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Wie gründe ich eine inklusive WG?

Immer mehr Menschen mit Behinderung entscheiden sich für das Leben in einer inklusiven Wohn­gemeinschaft (WG). Dort kochen und essen die Bewohner*innen gemeinsam, sie verbringen einen Teil ihrer Freizeit zusammen und können sich eine Assistenz teilen. Natürlich gibt es auch Pflichten im Alltag, die die WG-Mitglieder gemeinsam bewältigen müssen: Kochen, Putzen und Einkaufen zum Beispiel.

22. Mai 2024|9 Minuten Lesedauer|Marion Theisen
Fünf junge Frauen lachen an einem großen Tisch.

Natürlich kannst du in eine bestehende inklusive WG einziehen. Entsprechend musst du aber das dortige Regel­system und die vorhandenen Mitbewohner*innen akzeptieren. Außerdem ist es teilweise schwierig einen Platz in einer solchen WG zu ergattern. Wenn du selbst eine WG gründest, hast du jede Menge eigenen Gestaltungs-Spielraum. Diese Dinge solltest du beachten:

Was ist inklusives Wohnen in einer Wohn­gemeinschaft?

Menschen mit und ohne Behinderung leben selbstbestimmt zusammen. Alle haben je ein eigenes Zimmer. Wohnzimmer, Küche und Bad teilen sie sich. Die Mitbewohner*innen helfen sich, wo es nötig ist, und gestalten einen Teil ihres Alltags gemeinsam. Das kann in einer Wohn­gemeinschaft, einer Haus­gemeinschaft oder auch im Austausch mit der Nachbar­schaft sein.

Der Vorteil ist: Die Bewohner*innen sind nicht einsam, sondern immer im Austausch mit anderen Menschen. Der Nachteil: Natürlich müssen viele Dinge gemeinsam geregelt und besprochen werden. Hin und wieder gibt es Streit. Aber man ist trotzdem aufeinander angewiesen. Ein bisschen wie in einer Familie. 

Wer wieviel Unterstützung im Alltag braucht oder gibt, ist von WG zu WG unterschiedlich. Vielleicht umfasst die Hilfe die gesamte Haushalts­führung. Vielleicht nur die Garten­pflege und gelegentliches Einkaufen. Das musst du von Fall zu Fall mit den Mitbewohner*innen aushandeln und organisieren.

Für die Unterstützung kannst du einen Assistenz-Dienst oder einzelne Assistenzen beschäftigen. Du kannst auch „Wohnen für Hilfe“ anbieten: Das heißt, jemand wohnt mit in der WG, zahlt aber weniger Miete. Dafür hilft er oder sie bei bestimmten Aufgaben.

Inklusive WGs kennenlernen

Um einen Eindruck zu bekommen, kannst du auch bestehende inklusive WGs besuchen und den Bewohner*innen Ihre Fragen stellen. Projekte in deiner Nähe findest du unter anderem in dieser Übersichts-Karte:

Welche Rechts­formen der inklusiven Wohn­gemeinschaft gibt es?

Wenn du eine inklusive WG gründen möchtest, ist zunächst die Frage, wie du diese rechtlich organisierst. Das ist wichtig, um finanzielle Unterstützung zu beantragen. Es ist gut, als sogenannte Körperschaft auftreten zu können. Auch bei der Planung der Assistenzen ist das relevant. 

Auch das Zusammen­leben der Bewohner*innen mit und ohne Behinderung sollte klar geregelt sein: Wer hat welche Rechte und Pflichten? 

Du hast verschiedene Möglichkeiten der rechtlichen Organisation. Zum Beispiel kannst du deine Wohn­gruppe als gemeinnützig anerkennen lassen. Das bringt steuerliche Vorteile. Voraussetzungen dafür sind unter anderem:

  • Die WG muss prinzipiell offen für alle sein. 
  • Das Projekt unterstützt das selbstbestimmte Leben von Menschen mit Behinderung. 
  • Bürgerschaftliches Engagement wird gefördert. 

Die Gemeinnützigkeit gibt es zum Beispiel in Vereinen, Stiftungen oder auch in gemeinnützigen GmbHs (gGmbH). Aber Achtung! Eine wichtige Frage ist, wer im Schadens­fall haftet. Beim Verein ist das zum Beispiel der gesamte Vorstand. Hier kann eine Versicherung helfen. Bei einer gGmbH haftet die Geschäfts­führung in der Regel nicht mit ihrem Privat­vermögen.

