Blog: Inklusion

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Blindheit in den Medien (3): Die blinde Liebe

Blogger: Heiko Kunert, am 01.08.2012 um 08:48 Uhr

Wie wird Blindheit in Presse, Literatur und TV dargestellt? Und was sagt die Darstellung über den Umgang mit Behinderung in unserer Gesellschaft aus? In einer dreiteiligen Serie geht Heiko Kunert diesen Fragen nach. Im dritten Beitrag spricht er mit Ulrike Backofen über blinde Liebe. Ulrike Backofen befasst sich seit über 20 Jahren mit der Darstellung von Blindheit und Sehbehinderung und leitet die Bibliothek des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg.

Titelbild des Jugendromans "Der verlorene Blick": Ein blondes Mädchen lehnt mit dem Kopf an einer Wand. Foto: Fischer-Verlag

Blindheit und Liebe, das scheint für einige Autoren ein Widerspruch in sich zu sein. Einige fragen sich, ob ein blinder Mensch überhaupt lieben kann?

In dem Roman "Die Unbesiegte" von Utta Danella gibt es in einer Nebenrolle die blinde Maria. Sie antwortet auf die Frage "Denkst du, man muss sehen können, was man liebt?" mit "Ja". Maria ist zu diesem Zeitpunkt schon eine erwachsene Frau. Später wird sie geheilt und als sie sehen kann, interessiert sie sich erstmals dafür, ob die Männer in ihrem Umfeld attraktiv sind.

Man muss ja nicht so weit gehen, blinden Menschen die Fähigkeit zur Liebe ganz abzusprechen. Aber selbstverständlich ist eine Beziehung zwischen blinden und sehenden Menschen in der Literatur nicht, oder?

In Rudyard Kiplings "Das Licht erlosch" trifft Maisie den Mann, in den sie immer verliebt war, nachdem er erblindet ist. Sie kann Dick so nicht mehr lieben und zieht sich zurück. Diese Aussage ist – so krass formuliert – eine Ausnahme. In einigen Geschichten nimmt aber die blinde Person diese Sichtweise vorweg, indem sie sich freiwillig von ihrem Partner trennt oder ihre Liebe erst gar nicht zulässt. Manchmal lernt der blinde Mensch im Laufe der Geschichte, seine Haltung zu verändern, manchmal trennen sich einfach nur die Wege, und gelegentlich löst eine Heilung das Problem. Die blinde Person ist nicht mehr blind, und damit steht der Liebe nichts mehr im Wege.

Stichwort: Mitleid in der Literatur. Darf man einem blinden Menschen Liebeskummer zumuten?

Meist sind es die Mütter, die sich Sorgen um ihre pubertierenden oder gerade erwachsenen Kinder machen. Während in dem Film "Schmetterlinge sind frei" der blinde Sohn Don darauf besteht, seine Erfahrungen ohne Rücksicht auf seine Blindheit machen zu dürfen, bleiben die Warnungen der Mutter im Jugendroman "Wie Licht schmeckt" von Friedrich Ani unwidersprochen. Ani lässt die Mutter der blinden Sonja sagen: "Mach sie nicht unglücklich, lass sie in Frieden. Sie tut immer so, als wäre sie stark und habe alles im Griff. Aber das stimmt nicht. Sie hat Angst, manchmal panische Angst vor allem, was kommt, vor jedem neuen Tag. Und du hast nichts damit zu tun, Lukas, sei froh, du führst ein anderes Leben, und das soll auch so bleiben." Die beiden verliebten Kids treffen sich nach dem Gespräch mit der Mutter nur noch einmal, danach gehen sie tatsächlich wunschgemäß wieder ihre eigenen Wege. Das Erschreckende an diesen Aussagen ist, dass sie in pädagogisch ambitionierten Jugendbüchern stehen, die sich vordergründig für Toleranz und Verständnis blinden Menschen gegenüber einsetzen.

In welchen Variationen taucht das Thema "Blindheit und Liebe" noch auf?

