Expertenforum „Inklusion im Alltag: Lebenswerte Lebensräume in Stadt und Land“

Moderation: Stefan Burkhardt

In Städten mangelt es an Wohnraum, auf dem Land fehlt häufig die Infrastruktur. Allerdings gibt es in beiden Fällen Möglichkeiten der Einwirkung. Wie können alle Bevölkerungsgruppen möglichst gesund, lebenswert und glücklich in Stadt und Land leben? Dazu lieferten die Referenten aktuelle Forschungsergebnisse und Beispiele.

Es geht nur gemeinsam
Prof. Dr. Heike Köckler, Dekanin Department of Community Health, Hochschule für Gesundheit, Bochum

Der Referent Ulrich Niehoff erklärt den Teilnehmern etwas. Neben ihm sitzt der Moderator Stefan Burkhardt. Ein Gebärdensprachdolmetscher übersetzt für das Publikum.

Heike Köckler berichtete über ein Projekt an der Bochumer Hochschule für Gesundheit. Darin wurde untersucht, welche Ansprüche und Wünsche Menschen mit geistiger Behinderung an ihren Sozialraum haben und wie man digitale Methoden partizipativer Sozialraum-Analyse gemeinsam mit Menschen mit geistiger Behinderung nutzen kann, um dies herauszufinden.

Anhand von Einträgen barrierefreier Einrichtungen auf der Wheelmap der Sozialhelden verdeutlichte Heike Köckler zunächst den Unterschied zwischen Stadt und Land. Während es in Köln jede Menge barrierefreier Einrichtungen gibt, finden sich für ihr Heimatdorf kaum entsprechende Einträge. Auch die dortige räumlich infrastrukturelle Ausstattung ist mangelhaft. „Im Übrigen“, so Heike Köckler, „ist die Wheelmap ein gutes Beispiel dafür, wie wir die Digitalisierung partizipativ nutzen können.“

Demografischer Wandel heißt neben Überalterung auch, dass wir bunter werden. Zur Abschaffung der Barrieren gehört somit auch die Abschaffung von Sprachbarrieren. Hier kann die Arbeit mit bildlicher Sprache nützlich sein. „Auch wenn wir Kollegen im Team haben, die nicht lesen oder schreiben können, hat sich die Arbeit mit Symbolen als sehr hilfreich erwiesen“, sagte Heike Köckler. In ihrem Projekt wird ein großformatiges Tablet genutzt, auf dem sowohl Informationen bereitgestellt als auch eingegeben werden können. Heike Köckler: „So kamen wir ins Gespräch und konnten Informationen über den Sozialraum gemeinsam mit den Menschen, die ihn nutzen, erheben.“

Gegen Ende ihres Vortrags wies Heike Köckler darauf hin, dass Stadtplanung ein sehr komplexes Thema ist: „80 bis 90 Prozent unserer Städte sind fertig. Diese gesund und barrierefrei umzugestalten, ist viel schwieriger als sie auf dem Reißbrett neu zu entwerfen. In jedem Fall geht dies nur gemeinsam und durch das Zusammenwirken unterschiedlicher Disziplinen. Bei der Betrachtung von Sozialräumen müssen wir von Anfang an alle unterschiedlichen Gruppen, die wir bei Inklusion mitdenken, in einer ernsthaften und ernst gemeinten Beteiligung miteinbinden.“


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Inklusion als Querschnittsaufgabe
Simone Fischer, Städtetag Baden-Württemberg, Dezernat III, Fachberatung Inklusion, Stuttgart

Großaufnahme von Simone Fischer

Im Kompetenznetzwerk Inklusion des Städtetags Baden-Württemberg treffen sich die Mitarbeiter aus den Verwaltungen, die sich mit dem Thema Inklusion beschäftigen, um voneinander zu lernen. Hieraus entstand das Projekt „Inklusive Quartiere in Baden-Württemberg“, dass Simone Fischer in ihrem Vortrag vorstellte.

Gleich eingangs verwies sie auf die entsprechende Online-Dokumentation, in der unterschiedliche Kommunen auf ihrem Weg zur Inklusion in Baden-Württemberg dargestellt werden

„Wenn von Quartiers-Entwicklungen die Rede ist, wird oft nur ein Handlungsfeld und eine Zielgruppe in den Blick genommen. Entsprechend sind auch die Kommunalverwaltungen und die Träger organisiert“, erklärte Simone Fischer. Dagegen betonte sie die Notwendigkeit, alle Handlungsfelder und die verschiedenen Zielgruppen mit den entsprechenden Schnittstellen in den Blick zu nehmen: „Inklusion ist eine Querschnittsaufgabe.“

Inklusion bedeutet, dass unterschiedliche Akteure zusammenwirken und aktiv in den Prozess einbezogen werden müssen. Der Kommune wies Simone Fischer allerdings eine zentrale Rolle bei der Steuerung zu, weil verlässliche Strukturen sinnvoll sind. Entscheidend ist jedoch die Offenheit von beiden Seiten – Kommunen sowie freien Trägern und Bürgern.

Impulse zur Veränderung
Ulrich Niehoff, Referent für „Wohnen und Leben in der Gemeinde“ bei der Bundesvereinigung Lebenshilfe, Berlin

Die Teilnehmer hören gespannt zu und machen sich Notizen. Darunter sind 3 Rollstuhlfahrer.

