„Aktive Gesellschaft – Partizipative Strukturen durch Bürgerbeteiligung“

Moderation: Frank Liffers

Bürgerinnen und Bürger werden aktiv, um ihren Lebensraum gemeinsam zu gestalten, und tragen das Thema Inklusion in die Zivilgesellschaft hinein. Vorgestellt wurden viele gute Beispiele für Partizipation – und wie man sie auf die eigene Situation vor Ort übertragen kann.

Inklusive Räume durch inklusive Prozesse

Sonja Hörster, Geschäftsführerin Institut für Partizipatives Gestalten (IPG), Oldenburg
Der Moderator Frank Liffers steht auf der Bühne. Neben ihm sitzen Gäste.

Neben Erfolgsfaktoren, die zu einem Gelingen von Beteiligungsfaktoren in Kommunen beitragen können, stellte Sonja Hörster ein konkretes gutes Beispiel aus Niedersachsen vor. Beim Projekt Gut Sannum – Freiraum für Alle geht es um die Entwicklung der ländlichen Umgebung eines Wohnheims für Menschen mit Mehrfachbehinderungen.

Gemeinsam mit schwer behinderten Bewohnern, Mitarbeitern und interessierten Bürgern gelang eine vorbildliche inklusive Planung. In einem sechsjährigen Prozess haben sich 25 Personen, alle Laien im Themengebiet Planung, mit dem 75 Hektar großen Gelände beschäftigt und es gemeinsam barrierefrei und attraktiv für alle gemacht. Jeder brachte sich auf seine Weise ein, und am Ende gelang eine Planung von hoher Qualität. Das naturnah gestaltete Gelände mit Genussgarten, Spielplatz und Naturerlebnispfad zieht heute Besucher aus dem gesamten Landkreis an.

Damit Beteiligungsprozesse wie diese gelingen, müssen Haltung, Finanzierung und Qualifizierung stimmen, so Sonja Hörster. „Dann können inklusive Räume entstehen – durch inklusive und lebendige Prozesse“, sagte die Referentin abschließend.

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Beteiligung durch Selbsthilfe 
Patricia Carl, Vorsitzende Bundesverband Kleinwüchsige Menschen und ihre Familien e.V. (BKMF), Bremen

Patricia Carl stellte das Kleinwuchsforum des BKMF als Beispiel für aktive Beteiligung vor. Das Kleinwuchsforum findet immer zu Himmelfahrt statt und erreichte zuletzt über 600 Teilnehmer. Es bietet Betroffenen, Angehörigen und Experten eine Plattform für den Austausch.

Das umfangreiche Programm wird von bis zu 100 Ehrenamtlichen auf die Beine gestellt. Alle Teilnehmer sind eingeladen, ihre Erfahrungen mitzuteilen und einen Part zum Gelingen der Veranstaltung zu übernehmen. Einbringen können sie sich auf vielfältige Weise – von der Organisation über die Gestaltung des Programms bis zu Moderation von Workshops oder Betreuung der Technik.

Beim Kleinwuchsforum beraten sich Betroffene gegenseitig. „Viele denken zunächst: Was ist an meiner Situation spannend? Aber genau um diese alltäglichen Erfahrungen geht es: Sie helfen anderen Betroffenen, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind“, so Patricia Carl. „Durch dieses Wissen gestärkt, kann man sich dann auch an anderer Stelle einbringen – zum Beispiel in der eigenen Kommune. Deshalb ist ein Austausch in geschütztem Rahmen so wertvoll."

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Kulturfestival mit Lebenswelt-Experten

Rolf Emmerich, Sommerblut Kulturfestival, Köln
Der Moderator Frank Liffers sitzt mit seinen Gästen auf der Bühne.

Rolf Emmerich stellte das Kölner Kulturfestival Sommerblut vor. Das Festival bringt ganz unterschiedliche Personengruppen zusammen und beteiligt sie an der Festivalplanung. Sommerblut nennt sich Festival der Multipolarkultur (multipolar = mehrpolig) und ist eine inklusive Kulturveranstaltung.

Dabei werden verschiedene Personengruppen einbezogen. Das Festival hat in den vergangenen Jahren unter anderem Flüchtlinge, Obdachlose, Drogenabhängige, Roma und Sinti, sozial Benachteiligte und Menschen mit Behinderung als Experten für ihre Lebenswelt beteiligt.

Gemeinsam mit Profi-Künstlern hat das Festival Kunst- und Kulturprojekte im Stadtgebiet an den Orten realisiert, die für die Lebenswelt-Experten von Bedeutung sind. Zum Beispiel spielten Profi-Schauspieler und Obdachlose zusammen Theater dort, wo obdachlose Menschen normalerweise leben und schlafen.

„Es braucht Geduld, Zeit, Begegnungen auf Augenhöhe und den Glauben an die Sache – dann funktionieren solche Kulturveranstaltungen auch an anderen Orten“, so Rolf Emmerich.

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Mitstreiter gewinnen durch direkte Ansprache
Torsten Kolodzie, Leitung MCS-Juniorakademie, Bochum

„Wie kann man Leute begeistern? Am besten, indem man selbst begeistert ist, denn das steckt an“, sagte Torsten Kolodzie. Der Lehrer an einer inklusiven Gesamtschule in Bochum hat die MCS-Juniorakademie in Bochum als Plattform für gelebte, universale Partizipation gegründet.

Die MCS-Juniorakademie ist eine außerschulische Bildungseinrichtung, die besondere Erfahrungsräume für Kinder und Jugendliche schaffen möchte. Getragen wird sie vom Matthias-Claudius-Sozialwerk.

Die MCS-Juniorakademie lädt Jugendliche und Kinder mit und ohne Behinderung ein, an den verschiedensten Aktionen teilzunehmen – vom Tüfteln an Autos über Imkern bis zum Programmieren mit Profis. Unternehmer, Einzelpersonen sowie verschiedene Organisationen aus Bochum und der Region öffnen dazu ihre Türen. Der Schwerpunkt liegt auf Naturwissenschaften und Technik. Rund 100 Kinder von 18 weiterführenden Schulen machen durchschnittlich jährlich mit. Das wichtigste Prinzip ist dabei die Freiwilligkeit.

„Um so viele Menschen zum Mitmachen zu gewinnen, muss man zunächst einmal die Hemmschwelle überwinden, einfach persönlich zu fragen“, sagte Torsten Kolodzie. „Nach meiner Erfahrung funktioniert Beteiligung am besten über direkte Ansprache und Anfragen. Ich bin selbst immer wieder erstaunt, wie viele Menschen dann bereit sind mitzumachen.“

Diskussion

Auf dem Podium und im Austausch mit den Zuhörern loteten die Teilnehmer aus, welche guten Erfahrungen der Experten sich auch auf kommunale Partizipations-Prozesse übertragen lassen.

Sie hielten als Erfolgsfaktoren unter anderem fest: Verbindlichkeit, sichtbare Erfolge und nachhaltige Prozessgestaltung gehören ebenso dazu wie das Empowerment, zum Beispiel durch Selbsthilfe, und das hartnäckige „Dranbleiben“ an der Sache.

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