Die möglichen Rechtsformen im Überblick:

Überlege, welche Rechts­form du wählen möchtest. Entsprechend kannst du bei sozialen Trägern anfragen, ob sie mit in das Projekt einsteigen möchten. Oder du legst selbst los: Dann suchst du dir eine Wohnung, nette Mitbewohner*innen und die passgenaue Unterstützung von einem Assistenz-Dienst.

Wie finde ich Mitbewohner*innen für meine inklusive WG?

Gemeinsam Wohnen bedeutet eine große Nähe. Deshalb ist es wichtig, Menschen zu finden, mit denen du dich gut verstehst. Besprecht im Vorfeld miteinander, wie ihr euch das gemeinsame Wohnen vorstellt. Vielleicht besucht ihr auch verschiedene Projekte in eurer Nähe, schaut euch die möglichen Formen des gemeinsamen Wohnens an und sprecht mit den Menschen dort. 

So kannst du mögliche Mitbewohner*innen kennenlernen:

  • Frag in deinem Freundes- und Bekannten­kreis, wer Lust hat, die Idee mit dir gemeinsam umzusetzen.
  • Such aktiv über Gruppen in den Sozialen Medien wie Facebook oder Instagram.
  • Wirf einen Blick in die Wohnprojekte-Karte von Wohn:Sinn , oder erstelle dort einen neuen Gesuch-Auftrag.
  • Melde dich bei der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) oder die Koordinierungs-, Kontakt und Beratungs­stelle (KoKoBe) in deiner Nähe. Vielleicht kennen die Mitarbeitenden dort noch andere Interessenten für eine inklusive WG.

Wenn deine Wohn­gemeinschaft komplett ist: Lernt euch in Ruhe kennen. Trefft euch, um über gemeinsame Wünsche und Ziele zu sprechen. Klärt, wer welche Unterstützung braucht oder geben kann. Und wer diese Unterstützung geben soll: Ein*e Mitbewohner*in oder eine externe und ausgebildete Assistenz?

Wichtige Fragen sind in diesem Zusammenhang auch, wie barrierefrei die Wohnung oder das Haus sein soll. Und wie zukünftige Mitbewohner*innen ausgewählt werden sollen, wenn ein Mitglied der WG auszieht.

Inklusive WG gründen: Wie finde ich eine passende Wohnung?

Bezahlbaren Wohnraum zu finden, ist im Moment nicht einfach. Vor allem in großen Städten und in Ballungsräumen gibt es für jede Wohnung sehr viele Bewerber*innen. Soll die Wohnung darüber hinaus auch barrierefrei sein, wird die Wohnungssuche zu einer noch größeren Herausforderung. Wie kleinere Barrieren in einer vorhandenen Wohnung abgebaut werden können, erfährst du hier.

So kannst du bei der Wohnungssuche vorgehen, um dein WG-Projekt zu starten: 

  • Kläre mit deinen zukünftigen Mitbewohner*innen, wo die Wohnung idealerweise liegen sollte: Im Zentrum oder lieber im Grünen? Auch finanziell solltet ihr euch einigen: Was ist der höchste Preis, den wir gemeinsam bezahlen können? Wie barrierefrei muss die neue Wohnung sein?
  • Vielleicht kannst du oder ein*e Mitbewohner*in einen so genannten „Mehrbedarf bei Wohnraum“ beantragen. Wer Bürger­geld oder Grund­sicherung bekommt und eine Behinderung hat, kann zusätzlich Geld für eine barrierefreie Wohnung bekommen. Das könnt ihr in eurem Budget berücksichtigen.
  • Formuliere eine kurze Beschreibung zu deinem Projekt. Am besten mit Fotos und ein paar Worten zu allen Beteiligten. Diese Informationen kannst du bei jeder Bewerbung auf eine Wohnung mitschicken. 
  • Schau im Internet in die gängigen Portale: Immoscout24, Immowelt, Immonet und Wohnungsbörse zum Beispiel. Nimm Kontakt auf, um dein Interesse an einer Wohnung zu bekunden.
  • Wende dich gezielt an Institutionen, die einen sozialen Hintergrund haben: Wohnungsbau-Genossenschaften, Caritas, Diakonie, DRK, AWO oder Ähnliche. Sie können Multiplikatoren für Ihr Projekt sein, zum Beispiel indem sie auf ihrer Homepage darüber berichten. Vielleicht könne sie aber auch mit ihren Kontakten innerhalb der Kommune helfen.
  • Frag im Freundes- und Bekanntenkreis, ob jemand eine Idee hat. Wenn alle Mitbewohner*innen das tun, erreicht ihr viele Menschen.
  • Vereinbart einen Zeitpunkt, an dem die erste Runde der Wohnungssuche enden soll. Wenn ihr bis dahin nichts gefunden habt: Setzt euch erneut zusammen und überlegt, welchen Kompromiss ihr gemeinsam eingehen könnten. Doch lieber raus aufs Land? Mehr Geld ausgeben? Oder auch mal kleinere Wohnungen anschauen?
  • Wenn die nächste Runde auch erfolglos bleiben sollte: Überlegt, ob ihr gemeinsam ein Haus bauen (lassen) wollen. Als Investoren kommen zum Beispiel Städte und Gemeinden, Kirchen oder auch Genossenschaften in Frage.

