Inklusion leben: Am Arbeitsplatz

Melissa: Teamspielerin mit Durchsetzungswillen

Melissa W. ist eine sehr aktive junge Frau, die das Leben liebt – und für ihr Leben gern tanzt. Beim Tanzen, ihrer Lieblingsbeschäftigung in der Freizeit, wird die Gehhilfe, die sie im Alltag nutzt, zum Sportgerät. Melissa ist selbstbewusst. Aber so selbstbewusst wie heute war sie nicht immer. In der Schule hatte Melissa mit dem Mobbing ihrer Mitschüler zu kämpfen, aber auch mit Lehrern, die wenig Verständnis für ihre Situation aufbrachten. Doch im Rückblick war es für sie sehr wichtig, eine Regelschule zu besuchen - und so die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben als erwachsene Frau zu schaffen.

Keine Bevorzugung

Nach ihrem Schulabschluss an der Realschule hat Melissa eine Ausbildung zur Bürokauffrau beim Deutschen Roten Kreuz in ihrer Heimatstadt Melle begonnen. Seit kurzem hat sie ihren Abschluss in der Tasche. Zwar ist sie die einzige Mitarbeiterin mit Behinderung, aber eine bevorzugte Behandlung bekommt sie deshalb nicht. Das führt auch schon mal zu Konflikten und der ein oder anderen Herausforderung, denn für einige Arbeiten braucht Melissa mehr Zeit. Doch Melissa ist eine Kämpferin! Und mit ihren Kolleginnen im Büro bildet sie inzwischen ein eingespieltes Team. Gegenseitige Unterstützung ist die Grundlage für die gemeinsame Arbeit. So löst sich auch das Problem mit dem Ordner im obersten Regal in Luft auf.

  • Melissa, 22 Jahre, lebt in Melle bei Osnabrück

    Melissa, 22 Jahre, lebt in Melle bei Osnabrück

  • Melissa tanzt mit ihrer Tanzgruppe
  • Melissa im Büro
  • Melissa schminkt sich vor einem kleinen Spiegel
  • Melissa und Freund
  • Melissa tanzt begeistert in der Tanzgruppe

Interview mit Melissa W.

Es war ja nicht von Anfang an klar, dass Sie kleinwüchsig sein würden. Welche Erinnerungen haben Sie an die Zeit davor?
Meine Kindheit war ganz normal. Ich konnte halt nicht so herumspringen, rennen und toben wie die anderen Kids, aber das war mir auch nicht wichtig, ich machte dann halt andere Sachen, zum Beispiel schwimme ich total gerne. Meine Krankheit wurde erst mit sechs Jahren festgestellt. Das war erst ein Schock, auch für meine Eltern. Die Ärzte haben gesagt, ich würde nicht mehr laufen, schwimmen, Fahrrad fahren können. Ich kann es aber trotzdem, weil meine Eltern immer daran geglaubt haben und gesagt haben: „Unsere Tochter kommt nicht in den Rollstuhl, sondern wird weiterhin laufen.“ Dafür habe ich dann den Rollator bekommen. Den Rollstuhl nutze ich nur für längere Ausflüge.

Wie war es, als Sie in die Schule kamen?
Meine Eltern haben darum gekämpft, dass ich in eine Regelschule komme, damit ich den Anschluss an die anderen Kinder nicht verliere. Ich war zuerst in einem ganz normalen Kindergarten, danach auf einer gewöhnlichen Grundschule. Ab und zu gab es Situationen, wo ich sehen musste, wie ich alles hinkriege. Ich kann ja zum Beispiel nicht auf normalen Stühlen sitzen. Also habe ich den TrippTrapp Stuhl bekommen. Man muss halt Ideen haben. Ich wollte eigentlich immer einen normalen Weg gehen, damit ich auch das normale Leben kennenlerne.

Gab es in Ihrer Schulzeit auch Schwierigkeiten?
Während der Pubertät war es manchmal schwierig. Meine Mitschüler haben geglaubt, dass ich von manchen Lehrern bevorzugt behandelt würde. Das war nicht einfach für mich, weil sie mich gemieden haben. Sie haben mir auch Sachen weggenommen und ich durfte nichts sagen, weil ich dann noch mehr Ärger bekommen hätte. Das war schon hart. Vorher war ich selbstbewusst und fröhlich. Durch die Ausgrenzung und das Mobbing ist das verlorengegangen. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen. Aber ich hatte eine starke Familie, die mich unterstützt hat und eine Psychologin, die mich auch aufgebaut hat, Ich habe dann meinen Hauptschulabschluss gemacht und später den Realschulabschluss nachgeholt.

Warum glauben Sie, haben Menschen Probleme mit anderen Menschen, die eine Behinderung haben?
Weil sie es vielleicht einfach nicht kennen. Wenn die Menschen viel mehr mit anderen zu tun hätten, die ein Handicap haben – ob geistig oder körperlich – dann hätten sie auch keine Angst mehr davor. Ein Handicap ist ja nicht ansteckend. Das ist eigentlich nur ein normaler Mensch, halt mit einer Einschränkung. Und wenn man den besser kennen würde, wüsste man: Der tut nichts, der beißt nicht, oder so. Sondern der ist nett, dem kann man helfen, mit dem kann man Spaß haben. Dann würde Inklusion besser funktionieren.