Ulrich Niehoff stellte den von der Lebenshilfe und der Pädagogischen Hochschule Heidelberg initiierten Index „Wohnen unter Dach und Fach. Index für Inklusion zum Wohnen in der Gemeinde“ vor. Er sprach seine Anerkennung dafür aus, dass es beim Projekt Kommune inklusiv der Aktion Mensch nicht allein um die Behindertenperspektive, sondern um wirkliche Vielfalt geht, sodass niemand ausgegrenzt wird. Mit ihrem Index, der in einem dreijährigen Projektprozess entstand und sich ebenfalls an einem breiten Inklusionsbegriff orientiert, wirbt auch die Lebenshilfe für das Thema Inklusion. „Wir müssen“, so Ulrich Niehoff, „aus der besonderen Situation den Weg in Regelstrukturen finden. Allerdings sollte Inklusion nicht generell verordnet werden, sondern die Wahlmöglichkeit erhalten bleiben.“

Der Index „Wohnen unter Dach und Fach“ fußt auf einem Fragenkatalog. Viele konkrete Fragen zum Thema sind auf Moderationskarten in Leichter Sprache und schwerer Sprache verzeichnet. Ausgehend von Fragen zu den Themen Wie kann man anfangen?, Wie gut sind die Wohnangebote in der Gemeinde? und Welche Ziele sollen wir uns setzen? soll der Index Betroffene und Entscheider miteinander ins Gespräch bringen. Er soll zudem Impulse geben für die Prozessgestaltung zur Veränderung vor Ort sowie eine Hilfestellung zur konkreten Planung von Wohnangeboten und zu deren abschließender Überprüfung liefern. Ein vierminütiger Film illustriert den dreijährigen Projektprozess und skizziert die Konzeption des Index.

Als konkretes Beispiel dafür, wie der Index in die Arbeit einer Gemeinde hineingetragen wird, nannte Ulrich Niehoff die ländliche Gemeinde Parchim in Mecklenburg-Vorpommern, die neben Heidelberg und Oberhausen am Projekt beteiligt ist und in der es viel Leerstand gibt. In Parchim veranstaltete die Lebenshilfe eine Zukunftskonferenz, an der neben Parchimer Bürger auch Vertreter verschiedener Vereine, Wohnungsbauorganisationen sowie Vertreter des ÖPNV und von Volkshochschulen teilnahmen. „Die Veranstaltung hat einiges in Gang gebracht. Zum Beispiel die Beteiligung der Parchimer an einer Bürgerinitiative gegen die Einstellung des dortigen Bahnverkehrs“, berichtete Ulrich Niehoff.

Dorfläden als Inklusionstreiber

Dr. Tobias Federwisch, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung, Erkner/Brandenburg

Anhand eines Beispiels aus dem Werra-Meißner-Kreis im nördlichen Hessen zeigte Tobias Federwisch, wie das Zusammenwirken von Dorfbewohnern, kommunaler Verwaltung, eines Sozialunternehmens und einer Handelskette den negativen Wirkungen des demografischen Wandels in ländlichen Kommunen entgegenwirken und zugleich als Inklusionstreiber wirken kann.

Aus Sicht von Tobias Federwisch kommt der Sozialwirtschaft im ländlichen Raum eine bislang noch vielfach unterschätzte Bedeutung zu. Er nannte drei Funktionsmöglichkeiten eines Sozialunternehmens auf dem Land:

  1. Sicherung der Lebensqualität 

  2. Sicherung der Einkünfte für Bewohner einer ländlichen Region sowie die Ermöglichung einer sinnvollen Beschäftigung

  3. Wirkung als Inklusionstreiber


Voraussetzung ist die Vernetzung der verschiedenen Akteure

Rückansicht der Teilnehmer. Sie hören dem Beitrag von Dr. Tobias Federwisch zu.

Auch im Werra-Meißner-Kreis gibt beziehungsweise gab es aufgrund des demografischen Wandels eine schwindende Infrastruktur und damit einhergehende Versorgungsprobleme. Seit 2010 richtete ein Sozialunternehmen zusammen mit Gemeinden und Bürgerschaft sieben neue Dorfläden ein, in denen Menschen ohne und mit Behinderung im Service-Bereich tätig sind. Letztere wurden zuvor in geschützten Werkstätten betreut. Eines dieser Dörfer ist Frankershausen. Als der dortige Dorfladenbetreiber mit 65 Jahren seinen Laden aufgab, wollten sich die Dorfbewohner um Ersatz kümmern. „Eine aktive Bürgerschaft stieß auf eine engagierte Gemeindeverwaltung“, berichtete Tobias Federwisch.

Bürgerschaft und Gemeinde gingen auf ein Sozialunternehmen zu. Dieses wandte sich an eine Handelskette, die ein Konzept für kleinflächigen Handel entwickelt hatte. 2015 kam es in Frankershausen zur Gründung des neuen Dorfladens. „Das Sozialunternehmen ist in einem Markt unterwegs, in dem kaum jemand anders investieren würde“, erklärte Tobias Federwisch. „Es stieß in eine Marktlücke und wird durch verschiedene Fördertöpfe unterstützt. Inzwischen ist die schwarze Null da.“

Neben der Sicherung der Nahversorgung in Fußnähe und neuer Arbeitsplätze für Menschen mit und ohne Behinderung aus der Region ermöglicht der Dorfladen auch andere Teilhabemöglichkeiten: Ein kleines Dorfcafé mit Gemeinschaftsräumen wird von den Bürgern auch als Treffpunkt genutzt.


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Interview mit Stefan Burkhardt

Expertenforum Demografie_Inklusion im Alltag