Wo bekomme ich Beratung und Unterstützung?

Die Ergänzende Unabhängige Teilhabe­beratung (EUTB) hat Beratungsstellen in ganz Deutschland. Die Ansprechpartner*innen haben selbst eine Behinderung. Sie kennen sich gut aus und haben Kontakte zu allen relevanten Stellen. Hier findest du die EUTB in deiner Nähe:

Das bundesweite Projekt WOHN:SINN bietet in seinen vier Regionalstellen ebenfalls persönliche Beratung zu inklusiven Wohnprojekten an:

Menschen einer sogenannten kognitiven Beeinträchtigung können sich an die Lebenshilfe wenden:

Viele Städte und Gemeinden haben eigene Beratungsstellen zum Thema „Behindertengerecht Wohnen“.

Auch die Landschafts­verbände unterstützen. Hier ein Beispiel vom Landschaftsverband Rheinland:

Tipps für den Wechsel vom Wohnheim in eine Wohn­gemeinschaft gibt es bei den Maltesern:

Einen Leitfaden mit dem Schwerpunkt auf Menschen mit sogenannten kognitiven Einschränkungen findest du hier:

Eine inklusive WG gründen: Was muss ich alles erledigen?

Eine barrierefreie Wohnung suchen, passende Mitbewohner*innen finden oder die Finanzierung des WG-Projekts klären: Bei der Gründung einer inklusiven WG ist viel zu tun. Damit das Vorhaben klappt, müssen einige Schritte beachtet werden. Dabei ist der “Leitfaden zur Gründung inklusiver Wohnprojekte” von Wohn:Sinn eine gute Unterstützung. Zu jedem Schritt erhälst du detaillierte Tipps und Ratschläge.

Wo bekomme ich finanzielle Hilfen?

Je nach Behinderung können verschiedene Träger unterstützen:

  • Die Unfall­versicherung, wenn die Behinderung die Folge eines Arbeits­unfalls, Wege­unfalls oder einer Berufs­krankheit ist.
  • Die Agentur für Arbeit oder das Job­center, wenn der Umzug in einem Zusammenhang mit einer beruflichen Reha steht.
  • Das Integrations­amt oder Inklusions­amt, wenn es um Teilhabe am sozialen Leben geht.
  • Die Pflegekassen, wenn es um Zuschüsse zur Verbesserung des individuellen Wohn­umfelds geht. 

Wenn du nur ein geringes Einkommen hast, kannst du bei deiner Stadt oder deinem Kreis Wohn­geld beantragen. Bundesweit gültige Informationen findest du hier: https://www.wohngeld.org/antrag/ 

Auch für den barrierefreien Umbau einer Wohnung kannst du Geld beantragen. Zum Beispiel für breitere Türen, einen Aufzug, eine Dusche oder eine Lichtklingel. Die Anträge findest du auf der Internet-Seite deiner Stadt oder deines Kreises. 

Du kannst bei deinemLandschafts­verband ein Persönliches Budget / Eingliederungshilfe beantragen. Mit diesem Geld kannst du deine Assistenz(en) bezahlen. Weitere Gelder kann es für Geräte und Maßnahmen geben, die den Alltag erleichtern, wie zum Beispiel Rampen oder Treppenlifte. 

Die Kranken- und Pflegekassen bieten teilweise eine Anschub-Finanzierung für Wohn­gemeinschaften an. Auch hier geht es um eventuell notwendige Umbaumaßnahmen. 

Darüber hinaus kannst du Gelder bei Stiftungen beantragen, in deren Zweck zum Beispiel „selbstbestimmtes Wohnen für Menschen mit Behinderung“ steht.

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