Liebe kann als Ausgleich für entgangenes Glück gesehen werden. In dem Buch "Die Nacht der hellen Stunden" von Charles Wassermann hat der erblindete Protagonist eine Geliebte. Seine Frau stellt ihn zur Rede. Er begründet sein Verhältnis damit, dass er als blinder Mensch viele Freiheiten nicht mehr hat und sich deshalb wie ein Ertrinkender an jeden Strohhalm klammert, der ihm hilft, seine Einschränkungen vorübergehend zu vergessen. Oder Blindheit ermöglicht eine Beziehung erst. Dies ist immer der Fall, wenn eine Person stark entstellt ist und deshalb abgelehnt wird oder darüber völlig menschenscheu wird. Dieses Motiv gibt es in vielen Varianten. In dem Roman "Licht im Dunkel" verdient die erfolgreiche Autorin Rosamund viel Geld mit ihren Büchern, traut sich aber wegen eines großen Muttermals im Gesicht nicht unter die Menschen. Dann lernt sie einen Piloten kennen, der nach einem Unfall erblindet ist. Die beiden verlieben sich und irgendwann muss sie ihm dann doch von ihrem Gesicht erzählen, bevor es andere tun.

Werden blinde Menschen in der Literatur eigentlich auch mal als begehrenswert dargestellt?

Der Gedanke an Sex mit einer blinden Frau kann einen besonderen Kick verschaffen. In "Himmel über der Wüste" von Paul Bowles reist ein Amerikaner durch Nordafrika und besucht ein Bordell. Eine Tänzerin fasziniert ihn besonders. Als das Mädchen ihren Tanz beendet, merkt er an der Art, wie ihr beim Hinsetzen geholfen wird, dass sie blind ist. Das macht sie für ihn nur begehrenswerter, doch er kann sie nicht haben. Im Roman heißt es: "Und im Bett, ohne Augen, die über das Bett hinaus schauen konnten, wäre sie ganz für ihn da gewesen, eine Gefangene. Er dachte an die kleinen Spiele, die er mit ihr gespielt haben würde, er hätte vorgegeben, fort zu sein, wenn er in Wirklichkeit noch da war, er dachte an die ungezählten Möglichkeiten, wie er sie sich hätte zu Dank verpflichten können."

Welche Funktion übernimmt Blindheit im Trivialroman?

Blindheit kann ein zusätzliches dramaturgisches Mittel in einer Liebesgeschichte sein. In dem Roman "Eine Sünde zuviel" nutzt ein Mann die Erblindung seiner Frau aus, um endlich ein Verhältnis mit seiner Schwägerin Monika anfangen zu können, die Frau sieht es ja nicht. Der Gewissenskonflikt ist bei dieser Konstellation natürlich viel größer als bei einer normalen Dreiecksgeschichte und die Empörung der Leserinnen auch. Dazu passt, was Siegfried Saerberg über Blindheit im Trivialroman schrieb: "Blindheit ist der Katalysator, der die jeweiligen Geschlechterrollen und die mit ihnen verbundenen Moralvorstellungen akzentuiert und in ein körperlich veranschaulichtes Wertefeld einordnet."
Die bisherigen Beispiele strotzen ja nur so vor Klischees. Gibt es eigentlich auch Positivbeispiele?

Es gibt durchaus sehr gelungene Beispiele. In dem Jugendroman "Der verlorene Blick" von Jana Frey verliebt sich die knapp 16-jährige Leonie in Frederik. Kurze Zeit darauf erblindet sie durch einen Autounfall und zieht sich daraufhin von Frederik zurück, aus Angst, enttäuscht zu werden. Schließlich drängt ihre Freundin sie, zu Frederik zu fahren und die Sache zu klären. "Verflixt, Leonie, jetzt hol dir doch endlich dein Leben zurück!" Leonie fährt und stellt fest, dass Frederik sie sehr vermisst hat. Das eigentliche Thema dieses Buches ist Leonies Erblindung und ihre Umstellung auf ein Leben mit Blindheit. Ihre Verliebtheit und ihr Liebeskummer werden sehr nebenbei eingeflochten, es gehört ganz selbstverständlich dazu.

Hat sich die Darstellung von "blinder Liebe" in den letzten Jahrzehnten verbessert?

Leider kann man keine wirkliche Entwicklung feststellen, manches Buch, mancher Film aus den 70er Jahren wirkt moderner als einige Produktionen aus diesem Jahrhundert.


Mehr zum Thema:
Blindheit in den Medien (1): Der blinde Alltag. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert
Blindheit in den Medien (2): Der blinde Zeuge. Ein Blogbeitrag von Heiko Kunert
Die andere Weltsicht – Blinde in der Literatur. Ein Feature im Deutschlandradio

Heiko Kunert

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Kategorie: Inklusion

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