Wie ging es nach der Schule weiter?
Damals habe ich in der Zeitung gelesen, dass eine Tanzschule in Osnabrück Leute suchte, die beim integrativen MusicalOn the telly“ mitmachen wollten. Ich habe mich gemeldet und sie haben mich genommen. In der Tanzschule gibt es so viele verschiedene Menschen – mit geistiger Behinderung, mit Rollstühlen und auch Leute, die keine Behinderung haben. Inzwischen sind wir eine große Familie. Jeder hilft jedem und es gibt kein Ausgrenzen. Zu Anfang hatte ich auch vor Leuten mit geistiger Behinderung Berührungsängste, aber mittlerweile habe ich diese Angst verloren. Durch die Mitwirkung im Musical habe ich mein Selbstbewusstsein wiederbekommen. Ich habe in dem Stück einen Gangster gespielt und außerdem „Dancing Queen“ gesungen. In dem Moment war mein Handicap wie weg. Ich war auf der Bühne, habe mich großartig gefühlt. Wir haben in verschiedenen Städten gastiert, waren auch in Holland. Ich konnte singen und schauspielern und nachher hat der Applaus gezeigt, dass es den Zuschauern gefallen hat. Und das ist das Größte. Da blüht man so richtig auf.

Und wie haben Sie Ihren Ausbildungsplatz gefunden?
Erst habe ich ein Praktikum gemacht beim Deutschen Roten Kreuz. Das hat mir gut gefallen.
Ich kann ja nicht jeden Beruf ausüben, sondern nur Tätigkeiten, bei denen ich nicht so viel laufen und stehen muss. Dann habe ich dort eine Ausbildung begonnen und dabei die
einzelnen Abteilungen durchlaufen. Am liebsten habe ich in der Finanzbuchhaltung gearbeitet, weil da nicht so viel Trubel ist. Man kann sich in Ruhe den Rechnungen widmen. In der Personalabteilung war ich zwar auch gerne, aber die Finanzbuchhaltung ist meine Lieblingsabteilung.

Und wie war das, wenn Sie Unterstützung brauchten, etwa, wenn Sie einen Ordner aus einem oberen Regal nehmen mussten?
Ich habe einfach eine Kollegin oder einen Kollegen gefragt. Ich habe zum Beispiel nicht die Kraft, den Locher runterzudrücken oder um Schlüssel herumzudrehen. Es gab auch eine besondere Kollegin, sozusagen meine Mentorin. Wenn es während der Ausbildung irgendwelche Probleme gab, konnte ich zu ihr gehen und sie um Hilfe bitten. Ich wollte keine Extrawurst, man sollte mit mir so normal wie möglich umgehen. Aber natürlich bin ich viel auf Hilfe und Verständnis angewiesen. Ja, also es ist nicht immer leicht. Ich muss mich immer viel durchsetzen, weil es heißt oft, dass ich mich hinter meiner Krankheit verstecken würde.

Hat sich in den drei Jahren bei der Haltung der Kollegen Ihnen gegenüber etwas verändert?
Sie konnten mit der Zeit ganz anders auf mich eingehen, dachten nicht mehr groß darüber nach, sondern machten es einfach. Es ist ganz wichtig, dass man den anderen besser kennenlernt und nicht gleich von Anfang an sagt: „Der hat diese Einschränkung und kann das nicht“, oder: „Mit dem will ich nichts zu tun haben.“ Das ist immer der falsche Weg. Wenn man abblockt, kann eine Zusammenarbeit sehr schwierig werden.

Wollen Sie weiterhin als Bürokauffrau arbeiten oder könnten Sie sich auch ganz andere Bereiche vorstellen?
Ich könnte mir vorstellen, weiterhin in diesem Bereich zu arbeiten. Aber ich würde auch gerne etwas mit Schauspiel, Gesang und Tanz machen. Moderation im Radio oder Fernsehen würde mich auch interessieren. Wenn es da etwas gäbe, wäre es schön. Wenn es ein Büro ist, ist es auch in Ordnung. Ich gehe erst einmal diesen Weg, damit ich etwas habe. Man kann sich dann immer noch umorientieren.

Würden Sie sagen, Sie können alles erreichen?
Also man kann die Karriereleiter auch im Rollstuhl hochkommen, vorausgesetzt, dass sich das Umfeld auf einen einstellt. Gut, es gibt immer Leute, die sagen: „Nein danke, das wollen wir nicht“. Aber wenn Menschen hinter einem stehen und sagen: „Das schaffst Du. Du hast was drauf“, dann kann man auch mit Gehilfe oder Rollstuhl die Karriereleiter hochkommen. Dann sind keine Grenzen gesetzt. Man muss einfach nur Mut haben, sein Bestes geben und hoffen, dass die Mitmenschen mitziehen.

Inklusion braucht Fragen!

Damit wir gemeinsam herausfinden, wie alle Menschen gleichberechtigt am Leben teilnehmen können – egal ob mit oder ohne Behinderung. „Kommt man auch mit Gehhilfe die Karriereleiter hoch?“ – fragt beispielsweise die Aktion Mensch in ihrer aktuellen Kampagne. Machen Sie mit und stellen Sie Ihre Frage zu Inklusion.

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