funktion nicht erfüllen. Somit ist Braille­schrift weiterhin von großer Bedeutung, um die Bildung von blinden und seh­behinderten Menschen zu stärken.  

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) betont zudem, dass Braille als Voraus­setzung für Selbst­bestimmung und Unabhängigkeit unabdingbar ist. Nur wer lesen und schreiben kann, dem ist es möglich am kulturellen und beruflichen Leben gleich­berechtigt teil­zunehmen. Moderne Technik erweitert heute die Zugangs­möglichkeiten zu Informationen erheblich, doch sie ersetzen die Braille­schrift nicht. Die Förderung des Braille­unterrichts und der Zugang zu Braille­literatur bleiben daher auch über den 200. Geburtstag der Braille­schrift hinaus ein zentrales Anliegen von Blinden­verbänden in Deutschland und Europa. 

„Braille bedeutet weit mehr als reines Lesen“ 

Rainer Delgado ist Referent für Soziales beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV). Im Interview erklärt er, weshalb mehr Braille in der Bildung und im Alltag nötig ist:

Brauchen wir in der digitalen Welt noch Brailleschrift?  

Warum wird diese Frage eigentlich nur blinden Menschen gestellt? Auch Sehende könnten sich alles vorlesen lassen – und trotzdem möchte niemand auf geschriebene Sprache verzichten. Braille bedeutet weit mehr als reines Lesen. Wer sie nutzt, arbeitet aktiv mit Sprache: beim Schreiben, Sprachenlernen oder beim präzisen Erfassen von Inhalten. Braille-Leser*innen haben oft ein besseres Textverständnis als Personen, die ausschließlich Sprachausgabe verwenden. 

Gibt es ausreichend Bildungsangebote, um Brailleschrift lernen zu können? 

Nein! Besonders kritisch ist der Mangel an qualifizierten Lehrkräften. Es gibt zu wenig Braille-Unterricht – sowohl in der Schule als auch für Menschen, die erst im späteren Leben erblinden. Der DBSV bildet daher im Rahmen eines von Aktion Mensch geförderten Projekts neue Lehrkräfte aus. Die Finanzierung muss aber dauerhaft gesichert werden – etwa durch Krankenkassen oder die Eingliederungshilfe. 

Braille ist mehr als nur eine Schrift, die man täglich nutzt wie eine Zahnbürste. Sie ist Teil der eigenen Identität.

Reiner Delgado, Referent für Soziales beim DBSV

Reiner Delgado

Wo fehlt Brailleschrift im Alltag besonders?

Im öffentlichen Raum gibt es viel Nachholbedarf: Braille auf Türschildern, Aufzügen, Geländern oder Produkten ist oft Mangelware. Wenn Produkte in Braille beschriftet wären, würde das vielen blinden Menschen das Einkaufen oder Kochen enorm erleichtern. Und auch im digitalen Bereich hapert es: Internetseiten und E-Books müssen so gestaltet sein, dass sie sich mit Braille-Displays barrierefrei lesen lassen – bislang ist das noch keine Selbstverständlichkeit. 

Hat denn die Brailleschrift heute noch eine Zukunft?

Ja, die Schrift ist genial und hat sich erstaunlich anpassungsfähig an moderne technische Entwicklungen erwiesen. Es gibt weltweit viele Menschen, die enthusiastisch für Braille arbeiten und sowohl Kinder als auch erblindete Erwachsene begeistern sich für Braille. Gerade hatten wir im Seminar für Braille-Lehrkräfte einen Teilnehmer, der erst vor einem Jahr Braille gelernt hat und es jetzt an andere weitergeben will. Das macht Mut.   

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